Der Zaunbau zu Brandenburg: An der Grenze zu Polen soll nun ein durchgängiger Zaun errichtet werden.
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BerlinDie Krankheit ist da, sie breitet sich immer weiter aus: Täglich steigen die Zahlen, täglich werden neue Todesopfer gefunden. Gemeint ist nicht Corona, sondern die Afrikanische Schweinepest. Eine hochansteckende Krankheit, die mit dem alarmistischen Namen „Pest“ versehen wurde, die alle betroffenen Schweine ganz schnell tötet und die deshalb als „Ebola für Schweine“ bezeichnet wird. Diese Pandemie in der Tierwelt hat vor zwei Wochen Deutschland erreicht und für massive Schäden bei Bauern und in der Fleischindustrie gesorgt. Denn obwohl bislang nur Wildschweine betroffen sind, kann kein Schweinefleisch mehr an wichtige Abnehmer in Asien exportiert werden.

Doch was passiert in der Öffentlichkeit? Nicht viel. Die Leser der elektronischen Medien interessieren sich nicht allzu viel für ASP, wie die Krankheit abgekürzt heißt. Es ist anders als bei vergleichbaren Epidemien, anders als beim Rinderwahn oder der Vogelgrippe. Da drehte die Gesellschaft fast durch. Lange Zeit schaffte es jeder H5N1-Vogel auf die Titelseiten, derzeit stehen die toten Wildschweine meist in den Nachrichtenspalten. Damals scheuten sich viele Leute davor, Fleisch zu kaufen. Manche trauten sich nicht mal, ihre Schuhe anzufassen, weil die Sohlen auf der Straße vielleicht Vogelkot berührt hatten.

Die Angst war überall. Und Angst gilt nun mal als prioritäres Gefühl. Da Angst überlebenswichtig ist, drängt sie andere Gefühle mit Nachdruck in den Hintergrund. Wer nachts beschwingt aus einer Kneipe kommt und plötzlich in einer Seitenstraße einen bedrohlichen Schatten erahnt, spürt sofort im Nacken, wie die Angst alle wohligen Erinnerungen an den Abend verjagt. Und bei Krankheiten regiert die Angst ganz schnell. Dann verliert unser großes kluges Vernunftshirn ganz schnell seine scheinbare Überlegenheit und wird vom kleinen fiesen Angstgehirn ausgetänzelt. Doch auch dessen Kapazitäten sind begrenzt.

Und so stellt sich bei der ASP die Frage: Vor wie vielen Dingen kann man gleichzeitig so richtig Angst haben? Vor Flöhen und Läusen? Vor Trump und Kim Jong Un? Vor dem Klimawandel und dem neuen Nationalismus? Vor der Pest und vor Corona? Das ist wohl etwas zu viel für unser Angsthirn. Es kann und will nicht vor zu vielen Dingen gleichzeitig Angst haben. Ein paar Dutzend tote Schweine können da nicht gewinnen gegen 280.000 Corona-Kranke in Deutschland  und fast 10.000 Leute, die an oder mit der Krankheit gestorben sind.

Da ist ASP nicht so wichtig. Im Internet werden sogar eher Nebendebatten geführt: Manche Leute reden nicht über die Gefahren, sondern finden den Namen anstößig – Afrikanische Schweinepest. Nach dem Motto: Warum wird ein ganzer Kontinent für die Krankheit in Geiselhaft genommen? Allerdings gibt es auch eine andere Variante: die KSP, die Klassische Schweinepest. Es kollidieren also alte Namen mit neuen Befindlichkeiten.

Grundsätzlich kann Angst ansteckend sein und zur Panik führen. Aber dazu ist ein gesellschaftlicher Kochtopf der Hysterisierung nötig. Doch unsere Gesellschaft ist seit Ende Februar im Angstmodus, und viele sind nun erschöpft. Noch dazu, weil nicht alle gleich viel Angst verspüren. Frauen sollen deutlich mehr Angst haben als Männer, weil diese Gefahren leichter ignorieren. Viele junge Leute haben ihre Angst verloren, weil in ihrer Altersgruppe die Corona-Symptome meist milder sind, anders als bei alten Menschen. Und bei denen sehen Forscher das Problem, dass sie sich wegen ihrer Lebenserfahrung oft nicht so sehr vor Krankheiten fürchten: Ihre Angstrezeptoren im Gehirn sind schon abgenutzt.

Es gibt eine gewisse Corona-Müdigkeit oder Genervtheit. Und dann wird auch noch seit Wochen vor einer zweiten Welle gewarnt. Manche fordern sogar einen erneuten Lockdown. Da ist kein Platz für die Schweinepest. Dass sie die Schlagzeilen nicht beherrscht, hat durchaus Vorteile. Im Schatten der Corona-Debatten sehen sich die Verantwortlichen hoffentlich nicht genötigt, aktionistisch zu handeln, sondern können ein abgestimmtes Krisenmanagement aufbauen. Aber das Schattendasein kann auch klare Nachteile haben: Ohne Aufmerksamkeit und öffentlichen Druck könnten es Politiker versäumen, schnell und konsequent zu handeln. Aber genau das ist dringend notwendig.

Diese Pandemie muss aufgehalten werden. Die ASP wurde von Afrika nach Georgien eingeschleppt und ist inzwischen längst eine europäische Krankheit, die ihren Weg über Russland, das Baltikum und Polen zu uns fand. Nun steht Deutschland in der Pflicht, die weitere Ausbreitung nach Westeuropa zu stoppen.