Die Verzweiflung in der Klimabewegung ist mittlerweile relativ groß. Man kann das getrost als Tatsache deuten. Beschreibt man nur allein die Abfolge der Ereignisse, wird die Logik offensichtlich. Man braucht nichts zu vermuten.

Anfang des Jahres schien noch alles gut zu werden. Die Klimapolitik hatte endlich Fahrt aufgenommen. Die Ampelregierung hatte sich viel vorgenommen. Es ging nicht mehr darum, ob Menschen zur Erderwärmung beitragen und wie viel überhaupt. Alles drehte sich plötzlich ums Machen. Was konnte man wie schnell verändern und würde das reichen oder würde es weiterer Anstrengungen bedürfen? Das waren die Fragen.

Dann kam der Krieg. Und auch hier lief anfangs alles weiter in dieselbe Richtung. Viel schneller noch von fossilen Brennstoffen wegzukommen, das war nun das erklärte Ziel. Denn die Fossilen waren plötzlich nicht nur fürs Klima, sondern auch geostrategisch gefährlich. Sie machten Deutschland abhängig von dem autoritären russischen Regenten Wladimir Putin, dessen aggressiver Imperialismus mit dem Kauf von Gas und Öl finanziert und so ermöglicht wurde. Diversifizieren und Kappen, hieß es. Erst Ölembargo, dann Gasembargo.

Dann, im Frühjahr allerdings, kippte alles wieder in eine andere Richtung. Mit Katar und Saudi-Arabien wurden neue Abhängigkeiten von autokratischen Regimen und fossilen Brennstoffen geschaffen. Die großen deutschen Konzerne meldeten sich zu Wort, verwiesen auf irreversible Schäden für die Wirtschaft und drohende Massenarbeitslosigkeit. Plötzlich drehte sich der Wind. Als oberstes Ziel wurde nun die Energiesicherheit ausgerufen. Alles andere ordnete sich anscheinend wieder unter. Wie gehabt.

Und nun? Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer hat neulich in einem Zeit-Interview ihren Eindruck einigermaßen frustriert geschildert. Neue Gasverträge statt Embargo, Tankrabatt anstelle autofreier Sonntage, LNG-Terminals für das besonders umweltbedenkliche Flüssiggas vor großen Trassen für die Erneuerbaren. Und dann vielleicht auch noch neue Ölbohrungen in der Nordsee. Grünes Regierungsflair, aber am Ende doch wieder „eine fossile Märchenerzählung“.

Neubauer rechnet mit den Grünen ab

Neubauers Text mündet in einen Aufruf, wieder auf die Straße zu gehen. Man kann das auch als Abrechnung mit den Grünen verstehen, deren Mitglied Neubauer zwar ist, an deren Regierungsbeteiligung Klimaaktivisten aber vielleicht zu große Hoffnungen knüpfen. Knüpften kann man schon fast sagen. Die Ernüchterung ist gerade ziemlich groß.

Luisa Neubauer ist noch da. Sie sitzt weiter in Talkshows und äußert sich, aber ihre Bewegung ist in der Pandemie ganz schön geschrumpft. Auf der anderen Seite gibt es vielleicht auch schon Radikalisierungstendenzen. Da ist „die letzte Generation“, eine Bewegung, die den eigenen Körper zum Teil einer Kampfzone erklärt. Erst Hungerstreik, dann Festkleben auf der Autobahn. Die Aktivisten blockieren Tanklager-Zufahrten und dringen in Pumpstationen ein, um Pipelines abzudrehen.

Rund herum sind schon viele ziemlich nervös. Auch das wäre eine Deutung der bislang nicht erklärten Äußerung von Bundeskanzler Olaf Scholz auf dem Katholikentag, als Aktivisten dazwischen riefen und Scholz die „schwarz gekleideten Inszenierungen bei verschiedenen Veranstaltungen von immer den gleichen Leuten“ „an eine Zeit, die lange zurückliegt“ erinnerten. Ein Nazi-Vergleich, hieß es von Seiten der Aktivisten und das blieb so stehen – unerklärt.

Jüngst sorgte dann Luisa Neubauer mit einer Anspielung auf einen Buchtitel „How to blow up a Pipeline“ (deutsch: Wie man eine Pipeline in die Luft jagt) für Wirbel. Es ging um die noch nicht gebaute East African Crude Oil Pipeline (EACOP) von Uganda nach Tansania, aber ganz rechts im politischen Raum wittert man sofort Klima-Terrorismus.

Erpressung durch Klimaaktivisten

Man muss das alles nicht gut finden, auch die Erpressung durch Klimaaktivisten nicht. Sie berufen sich auf Alternativlosigkeit, aber das tun die anderen auch. Und trotzdem kann man die Ziele teilen. Etwas gerät gerade aus dem Blick, und das ist das Klima, da haben die Aktivisten recht.

Wenn die Grünen nicht demnächst rapide an Glaubwürdigkeit verlieren wollen, müssen sie dringend zurück zur eigenen Programmatik. Vielleicht wäre es auch günstig, wenn die Parteiführung manchmal ein wenig Widerspruch zulassen würde. Schließlich ist die Partei vor allem für Ökologie und Klimafreundlichkeit gewählt worden. Das verschwindet gerade hinter all den Behauptungen von Zwangsläufigkeiten.