Sabine Rennefanz
Foto: Maurice Weiss/OSTKREUZ

BerlinEin Text, den ich letzte Woche zu der Frage veröffentlichte, ob man für die Kindererziehung bezahlt werden soll, führte in den sozialen Medien zu einer kleinen, aber heftigen Diskussion. Der Ton dabei erinnerte an das Gebaren von Sekten, an die verbissene Haltung einer kleinen, sich erleuchtet fühlenden Gruppe. 

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr halte ich diese Diskussion für ein Ausweichmanöver. Weil man sich nicht mit dem eigenen Partner auseinandersetzen will oder kann, projiziert man Ansprüche auf den Staat, sozusagen den Über-Mann. Dahinter steckt vielleicht eine Hoffnung: Wenn man nur oft genug sagt, dass Windeln wechseln und Putzen echte Arbeit sind, werden sich vielleicht auch mehr Männer darum reißen. Gibt es da nicht andere Möglichkeiten, die Väter ein bisschen anzutreiben?

Während ich darüber nachdachte, sortierte mein Mann die Wäsche. Ich hatte eine Idee: „Möchtest du für deine Reproduktionsarbeit bezahlt werden?“ Er sagte: „Was?“ Er hatte von dem Wort noch nie gehört. Ich wollte ihm eine wissenschaftliche Herleitung geben, aber er unterbrach mich. Er hatte eine bessere Idee: „Ich finde, man sollte das alles ganz anders machen: Väter, die keine Elternzeit nehmen, sollten Strafe zahlen, und zwar eine heftige“, sagte er und verschwand in der Küche. Die Idee hing in der Luft.  Mehr als die Hälfte der Väter nimmt gar keine Elternzeit, daran hat sich in den dreizehn Jahre seit der Einführung nicht so wahnsinnig viel verändert. Kann der Staat es hinnehmen, dass sich die Mehrheit der Väter vor ihrer Pflicht drückt? 

Interessanterweise hat ein anderer Vater, der Autor Alard von Kittlitz, kürzlich einen ähnlichen Vorschlag gemacht. In der Zeit fordert er, Väter zur Elternzeit zu zwingen, Minimum drei Monate, sonst würden sie das Sorgerecht nicht erhalten. Zahlen müssten die Unternehmen oder der Staat, und zwar so, dass die Familien keine Schwierigkeiten bekommen. Das sind doch mal Ideen, die diskutiert werden sollten.

Eine verpflichtende Elternzeit würde nicht alle Missstände beseitigen, aber die Arbeitswelt verändern: Wenn es normal wäre, dass auch viele Männer wegen Elternzeit eine Weile aus dem Büroalltag ausfallen, würden viele Nachteile wegfallen, die Frauen erleben, allein weil es die Möglichkeit gibt, dass sie schwanger werden. Die meisten Mütter nehmen zwölf Monate Elternzeit, arbeiten danach meistens Teilzeit. So entstehen die im internationalen Vergleich spektakulären Lohneinbußen von Müttern. Laut einer Bertelsmann-Studie verdient eine Frau, die ein Kind bekommt, im Laufe ihres Lebens 42 Prozent weniger als eine Frau ohne Kind.

Wäre es üblich, dass auch Männer Elternzeit nehmen, würden womöglich mehr von ihnen feststellen, dass es erfüllend sein kann, ein Kind aufwachsen zu sehen, erfüllender vielleicht als die Anhäufung von Überstunden.

Ich glaube, Väter merken am Anfang oft gar nicht, wie viel sie sich selbst nehmen, indem sie auf die erste Zeit mit dem Kind verzichten. Frauen bleiben zu Hause und entwickeln so einen Vorsprung, und später scheint es, als seien sie besser im Trösten, Füttern und Anziehsachen kaufen. Väter vergeben sich die Chance, von Beginn an Beziehungen zu entwickeln, die nun einmal eine gewisse Zeit brauchen. Und erst viel später, als ältere Männer, stellen sie vielleicht fest, was sie verpasst haben. Dass sie zwar schöne Rentenpunkte gesammelt haben, aber ihre Kinder eigentlich nicht kennen.