New YorkDie Nacht legte sich schwer wie Blei auf Manhattan, nachdem die 5000 Wahllokale der Stadt am 3. November geschlossen hatten. Um 21 Uhr, wenn sich in anderen Zeiten der Verkehr lärmend den Broadway hinunter wälzt und die Bars und Restaurants aus allen Nähten platzen, war als einziger Sound am Times Square das Wummern von Polizeihubschraubern zu hören. Nur hin und wieder huschte eine Gestalt an den prophylaktisch mit Brettern vernagelten Schaufenstern von Midtown entlang.

Ansonsten gehörte das vermeintliche Herz der Stadt einem Dutzend Obdachlosen und einer Gruppe von russischen Touristen, die vom Gang der Welt vollkommen unbelastet mitten auf dem Platz vor einer mitgebrachten Lautsprecheranlage den Macarena tanzten. Sie waren vielleicht die Einzigen in der Stadt, die zu diesem Zeitpunkt nicht nervös an ihren Fernsehgeräten hingen.

Das Schließen der Wahllokale war der Endpunkt einer langen Wahlsaison, in die sich die Stadt mit einer Verve wie noch nie gestürzt hatte. 14 Tage lang, von der Eröffnung der ersten Wahllokale, die diesmal den Menschen erlaubten, vorzeitig ihre Stimme abzugeben, sah man in allen Vierteln lange Schlangen vor den Schulgebäuden und Turnhallen, in denen die archaischen amerikanischen Wahlmaschinen aufgestellt waren. Drei, manchmal vier Stunden standen die New Yorker bei allen Witterungsbedingungen auf der Straße, um ihre Stimme abzugeben, und trugen dann stolz ihre Aufkleber an der Brust, die belegten, dass sie ihre Bürgerpflicht getan hatten.

So hatten schon mehr als eine Million Menschen in der Stadt ihre Stimme abgegeben, bevor der Wahltag überhaupt da war. Eine weitere Million hatte per Post gewählt. Die Wahlbeteiligung in der Stadt brach, wie im ganzen Land in diesem Jahr, alle Rekorde. Seit 1908 waren nicht mehr so viele Amerikaner wählen gegangen.

Besonders für New York war dieses Ausmaß an politischem Engagement ungewöhnlich. Die konventionelle Weisheit besagt, dass es in New York egal ist, ob man wählen geht oder nicht, insbesondere bei nationalen Wahlen. Der Staat ist ohnehin demokratisch, und der Präsidentschaftskandidat bekommt dieselbe Anzahl an Wahlmännern, gleich ob eine Million oder zehn Millionen Menschen ihre Stimme abgeben.

Doch in diesem Jahr war alles anders. Die New Yorker hatten dreieinhalb Jahre der Trump-Regierung erdulden müssen, dreieinhalb Jahre, in denen sie für ihren täglichen Zorn kein anderes Ventil hatten als das Gespräch mit der Familie oder die sozialen Medien. Die langen Monate des Lockdowns und die wirtschaftlich angespannte Lage in der Stadt hatten die Anspannung bis an den Rand der Erträglichkeit gesteigert.

So war es eine Befreiung, als es endlich losging. Endlich konnte man etwas tun. Endlich konnte man Washington zeigen, was man von dieser Regierung hält, und sei es nur, dass man am Ende dazu beigetragen hatte, dass Trump in der Auszählung der absoluten Stimmen einen dicken Denkzettel erhält.

Doch das politische Engagement der New Yorker war in diesem Jahr nicht mit der Stimmabgabe zu Ende. Wer irgendwie konnte, der versuchte, mehr zu tun.

So stand schon am frühen Morgen des 3. November Jesse Blackman an der Ecke der 153ten Straße und Amsterdam Avenue und verteilte Flugzettel der Working Families Party an die Wähler. Die Working Families sind eine Macht in der Politik von New York, sie unterstützen seit vielen Jahren links-progressive Kandidaten von Alexandria Ocasio Cortez bis hin zu Stadtverordneten wie Jumaane Williams, und wer es in New York zu etwas bringen will, der buhlt um ihre Gunst. Sie sind straff organisiert und können Hunderttausende von Wählern mobilisieren.

„Es geht uns nicht nur um die Präsidentschaft“, sagt Jesse, der als nur einer von Hunderten von Freiwilligen heute der Working Families Party dient. „Wir wollen auf allen Ebenen unsere Kandidaten pushen und sichergehen, dass links-progressive Politik im ganzen Land vertreten wird.“

Jesse und die Working Families gehören zu denjenigen, die mit Joe Biden nur einen strategischen Pakt geschlossen haben. „Die oberste Priorität für uns ist es natürlich jetzt erst einmal, Trump los zu werden.“ Doch für die amerikanische Linke ist das „kein Ende, sondern ein Anfang.“

Jesse macht sich keine Illusionen, dass Biden eine progressive Politik verfolgt. „Staatliche Krankenversicherung für alle, kostenlose Hochschulausbildung, Wohngerechtigkeit, der Green New Deal“, sagt Jesse, das seien alles Dinge, für die sie in der Partei weiter kämpfen müssen.

Deshalb sind für Jesse und seine Genossen die anderen Politiker, die auf den Wahlzetteln stehen, mindestens genauso wichtig wie Biden. Kandidaten wie Alexandria Ocasio Cortez, die am 3. November ihren Sitz im Repräsentantenhaus verteidigen musste. Oder deren Kollegen aus anderen New Yorker Bezirken wie Jamaal Bowman, ein Schuldirektor aus der Bronx, der sich zum ersten Mal hat aufstellen lassen. Oder Richie Torres, ebenfalls aus der Bronx, der im Fall seiner Wahl der erste Kongressabgeordnete in Washington wäre, der Latino und offen schwul ist.

