Brexit: Am 31. Januar verlässt Großbritannien die EU.
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BrüsselWenn das Vereinigte Königreich am Freitag um Mitternacht die Europäische Union verlässt, wird das Konsequenzen für viele Lebens- und Arbeitsbereiche haben. Betroffen ist neben der Wirtschaft vor allem die Wissenschaft, und zwar auf unterschiedlichsten Ebenen.

Zahlreiche kontinentaleuropäische Forscher sind an den Universitäten und Instituten des Königreichs in führenden Positionen beschäftigt. Sie sorgen sich um ihre Zukunft, weil ihr Status künftig von arbeitsrechtlichen Sonderregelungen abhängt. Ob diese Unsicherheit zu einer verstärkten Rückkehrwelle führt, von der auch Deutschland profitieren könnte, ist noch offen. Boris Johnson hat in einer seiner seltenen Aussagen zu Wissenschaftsthemen angedeutet, dass man Spitzenkräfte in allen Arbeitsbereichen auf jeden Fall halten wolle. Konkreteres war dazu aber noch nicht zu hören.

Britische Europaabgeordnete singen Auld Lang Syne zum Abschied. 

Quelle: France 24

Auf dem Feld der großen europäischen Forschungsvorhaben ist das Vereinigte Königreich der wichtigste Projektpartner für Deutschland. Mit dem EU-Austritt verliert es nun gewaltige Fördersummen. Knapp 5,4 Milliarden Euro haben die Briten im achten Forschungsrahmenprogramm eingeworben – deutlich mehr, als sie zuvor einzahlten.

Wie geht weiter für die europäische Forschung?

Es gibt mehrere Szenarien dazu, was jetzt geschehen könnte. Eine Option wäre, dass das Königreich wie die Schweiz oder Norwegen als assoziiertes Mitglied weiterhin finanzielle Beiträge zur Forschungsförderung leistet und damit seine Antragsberechtigung aufrechterhält. Doch mehren sich in England die Stimmen, die eine solche Lösung kritisieren. Man wäre als assoziiertes Mitglied nämlich zahlungspflichtig, aber nicht mitbestimmungsberechtigt, wenn es um die inhaltliche Ausgestaltung der großen Förderprogramme geht.

Es ist möglich, dass die Regierung Johnson eine konsequente Trennung auch in diesem Bereich forciert und das eigene Wissenschaftssystem durch eine Erhöhung der nationalen Forschungsförderung zu befrieden sucht. Noch sind die Universitäten des Königreichs sehr an einer assoziierten Mitgliedschaft interessiert, wie man gesprächsweise erfährt. Aber wenn ein nationales Förderprogramm mit mehr als einer Milliarde Pfund pro Jahr käme, würde sich das womöglich ändern.

Wie geht es weiter mit Erasmus? 

Für Kontinentaleuropa wäre das angesichts der britischen Forschungsstärke keine gute Perspektive. Betroffen vom Brexit ist auch der Studierendenaustausch. 2017 waren 15 745 deutsche Studierende an Universitäten des Vereinten Königreichs eingeschrieben. Die meisten von ihnen wurden finanziell durch das Erasmus-Programm und zusätzlich durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst unterstützt.

Das ist dringend nötig, denn die Studiengebühren sind hoch, nicht nur an den englischen Spitzenuniversitäten. Zwischen 6 000 und 9 250 Pfund pro Jahr betragen sie, und nach dem Brexit werden die Kosten steigen. Dann nämlich müssen Kontinentaleuropäer die Gebühren zahlen, die für Nicht-EU-Ausländer erhoben werden. Der Satz kann sich in diesem Fall bis auf 30 000 Pfund im Jahr steigern. Kommen die Europäer nicht mehr, werden Studierende aus Asien die Lücke schließen.

Für Europa wäre das eine schlechte Aussicht, aber sie ist recht realistisch. Der Brexit entfaltet nicht nur hier seine negative Wirkung, und es bedarf großer Zähigkeit und Kreativität, um drohende Nachteile für das Wissenschaftssystem abzuwenden.