Katharina Martell ist stellvertretende Leiterin des Notdienstes für Suchtmittelgefährdete und -abhängige Berlin e. V.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

Berlin - Das Wartezimmer ist leer. Seit der Corona-Krise beraten Katharina Martell und Heike Krause vom Verein Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige oft per Video, Telefon oder nach Termin ihre Klienten. Der Notdienst ist für Schöneberg und Tempelhof zuständig. Katharina Martell ist stellvertretende Einrichtungsleiterin. Hier können Menschen Kondome bekommen, Spritzen tauschen und sich beraten lassen.

Einrichtungen wie diese sind in Deutschland dringend notwendig. Denn der neue Lagebericht des Bundeskriminalamts zur Drogenkriminalität verheißt nichts Gutes. Die Rauschgiftdelikte nehmen seit neun Jahren in Folge zu. Insbesondere die Delikte rund um Kokain sind allein 2019 um 12,2 Prozent angestiegen. Haben die Deutschen ein Drogenproblem?

Eher Probleme, die sich mit Drogen lösen lassen. Vorerst zumindest. „Drogen lösen erst einmal jedes Problem“, sagt Katharina Martell. „Sie fördern Entspannung und hellen die Stimmung auf. Das ist wie bei Alkohol“, erklärt sie. Beim Kokain, das als Partydroge bekannt ist, schätzen Konsumenten jedoch die leistungssteigernde Wirkung. „Manche Studenten schreiben unter Kokain ihre Arbeiten. Kokain ist auch eine Managerdroge. Man kann sich dabei sehr gut fokussieren und konzentrieren.“ Das Problem besteht allerdings dann, wenn man nicht mehr ohne kann. Kokain macht psychisch abhängig. Katharina Martell erklärt, dass die Leute am sogenannten Konsumkater leiden. Sie sind beispielsweise antriebslos und spüren ein Verlangen nach der Droge.

Typische Kokain-Konsumenten gibt es nicht

Ein typischer Kokain-Konsument existiert nicht. „Das geht durch alle Schichten und Berufe. Es gibt auch Jugendliche, die das schon genommen haben.“ Wer Kokain nimmt, nimmt meist auch anderes. „Früher hieß es, die Kiffer gehen aufs Gymnasium und getrunken wird auf der Hauptschule“, berichtet die Pressereferentin Krause. Dieses Klischee, wenn es denn je zutraf, gilt heute nicht mehr. „Wenn Leute Drogen nehmen, dann bunt gemischt“, sagt Krause. Der Mischkonsum sei weit verbreitet. Denn wer erst einmal eine Droge probiert hat, lässt sich auch schneller auf eine neue ein. Wenn es auf einer Party Kokain gratis gibt, greifen sie zu. Mit einer Probierpackung in die Abhängigkeit.

Die Zahlen des BKA-Berichts spielen sich in der Drogenberatungsstelle nicht wider. „Bei uns sind die Zahlen gleichbleibend“, so Martell. Rund 1200 Menschen hat die Drogenberatungsstelle im vergangenen Jahr betreut, also mindestens zweimal beraten. Erstkontakte, beispielsweise telefonische Beratung, haben wesentlich mehr Menschen gesucht. „Hier kommen die Leute her, die eine Problematik haben“, sagt Martell. Jugendliche hingegen kämen selten freiwillig. „Die werden von ihrer Mutter oder dem Richter geschickt.“ Insgesamt suchen mehr Männer als Frauen die Hilfe auf. Die Hilfesuchenden sind zwischen Minderjährigkeit und 70 Jahre alt.

Musikalische Vorbilder und kulturelle Gründe für Tilidin

Nach Recherchen des NDR fallen Jugendliche besonders beim Konsum einer Droge aus dem Rahmen: Tilidin. Die Recherchen berufen sich auf Informationen der Krankenkassen. Demnach ist der Verbrauch des rezeptpflichtigen Schmerzmittels zwischen 2017 und 2019 in der Gruppe der 15- bis 20-Jährigen um das 30-Fache angestiegen.

