Zurück in der Schule. 
Foto:  Andreas Klug

BerlinAm vergangenen Sonntag durften die spanischen Kinder erstmals seit sechs Wochen wieder an die frische Luft gehen. Zum ersten Mal seit sechs Wochen. Für eine Stunde. Mit anderen Worten: Die Kinder waren vorher mehr als 40 Tage in ihren Wohnungen. Die Eltern durften raus, um einkaufen oder mit dem Hund Gassi zu gehen. Die Kinder nicht. So ist es in Spanien in den Zeiten der Coronavirus-Pandemie. Man fragt sich, was daran herzzerreißender ist – der pure Umstand oder die Tatsache, dass man das gar nicht so genau gewusst hat.

In Deutschland sind die Kontaktsperren nicht so hart. Hier dürfen Eltern nicht nur mit den Hund raus, sondern auch mit den Kindern. Trotzdem sind auch hierzulande die Kinder die großen Verlierer der Coronavirus-Epidemie. Das macht sich besonders in der jetzt mit Macht aufgeflammten Öffnungsdiskussion bemerkbar. Man kann sich zwar darauf verlassen, dass in jeder Talkshow die wochenlange Schließung von Schulen und vor allem Kitas angesprochen wird – man kann sich aber ebenso sicher darauf verlassen, dass die Bedürfnisse der Kinder darin nur sehr kurz abgehandelt werden.

Danach geht es sofort wieder darum, dass Eltern am Durchdrehen sind, weil sie es mit ihren Kleinkindern nicht noch einen Tag länger in der kleinen Wohnung aushalten. Von der Qualität der Arbeit im Homeoffice unter diesen Bedingungen mal ganz zu schweigen.

Damit das jetzt nicht falsch verstanden wird: Natürlich ist die aktuelle Situation extrem belastend für die Eltern gerade kleiner Kinder. Das weiß jeder, der auch nur die Schließphase des Kindergartens in der Sommerpause durchgemacht hat. Aber warum wird nicht im gleichen Ausmaß danach gefragt, wie belastend es für die Kinder ist, mit ihren gereizten Eltern zusammengesperrt zu sein?

In den Talkshows sind an dieser Stelle längst schon wieder die Möbel- und Autohausbesitzer mit ihren Sorgen an der Reihe. Und ja, auch sie haben Grund, sich zu beschweren. Es wäre aber dennoch mal ganz schön, wenn man mit der gleichen Leidenschaft, mit der die 800-Quadratmeter-Regel diskutiert wird, über ein Konzept für die stufenweise Öffnung der Kitas debattieren würde. Nicht nur für die Eltern, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, sondern vor allem für die Kinder, die ebenso ein Recht darauf haben und eigentlich, im Sinne der Zukunftsvorsorge, mindestens ebenso systemrelevant sind.

Im Grunde aber gehen selbst die fortschrittlichsten Politikerinnen und Politiker davon aus, dass die Kinderbetreuung schon irgendwie von den Eltern geregelt wird. Ist irgendwo halt doch Gedöns. