„Die Ukraine ist bereits verloren “: Recherche zeigt weitere Belege für Russlands Versagen

Schlecht ausgebildete Soldaten, miserable Versorgung und strategische Fehler. Eine Recherche der New York Times zeigt, wie die Invasion der Ukraine für Russland zur Katastrophe wurde.

Russische Rekruten besteigen nach Putins Teilmobilmachung einen Zug im Bahnhof von Prudboi in der Region Wolgograd.
Russische Rekruten besteigen nach Putins Teilmobilmachung einen Zug im Bahnhof von Prudboi in der Region Wolgograd.AP/dpa/uncreditetd

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine war von Anfang an von strategischen Fehlern, politischen Fehlentscheidungen und logistischen Problemen geprägt. Berichte über diese Missstände sind nicht neu.

Eine investigative Recherche der New York Times (NYT) bringt nun weitere Belege für das „historische Versagen“ Russlands in diesem Krieg. Die Zeitung rekonstruiert anhand von Interviews, Abhördaten und geheimen Dokumenten die Geschichte der russischen 155. Marineinfanterie-Brigade und bezeichnet diese als eines der deutlichsten Beispiele für die schlechten Entscheidungen, die die russische Invasion der Ukraine geprägt haben.

Wikipedia-Anleitung für die Bedienung von Waffen

Während des Einsatzes in der Ukraine verfügten die Truppen der Brigade nicht über ausreichend Lebensmittel, wichtige medizinische Hilfsmittel oder Funkgeräte. Sie seien gezwungen worden, Kalaschnikow-Gewehre aus den 1970er-Jahren zu benutzen, die sie nicht bedienen konnten – einige Soldaten, besonders die Jüngeren, mussten auf Wikipedia zurückgreifen, um Anleitungen für den Gebrauch bestimmter Waffen zu finden.

„Wenige Wochen zuvor waren sie noch Fabrikarbeiter oder Lkw-Fahrer gewesen und hatten zu Hause im staatlichen Fernsehen eine endlose Serie angeblicher russischer militärischer Siege gesehen, bevor sie eingezogen wurden. Ein Sanitäter war zuvor ein Barista, der nie eine medizinische Ausbildung genossen hatte“, so der Bericht.

Die Soldaten seien mit veralteten Karten ausgestattet gewesen, um sich im Land zurechtzufinden – einige davon stammten aus den 1960er-Jahren. Viele orientierungslose Soldaten benutzten ihre Mobiltelefone, unter anderem, um Nummern nach Russland anzurufen, wodurch die ukrainischen Streitkräfte sie orten und angreifen konnten. Ihnen wurden zudem völlig unrealistische Zeitpläne und Ziele für die Einnahme ukrainischen Territoriums vorgegeben.

Viele der neu rekrutierten Kämpfer für die Brigade hätten wenig Erfahrung mit Waffen und sehr wenig Munition – man habe ihnen allerdings auch versichert, dass sie keine Kampfhandlungen erleben würden, heißt es weiter. Doch bald mussten die Soldaten erleben, wie ihre Kameraden um sie herum getötet wurden, weil die ukrainischen Streitkräfte auf sie schossen, erst dann sei ihnen klar geworden, dass sie belogen wurden.

„Die Zerstörung des russischen Volkes durch seine eigenen Befehlshaber“

Ein russischer Soldat namens Mikhail, der im Oktober in der Nähe der ukrainischen Stadt Pawliwka mit ansehen musste, wie viele seiner Kameraden starben, sagte der NYT, dass von den 60 Mitgliedern seiner Truppe 40 getötet wurden und nur acht mit schweren Verletzungen davonkamen: „Dies ist kein Krieg“, so Mikhail, den die Zeitung aus einem Krankenhaus in der Nähe von Moskau telefonisch interviewte, „es ist die Zerstörung des russischen Volkes durch seine eigenen Befehlshaber.“

Aleksandr, ein weiteres Mitglied der Brigade, den die NYT ebenfalls in einem russischen Krankenhaus erreichte, beschreibt die Situation noch drastischer: „Beine, Eingeweide. Ich meine, Fleisch. Einfach nur Fleisch“, sagt er. „Ich weiß, es klingt schrecklich, aber man kann es nicht anders beschreiben. Die Menschen wurden zu Hamburgern gemacht.“ Aleksandr beschreibt, wie er und seine Mitstreiter ihren Ausbilder in Russland gefragt hatten, was sie in den wenigen Wochen vor ihrer Entsendung in die Ukraine über die Bedienung einer Waffe und den Beruf des Soldaten lernen könnten: „Gar nichts“, habe dieser geantwortet.

Anhand dieser und weiterer Aussagen geht die NYT ihrer ausführlichen Recherche der Frage nach: „Wie konnte eine der mächtigsten Streitkräfte der Welt, die von einem gefeierten Taktiker wie Putin angeführt wird, gegen ihren viel kleineren, schwächeren Rivalen so derart  ins Straucheln geraten?“

Der Bericht zeigt eine verblüffende Anhäufung von Fehlern, die bei Putins Größenwahn und Besessenheit mit seinem Erbe beginnen und sich mit politischen Fehleinschätzungen sowie strategischen und militärischen Fehlentscheidungen bis heute fortsetzen.

Ehemaliger Putin-Vertrauter Zarjow: „Wir haben die Ukraine bereits verloren“

War das alles vorhersehbar? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Jedenfalls gab es Warnrufe, wie die NYT zeigt. Bereits vor Beginn der russischen Invasion hatte der pensionierte russische General Leonid Iwaschow, nachdem er Berichte über die drohende Invasion gesehen hatte, in einem offenem Brief gewarnt, in dem er erklärte, dass ein Krieg gegen die Ukraine „die Existenz Russlands als Staat“ gefährden würde.
„Noch nie in seiner Geschichte hat Russland so dumme Entscheidungen getroffen“, sagte Iwaschow kürzlich in einem Telefoninterview mit der NYT. „Leider hat heute die Dummheit gesiegt.“

Einige der ursprünglichen Befürworter der Invasion beginnen nun, sich mit dem Gedanken an eine Niederlage zu befassen. Einer von ihnen, der Geschäftsmann Oleg Zarjow, sagte der NYT, er wäre froh, wenn die Kämpfe sofort enden würden – da Russland seit Beginn der Invasion keine einzige regionale Hauptstadt erobern und halten konnte. „Wir verlieren die Ukraine“, sagte Zarjow, „wir haben sie bereits verloren.“