Diesen Text habe ich in meiner Freizeit geschrieben. Das Tagesgeschäft und der alltägliche Nachrichtenfluss lassen keinen Raum für eine Bestandsaufnahme wie diese, für eine überlegte Antwort auf die Frage nach der Vereinbarkeit. Natürlich habe ich in den vergangenen Tagen immer wieder darüber nachgedacht: Sind Familie und Beruf vereinbar, so wie es Politik und Arbeitgeber gern darstellen, so wie es sich jedes Familienministerium und jedes Unternehmen gern auf die Fahnen schreibt? Gibt es eine Balance zwischen den verschiedenen Lebensbereichen oder scheitern wir schon beim Versuch, diese herzustellen?

Umfragen zeigen, dass knapp jeder zweite Deutsche die Bedingungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf in unserem Land als schlecht beurteilt. Dabei ist die gesellschaftspolitische Relevanz des Themas längst erkannt: 86 Prozent der Deutschen halten Vereinbarkeit für eine dringliche Aufgabe. Als Ausweg werden häufig bessere Kinderbetreuung, flexiblere Betreuungsangebote und Arbeitszeitmodelle genannt.

Vereinbarkeit: Erst das Kind, dann die Arbeit, dann wieder das Kind

Doch die Tatsache, dass dieser Text erst entstehen kann, nachdem ich das kleine Kind ins Bett gebracht und das große mit seinen Sorgen angehört habe, zeigt, von wem in diesem Spiel die größte Flexibilität erwartet wird. Spät am Abend wollen auch noch die Wechselsachen für die Kita und die Brotdosen vorbereitet werden.

Andere Berufsgruppen kennen das mit der immer zu knappen Zeit noch viel besser als meine. Jede Pflegekraft in diesem Land kann von Überstunden ein Lied singen. Und eine Freundin von mir ist Friseurin, sie muss jeden zweiten Samstag arbeiten und verliert damit regelmäßig ein halbes Wochenende mit ihrem Sohn. Das Geld reicht trotzdem hinten und vorne nicht. Mein Mann korrigiert die Klausuren seiner Abiturklasse ebenfalls nach Feierabend, weil er sonst nicht dazu kommt.

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Neue Serie: Familie und Job – die größten Lügen

Beruf und Familie lassen sich wunderbar vereinbaren, denkt man sich, bevor man Kinder bekommt. Etwas später merkt man: Das stimmt gar nicht. Und die Alltagskämpfe beginnen.
Was also läuft immer noch schief, was muss besser werden? Das versuchen wir in unserer neuen Serie über den Mythos der Vereinbarkeit ergründen. Und es wird nicht nur ums Kinderkriegen gehen, sondern auch um Beziehungen, Alter, Krankheit und Vorurteile.

All diese Beispiele machen deutlich: Es gibt sie nicht, die Vereinbarkeit. Sie mag ein wohlklingendes Versprechen sein, aber sie ist und bleibt eine Lüge. Eine Balance ist nicht herzustellen, wenn beide Elternteile arbeiten. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, an allen Fronten, also im Beruf und in der Familie, zu bestehen und im Anforderungsstrudel nicht unter die Räder zu kommen.

Am Ende steht das Gefühl, sein Leben in einer Art 24-Stunden-Dauerlauf zu absolvieren. Und dabei am Ende niemandem gerecht zu werden, am wenigsten sich selbst.

Die Kita ist zu: Schlimme Erinnerungen an Corona-Zeiten

Nehmen wir als Beispiel die Himmelfahrtswoche. Die Kita unseres Sohnes hatte zu, die ganze Woche lang. Uns erinnerte das an noch gar nicht so lange zurückliegende Corona-Zeiten und den Horror, den sie mit sich brachten. Wer nimmt wann frei, wer kann wann zu Hause bleiben, wie schaffen wir das alles, ohne die Großeltern über Gebühr zu strapazieren, die alles andere als um die Ecke wohnen? Letztlich teilten mein Mann und ich uns die Tage auf, irgendwie. Ich arbeitete an Sonn- und Feiertagen, um an anderer Stelle freizuhaben.

Himmelfahrt im Homeoffice, das weckte Erinnerungen an Pandemie-Zeiten. Nie wurde unsere Ehe so strapaziert wie in den Wochen, als wir beide von zu Hause aus arbeiten mussten und ein Dreijähriger unsere ganze Aufmerksamkeit haben wollte.

Natürlich wollte er das! Wie soll man einem Kleinkind erklären, dass man gerade keine Eisenbahnstrecke mit ihm aufbauen kann, weil der Artikel fertig werden muss? Oder dass man gerade keine Zeit hat für das „Feuerwehrmann Sam“-Buch, weil die Schüler im Klassenchat auf den Beginn ihrer Stunde warten? Die Nerven lagen blank. Während Corona zeigte es sich wie unterm Brennglas: Vereinbarkeit gibt es nicht. Schon gar nicht ohne Kitas.

