Akten der Staatssicherheit der DDR im Originalzustand.
Foto: dpa/Bernd Wüstneck

BerlinAus gegebenem Anlass sei berichtet, wie ich als Westberliner vor gut 47 Jahren mit der Stasi in Kontakt geriet. 1972 hatte ich das Studium beendet, befand mich aber noch in meiner linksradikalen Phase. Als Mitglied der Roten Hilfe kümmerte ich mich – solidarisch, versteht sich – um die „politischen Gefangenen“ der RAF und des 2. Juni, ebenso um gewöhnliche Knackis.

Wer Genaueres wissen will, lese mein Buch „Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück“ (Fischer Taschenbuchverlag). Manche meiner einstigen Genossen grüßen mich deshalb nicht mehr, dafür andere Leute. Jedenfalls klingelte es im Sommer 1972 an unserer Tür, davor stand ein junger Mann und murmelte etwas von Meinungsumfrage. Seine Klamotten und Wortwahl musternd bemerkte ich: „Sie kommen von der anderen Seite der Mauer!?“ Er nickte, sprach von möglichen Einladungen in die DDR usw. Schnell war mir klar, dass hier ein Anbahnungsgespräch stattfand und man sich für das Treiben der Roten Hilfe interessierte. Wir plauderten noch etwas, dann führte ich den Überraschungsgast an mein Bücherregal, wo neben Marx, Lenin und Trotzki auch vier Bände Mao-Tse-tung vom Fremdsprachen-Verlag Peking standen, zeigte auf letztere und erklärte: „Ich glaube, wir haben uns nichts zu sagen.“

Dazu muss man wissen, dass wir damaligen West-Berliner Mao-Fans und Antiautoritäre den DDR-Sozialismus als verspießert und zutiefst revisionistisch verachteten. Ein paar Jahre nach der Wende schaute ich mir mein Stasi-Dossier an, eine sogenannte Opfer-Akte. Darin steht nichts von Roter Hilfe, auch unterschlug mein Gesprächspartner die hübsche Mao-Szene. Würde ich sie nicht erzählen, wüsste niemand davon. In dem Bericht heißt es stattdessen, ich sei ein sozialismusfeindliches bürgerliches Element und für eine Zusammenarbeit gänzlich ungeeignet. Ich könnte mir dieses Dokument übers Bett nageln und so tun, als hätte ich bereits 1972 das SED-Regime konsequent bekämpft. Aber meine Akte lügt, und zwar zu meinen Gunsten.

Warum erzähle ich das? Mich konnte die Stasi nicht in die Mangel nehmen – das war für junge DDRler oft völlig anders. Interessant bleibt, was der Stasi-Mann noch protokollierte: Die Familie Aly hat ein Kind, das zweite ist unterwegs, und sie verfügt zum Leben über 500 D-Mark monatlich. Später erfuhr ich über damalige Genossen, auch solchen aus der Roten Hilfe, dass sie für die Staatssicherheit gespitzelt und dafür monatlich 300 DM kassiert hatten. Das erscheint heute wenig, 1972 war es viel. Vergilbt steht Mao noch immer in meinem Regal (mit Anstreichungen) – längst schon zur Selbstermahnung.

Aus meinen Irrungen folgt für mich, dass ich über die Stasi-Probleme von Ex-DDRlern nicht als moralisch vermeintlich Überlegener urteilen möchte. Meine linksradikalen Genossen von einst stellten und stellen mittlerweile Minister, zwei Bundestagsvizepräsidentinnen, angesehene Autoren, Juristen, Historiker, Kommentatoren der FAZ, der Zeit, der Welt und der ARD. Wir sind in die Mitte zurückgekehrt und nicht selten mit Bundesverdienstkreuzen geschmückt. Das verpflichtet dazu, dem Makel in den Lebensläufen der Anderen mit verständiger Offenheit zu begegnen. Wer frei von Schuld und Irrtum ist, hebe den ersten Stein. Und schon kräht Hubertus Knabe: „Ich! Ich! Ich!“