In der Drogenberatung bei Krause und Martell macht Tilidin nur einen geringen Prozentsatz aus. Einen massiven Anstieg nehmen sie nicht wahr. „Tilidin ist nicht neu und spielt seit vielen Jahren eine Rolle. Vor allem bei männlichen Jugendlichen in der arabischen Community wird das konsumiert, weil man keinen Alkohol trinken darf“, berichtet Krause. Doch auch Idole wie Capital Bra können Einfluss nehmen. Der Rapper hat eine große Reichweite, erwähnt das rezeptpflichtige Schmerzmittel in vielen Songs. „Gib mir Tilidin, ja ich könnte was gebrauchen, Wodka-E um die Sorgen zu ersaufen …“, heißt es im Song namens „Tilidin“ mit dem Rapper Samra. 40 Wochen war der Song in den deutschen Charts, erreichte sogar Platz eins.

Tilidin löst Angst und das Schmerzempfinden auf. Auch Flüchtlinge nehmen laut der Sozialarbeiterin die Tabletten, die zu den Opioiden gehören. „In Afghanistan beispielsweise ist Opium weit verbreitet. Hier aber nicht“, sagt Martell. Manche entscheiden sich für die härtere Alternative: Heroin. Es kam ursprünglich Ende des 19. Jahrhunderts als Schmerzmittel auf den Markt und wirkt fünfmal stärker als Tilidin.

An den Stoff zu kommen, ist für die Konsumwilligen nicht schwer. Ob in der Hasenheide oder in U-Bahnhöfen, die Dealer stehen überall. „Und es gibt Bars, die extra dafür da sind, um Drogen zu verkaufen“, erzählt Martell. Es ist die Ausstrahlung, die Dealer Abhängige oder Ehemalige sofort erkennen ließe. Die Koks-Aura kann einen Neuanfang zunichte machen.

Doch warum nehmen Menschen Drogen? „Ich denke, es ist die Sehnsucht nach dem Rausch“, meint die Sozialarbeiterin Martell. „Und Neugier.“ Schon immer haben Drogen, bewusstseinsverändernde Substanzen, eine Rolle in der Menschheitsgeschichte gespielt. Keine Gesellschaft, keine Epoche war frei von Rausch. Die Sucht wird durch drei Faktoren beeinflusst: die Verfügbarkeit von Drogen, das soziale Umfeld sowie die Persönlichkeit des Menschen. Erst das Zusammenspiel macht die Sucht aus.

Sucht ist wie jede andere psychische Krankheit. 

Heike Krause, Pressereferentin

Die Drogenberatungsstelle verfolgt verschiedene Ziele. Um die Sucht zu bekämpfen, lernen die Leute Bewältigungsstrategien, neue Verhaltensmuster. Doch das dauert seine Zeit. Wenn nach ein paar Tagen der Körper frei von Drogen ist, fängt die eigentliche Arbeit an. Die Kopfarbeit. Rückfälle sind dabei nicht ausgeschlossen. Die Sozialarbeiterinnen verbuchen das trotzdem als Erfolg. „Sucht ist wie jede andere psychische Krankheit. Das hat nichts mit schwachem Willen oder Charakterschwäche zu tun“, sagt Heike Krause. Sie fordert deshalb eine neue Drogenpolitik. Die beiden Frauen befürworten, dass Drogenkonsumenten entkriminalisiert werden. „Wir sehen, dass reine Verbote nicht zu weniger Fallzahlen führen.“ Zielführender seien hingegen weniger Tabus und Stigmatisierung um das Thema. Noch immer ist der Angang für Betroffene mit großer Scham verbunden. Allerdings, so stellt Krause klar, sind nicht alle Drogenkonsumenten Opfer. „Das ist schlichtweg falsch!“ Nicht alle wollen ihren  Konsum komplett aufgeben, sondern einfach besser kontrollieren. „Wir sind ihnen bei der Konsumkompetenz behilflich.“

10,4 Millionen Euro hat die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung hat im Jahr 2019 für die Drogen- und Suchthilfe verausgabt. Für 2020 stehen 12,2 Millionen Euro zur Verfügung.