Nach ein paar Monaten Pandemie war ich ausgelaugt, und nichts, nicht einmal das blöde Virus, machte mich wütender als die Kampagnen, die fürs Zuhausebleiben warben und einem suggerierten, was man nun alles Schönes mit seiner „freien Zeit“ machen könne. Ich habe in den beiden Pandemie-Jahren weder ein Netflix-Abo gebraucht, noch habe ich Serien gestreamt, die Herstellung von Sauerteig erlernt oder tolle Filme wiederentdeckt.

Mein Film ist mein Leben, und die Rolle darin fordert mich genug. Wir haben die Himmelfahrtswoche irgendwie rumgekriegt, haben abwechselnd gearbeitet und mit dem Kleinen Ausflüge gemacht, nebenbei die Handwerkertermine gedeichselt, die zu Hause noch anstanden, geputzt, gekocht, die Steuer vorbereitet, eingekauft, bei den Nachbarn die Blumen gegossen, mit der kranken Oma telefoniert, einmal auch Freunde gesehen, abends zum Quatschen.

Eine Woche wie viele, vollgepackt bis unter den Rand, an deren Ende wir zusammensacken und uns fragen, wo die Zeit nur schon wieder hin ist.

Mein Mann schläft freitagabends regelmäßig auf dem Sofa ein vor Erschöpfung, gern auch schon kurz nach der „Tagesschau“. Das gab mir nach Himmelfahrt zumindest die Gelegenheit, das Wochenende zu planen. Denn auch das war voll: Der Sohn hatte seinen wöchentlichen Schwimmkurs und der Mann Geburtstag. Zum Kaffee und Abendessen kündigte sich Familienbesuch an.

Wenn noch ein Baby kommt: Kann man weiter Vollzeit arbeiten?

An dieser Stelle komme ich mir regelmäßig selbst in die Quere. Es gibt sehr schmackhafte fertige Kuchen, die muss man nur rechtzeitig aus dem Eisfach nehmen. Meine Schwiegereltern würden keinen Ton sagen, sie tauen selbst manchmal Kuchen auf. Aber ich möchte das nicht. Meine Mutter und meine Oma haben immer selbst gebacken. Alles, vom Tortenboden bis zur Creme, war handgemacht.

Wahrscheinlich erben die nächsten Generationen diesen Anspruch an sich selbst, jedenfalls stand ich samstags früh auf, ging in die Küche und machte eine Erdbeertorte. Und fürs Abendessen noch ein Chili con Carne, ohne Fertigprodukte, versteht sich. Ich hätte auch Pizza bestellen können, aber hey, bitte schön! Mein Mann hatte schließlich Geburtstag, und mein Sohn sagte später zu mir: „Ich liebe dich, Mama, wenn du Erdbeerkuchen machst.“ Das war wirklich sehr süß.

An diesem Abend, als der Besuch sich verabschiedet hatte, war ich es, die auf dem Sofa einschlief. Am darauffolgenden Tag besuchte ich eine Bekannte, die gerade ihr zweites Kind erwartet. Sie und ihr Mann gehen beide arbeiten, in Vollzeit. Sie wollen es auch mit zwei kleinen Kindern weiter so handhaben. So ist es in meinem Freundeskreis eigentlich überall. Ich kenne persönlich keine Frauen, die länger als das Babyjahr zu Hause geblieben sind.

Es ist wie früher im Osten, nur mit weniger Fremdbetreuung. Meine Bekannte – unsere Kinder gehen in dieselbe Kita – weiß noch nicht, wie sie das alles hinkriegen wird, wenn das Baby erst mal da ist. Sie hat Respekt davor. Dann fragt sie, wie es mir geht und was meine Hobbys eigentlich so machen. Ich muss über die Frage schmunzeln. Als der Kleine noch nicht da war, habe ich einmal die Woche Klavierunterricht genommen. Dafür hätte ich nun wirklich gar keine Zeit mehr. Ich schaffe es ja noch nicht mal, ein Buch zu lesen.

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Wir waren versorgt, von sehr früh bis sehr spät: eine Ost-Berliner Kinderkrippe 1985.

