Olaf Scholz (M.) will Angela Merkel im Amt beerben.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

BerlinDer künftige SPD-Kanzlerkandidat wirkt auf dieser bedeutsamen Pressekonferenz am Montagnachmittag erst einmal wie ein Zuschauer bei einem Tischtennisturnier. Am Morgen hat die SPD bekanntgegeben, dass sie mit Olaf Scholz an der Spitze in den Bundestagswahlkampf ziehen wird und damit für Aufregung im politischen Berlin gesorgt. Jetzt steht er zwischen den beiden Parteivorsitzenden und lächelt.

Viel mehr bleibt ihm erst mal nicht zu tun, denn Saskia Eskens, die links von ihm steht, und Norbert Walter-Borjans zu seiner Rechten übernehmen zunächst das Reden. Es geht um Hartz IV, das Konjunkturpaket, den Klimawandel, Flächentarifverträge, ja sogar das Paketbotengesetz. Mal spricht Eskens, mal Walter-Borjans. Die Absicht ist klar: Es geht um die Inhalte, nicht um Personen. Scholz dreht sich zu jedem hin, der gerade an der Reihe ist. Rechts, links, ping, pong. Eine geschlagene Viertelstunde geht das so. 

Vielleicht lässt Scholz in dieser Zeit das letzte Jahr an sich vorüberziehen und schüttelt selbst ein bisschen den Kopf, welchen Lauf die Dinge manchmal nehmen. Vor einem Jahr unterlag er völlig überraschend bei der Wahl zum Parteivorsitz gegen das Duo, das ihn nun inthronisiert. Und das angetreten war, um die große Koalition und damit ihn als Vizekanzler abzusetzen. Acht Monate sind die beiden Vorsitzenden nun im Amt und die ganze Zeit Außenseiter geblieben. Scholz dagegen wurde in dieser Zeit als Finanzminister zum Manager, der die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie abfedert und sich dabei nicht scheut, Milliardensummen auszugeben. Als er zusammen mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier die ersten Rettungsmaßnahmen vorstellte, erklärte er dazu, man wolle „mit Wumms aus der Krise kommen“. Für ihn selbst gilt das nun ohne Zweifel. „Olaf hat den Kanzler-Wumms“, twitterte Saskia Esken am Montagvormittag. Das hätte vor Monaten niemand für möglich gehalten.

Nun aber überraschte die Personalie an sich kaum noch. Eher war es der Zeitpunkt der Bekanntgabe. Am Sonntag hatte Esken im Sommerinterview noch erklärt, dass die SPD auch einen grünen Kanzler wählen würde, wenn die Mehrheiten entsprechend ausfielen. Die Umfragen legen es nahe: Die SPD liegt derzeit bei 15 Prozent, die Grünen bei 18 Prozent. Die Union allerdings kommt auf 38 Prozent und daher wird das mit der Kanzlerschaft für Olaf Scholz vermutlich doch eher ein Traum bleiben.

Doch er ist gewillt, dafür zu kämpfen. Das zeigt sich am Montag, als er dann doch endlich selber ans Mikro tritt. „Es beginnt eine neue Ära“, sagt er und spricht über den Respekt für die kleinen Leute, die die Republik am Laufen halten. Er kündigt ein Zukunftsprogramm an, das auch einen starken europapolitischen Aspekt haben soll. Der Hamburger präsentiert sich mit energischen Gesten und für seine Verhältnisse fast schon emotional. „Ich freue mich über die Nominierung“, sagt er. „Und ich will gewinnen.“

Die SPD zeigt sich geschlossen und gleichzeitig beglückt darüber, dass sie sich geschlossen zeigt. „Ich freue mich von ganzem Herzen“, sagt Familienministerin Franziska Giffey  geradezu euphorisch und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Auch die Parteilinken loben die Personalentscheidung, die der Parteivorstand einstimmig getroffen hat – wenn auch nicht ganz so enthusiastisch. „Mit Olaf Scholz als SPD-Kanzlerkandidat erhalten die Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, einen erfahrenen und zugleich besonnenen Politiker an die Spitze unseres Landes zu wählen“, twittert Matthias Miersch, Sprecher der Parlamentarischen Linken in der SPD-Bundestagsfraktion. 

Nur Hilde Mattheis mag nicht so recht in den Jubel einstimmen. Sie sei zwar nicht überrascht, sagt sie der Berliner Zeitung, begeistert sei sie aber auch nicht. Vor allem kann sie sich nicht vorstellen, wie Scholz als Vertreter des rechten Flügels ein derart linkes Programm vertreten soll. „Ich hätte mir gewünscht, dass dem Mut der Basis, das ein linkes Führungsduo gewählt hat, auch bei der Kandidaten-Frage Rechnung getragen worden wäre.“ 

Scholz hat noch ein anderes Problem: Als Finanzminister muss er noch über ein Jahr mit den größten Konkurrenten in der Koalition zusammenarbeiten. Für ihn kein Problem, sagt er am Montag. Auch die Parteivorsitzenden erklären, dass dies noch nicht der Beginn des Wahlkampfes sei. „Das ist eine klare Aussage, dass der Wahlkampf beginnt“, widerspricht der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Er will den Kanzlerkandidaten der Union erst im Frühjahr küren lassen.