BerlinAngela Merkel regiert seit fünfzehn Jahren, sie hat schon viele Krisen überstanden, im nächsten September hört sie auf, sie steckt mitten in ihrem letzten Amtsjahr. Und so wie es aussieht, wird es wohl auch das schwerste werden.

In den vergangenen Wochen und Tagen lernte man eine andere Kanzlerin kennen als die, die man bisher kannte. Man merkt es an ihrer Sprache: Angesichts der steigenden Zahlen von Corona-Infektionen drohe ein Unheil, eine Heimsuchung, soll sie bei verschiedenen Treffen im Kanzleramt gesagt haben. In ihrem wöchentlichen Podcast appellierte sie an die Bürger: „Bitte, bleiben Sie zu Hause.“ Sie ließ den Podcast gleich zwei Wochen hintereinander ausstrahlen.

Unheil, Heimsuchung, Drohungen – solche Vokabeln sind bei Merkel neu. In den vergangenen Jahren konnte man sich drauf verlassen, dass die Kanzlerin in jeder Lage, sei sie noch so ernst, die Nerven behielt, zumindest nach außen. Mit ihrer ostentativen Gelassenheit wirkte sie für viele Bürger wie ein Ruhepol. Sie sei die geborene Krisenmanagerin, hieß es.

2015, als ein Teil der Bevölkerung angesichts der Ankunft Hunderttausender Flüchtlinge verunsichert war, machte sie Mut mit ihrem Satz: „Wir schaffen das.“ In der Corona-Krise klingt sie eher wie: „Wir schaffen das nicht.“ Zum ersten Mal in ihrer Kanzlerschaft wirkt sie besorgt.

Nun könnte man einwenden, dass sich die Lage heute grundlegend von der Flüchtlingskrise unterscheidet. Damals war vielleicht ein Teil der Bevölkerung verunsichert, aber es ging eher um Gefühle, Wahrnehmungen, Selbstbilder. Anders als heute war die Lage nicht unberechenbar. Nie ging es ernsthaft darum, dass ein reiches und gut organisiertes Land wie Deutschland es nicht schaffen würde, genügend Unterkünfte und Sprachkurse bereitzustellen. Die Probleme waren überschaubar. Es ging nicht um eine mögliche Katastrophe wie Tausende Tote, einen Wirtschaftseinbruch, langfristige Schäden.

Vielleicht ist die Situation noch eher mit dem Bankencrash 2008 zu vergleichen. Damals herrschte auch das Gefühl, dass nichts mehr so sein werde wie zuvor. Damals trat Merkel mit ihrem Finanzminister Peer Steinbrück vor die Kameras und versicherte den Menschen, dass die Spareinlagen garantiert sind. Damit verhinderten sie, dass die Banken gestürmt wurden. Die Regierung profitierte davon, einen Wissensvorsprung gegenüber der Bevölkerung zu haben. Beim Coronavirus ist die Regierung von der Wissenschaft abhängig, deren Erkenntnisse im Fluss sind, immer wieder korrigiert werden. Verständlich, dass jemand wie Merkel, die ein vorsichtiger Mensch ist, eher mit dem Schlimmsten rechnet.

Doch sie hat in der Kommunikation auch Fehler gemacht. Im März hielt sie eine emotionale Rede an die Nation, für die sie sehr gelobt wurde. Doch danach tauchte sie ab, überließ den Ministerpräsidenten das Feld. Im Sommer war kaum ein Wort von ihr zu vernehmen. Und jetzt im Herbst ist sie wieder da, mahnend, drohend – doch ohne wirklich zu überzeugen, weil man im Zustand dauerhafter Erregung nicht leben kann.

Doch je mehr sie die Apokalypse an die Wand malt, umso mehr erzeugt sie etwas, was Psychologen „kognitive Dissonanz“ nennen, ein Widerspruch, eine Spannung, die aus unterschiedlichen Wahrnehmungen entsteht. Einerseits soll man ständig aufpassen, andererseits sieht man keine Kranken, melden die Krankenhäuser keine Engpässe. Das erzeugt massive Spannungszustände und Dissonanzen, auch zwischen der Kanzlerin und den Bürgern. Die Kanzlerin misstraut den Bürgern – und umgekehrt. 

Wenn man sich anschaut, wer in der Corona-Krise durch gute Führungsqualität auffiel, kommt man auf die Sozialdemokratin Jacinda Ardern in Neuseeland. Wie Merkel setzte sie früh auf harte Maßnahmen, aber sie kommunizierte anders: wärmer, empathischer, direkter. Sie tauchte nicht ab und tagte hinter verschlossenen Türen. Ihr ist es gelungen, den Ernst der Lage zu vermitteln, ohne die Menschen zu entmutigen, abzukanzeln oder zu ängstigen. Regelmäßig trat sie auch in offenen Runden auf und stellte sich ihren Kritikern. Menschen motivieren, informieren und zusammenbringen, das war ihr Motto. Vor kurzem wurde sie mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt. Corona-Fälle gibt es in Neuseeland kaum.