Dabei sind wir zu zweit, das Geld reicht, wir können uns sogar einmal pro Woche eine Babysitterin leisten. Das große Kind ist schon sehr selbstständig und patchworkt zwischen zwei Haushalten hin und her. Mein Mann macht zu Hause alles, was ich auch mache. Er wäscht Wäsche, kocht Essen, bringt den Kleinen ins Bett, er hat in der Babyzeit die Windeln gewechselt und sich in Schreiphasen mit mir abgewechselt, damit jeder mal ein paar Stunden Schlaf bekommt. Wir organisieren uns pragmatisch, teilen uns je nach Lage auf, ohne hinterher aufzurechnen. Das ist ein Segen.

Familie, Arbeit, Arzttermine: Die Zeit reicht einfach nie aus

Und trotz allem reicht die Zeit nie aus. Die Wochen vergehen wie im Flug, sind vollgepackt mit Arbeit, Arztterminen, Familie, Freunden. Und ob privat oder im Job: Die Sorge, nicht genug zu sein, ist ein ständiger Begleiter.

Also schreibe ich den Text noch, den ich eigentlich gar nicht mehr schaffe, schiebe einen anderen Text dafür in den Abend oder auf meinen freien Tag. Ich bin erreichbar, per Mail, per Teams, ich antworte meinen Kollegen, meinen Interviewpartnern und dem Chef auch dann, wenn ich längst Feierabend habe. Oder am Wochenende. Das macht man doch heute so, oder?

Und doch bleibt oft ein schlechtes Gewissen: Bekommen die Kinder genug Aufmerksamkeit? War es richtig, den Posten der Elternvertreterin in der Kita nach einem Jahr wieder abzugeben? Könnte ich meine Oma nicht noch öfter im Krankenhaus besuchen? Und wie lange ich mich schon nicht bei der besten Freundin gemeldet habe! Es ist ein Wettrennen, das man nicht gewinnen kann. Ein Hamsterrad, das sich immer weiterdreht.

Jammern wir zu viel, die Frauen unserer Generation? Sind wir einfach nur nichts mehr gewohnt? Die Frage stelle ich mir oft, gerade wenn auf Social Media die Erregungsdebatten wieder hochkochen.

Ich bin ein Kind der DDR. Meine Mutter hat studiert, immer voll gearbeitet, sehr jung zwei Kinder bekommen. Wie das nun mal so war im Osten. Als wir noch klein waren, hätte meine Mutter gern weniger gearbeitet, aber Teilzeit war nicht vorgesehen. Ihr Chef gab vor, das Problem mit der Vereinbarkeit zu erkennen, er sagte, dafür finde sich schon eine Lösung.

Die Lösung war, dass meine Mutter nie früher Feierabend machte. Dass sie sich nach Dienstschluss abhetzte, mit den Öffentlichen durch die halbe Stadt fuhr, erst ein Kind in Lichtenberg, dann das andere in Hohenschönhausen aus dem Kindergarten abholte, abends völlig erschöpft mit uns nach Hause kam.

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Früher war alles besser? Auch zu DDR-Zeiten hetzten sich die Frauen schon ab, um den Alltag zu bewältigen.

„Du warst morgens das erste und abends das letzte Kind in der Kita“, sagt sie heute zu mir. Damals sei das einfach so gewesen, man habe sich keine Gedanken gemacht. Wir Kinder gingen gern in den Kindergarten, waren nie krank, waren versorgt. Alle Familienaktivitäten schob man ins Wochenende oder in die Ferien. Heute, sagt meine Mama, fühle sie sich manchmal wie eine Rabenmutter. Im Nachhinein, rückblickend. Aber damals, da fehlte sie halt nicht bei der Arbeit, und wir, wir waren ja betreut.

Heute ist der Druck ein anderer. Man würde schief angeguckt, brächte man sein Kind von 7 bis 17 Uhr in die Kita. Andererseits: Bei meinen Arbeitszeiten und Arbeitswegen bräuchte ich eigentlich die vollen zehn Stunden Betreuungsumfang. Wir können von Glück sagen, dass mein Mann meist zeitiger Schluss hat und den Kleinen früher abholen kann. Dass ich mir einen freien Tag pro Woche leiste. Den bezahle ich zwar teuer, ich gewinne aber Zeit mit meinem Kind. So können wir auch mal in den Tierpark gehen, wenn er nicht aus allen Nähten platzt.

Am Sonntagabend, nach einer anstrengenden Himmelfahrtswoche, sitzen mein Mann und ich auf dem Sofa. Die Kinder schlafen, das Telefon steht still, einen Moment lang ist nichts zu tun, nichts zu planen, nur ein Bier zu öffnen. Wir prosten uns zu, trinken einen Schluck. „Ach, uns geht’s so gut“, sage ich. Und ich meine es so. Wir sind geschafft, manchmal frisst uns der Alltag auf. Aber ich möchte nicht tauschen. Also machen wir weiter. Was denn auch sonst?