Doch nicht alle New Yorker, die sich in dieser Wahlsaison engagierten, hatten derart offen politische Ziele. Tausende kanalisierten schon seit Wochen ihren angestauten Frust in neutralere politische Aktivitäten. Simple Tätigkeiten, wie bei Nachbarn anrufen und sichergehen, dass sie in die Wahllisten eingetragen sind und genau wissen, wo sie am Wahltag hingehen müssen. Oder sich als neutrale Beobachter vor die Wallokale stellen, um Störungs- oder Manipulationsversuche zu melden.

Doch jetzt, nachdem die letzte Stimme abgegeben war, war auch all diese frenetische Aktivität zum Stillstand gekommen. Jetzt konnte New York nur noch eines tun: Zusammen mit dem Rest der Welt warten und hoffen, dass man sich Amerika zurückholen kann, dass die Nation wieder eine andere sein kann als die, zu der Donald Trump sie gemacht hat.

Doch das Warten wollte kein Ende nehmen. Der Times Square blieb auch um zehn und um elf Uhr gespenstisch leer. Die Hundertschaften von Polizisten, die aus Angst vor Ausschreitungen abgestellt worden waren, um den Broadway bis hinunter zum Union Square zu sichern, standen um ihre Einsatzwagen herum und langweilten sich. Das Häuflein linker Aktivisten, das sich an der 14ten Straße für den Fall der Fälle versammelt hatte, trank aus Papiertüten Bier und diskutierte immer lauter die Polarisierung und den Rassismus im Land.

Je länger die Wahlnacht in der Stadt ging, desto mehr wich die euphorische Energie der vorangegangenen Wochen einer wachsenden Depression. Gegen 23 Uhr, als sich abzeichnete, dass das Rennen so knapp wird wie noch nie, machte Susan Glasser, Kolumnistin des „New Yorker“, ihrem Frust freien Lauf und artikulierte, was vielen in der Stadt durch den Kopf ging: „Ich kann es nicht fassen, dass nach 230.000 Toten dies der Zustand unseres Landes ist.“

In nur wenigen Stunden war die Hoffnung zerplatzt, dass die Nation Donald Trump für seine Inkompetenz, seine Skrupellosigkeit und seine Korruptheit einen massiven Denkzettel verpasst. Stattdessen sah die Wahlkarte so aus, wie sie immer aussah. Die roten Staaten waren rot, die blauen Staaten waren blau, und die Wackelstaaten wackelten. Amerika, das mussten die Linksliberalen in New York und im ganzen Land bitter einsehen, hat nichts gelernt. Es würde keinen Schnitt geben, keinen dramatischen Neuanfang.

So wachte New York am Tag nach der Wahl mit einem gigantischen Kater auf. Anstatt sich, wie nach der Wahlnacht 2008, in einer neuen Welt wiederzufinden, sah man sich vor einer ähnlichen Zitterpartie wie schon vor vier Jahren. Und Trumps nächtliche Drohungen, in jedem Staat, in dem er zurücklag, das Gericht entscheiden zu lassen, weckte Erinnerungen an das Jahr 2000, als erst das Oberste Bundesgericht nach vielen Wochen eine Entscheidung brachte und das Land beinahe zerriss.

Bis zum Nachmittag hatte New York dann wieder die Kraft gefunden, auf die Straße zu gehen. Immerhin konnte man sich damit trösten, dass AOC ihren Kongresssitz souverän verteidigt hatte und dass sie die neuen Kollegen Jamaal Bowman und Richie Torres mit nach Washington nehmen würde. Und bis zum frühen Nachmittag sah es dann auch so aus, als ob es Biden doch noch mit einer oder zwei Wahlmänner-Stimmen Vorsprung ins Weiße Haus schafft.

Und wenigstens dafür würde New York kämpfen. So fanden sich am Donnerstagnachmittag um vier ein paar Hundert Menschen auf den Treppen der Public Library an der Fifth Avenue ein, um sich aufzubäumen. Für ihre Stadt, für ihr Land und für die Demokratie, die New Yorker, aber auch Mitbürger im ganzen Land in den Wochen vor der Wahl und am Wahltag selbst so eindrucksvoll praktiziert hatten.

Der Marsch war ein wohltuender Trost für den Schock in der Nacht zuvor. Junge Aktivisten von der Working Families Party oder den Democratic Socialists liefen zusammen mit Senioren in Rollstühlen, Familien und ganz normalem Bürovolk die Fifth Avenue herunter und forderten, dass jede einzelne Stimme im Land gezählt wird. In den Restaurants entlang der Avenue standen die Bedienungen und die Gäste gemeinsam auf und spendeten Beifall. Zumindest hier und jetzt fühlte sich Amerika noch nicht verloren an.

Doch das vorübergehende High nahm ein jähes Ende. Nach anderthalb Stunden hatte die New Yorker Polizei die Geduld verloren und entschloss sich, die Versammlung brutal aufzulösen. Beamte in Kampfmontur trieben Keile in die Menge, kesselten kleinere Gruppen ein und verhafteten rund 60 Demonstranten.

Danach legte sich wieder die gleiche gespenstische Stille des Vortags über die Stadt, durchzogen nur von Sirenen. Immer und immer wieder umkreisten Korsos von Einsatzwagen das Greenwich Village, wo die Demos zerschlagen worden waren, und machten ihre Präsenz spürbar. Was blieb, war nach Hause zu gehen. Und zu warten.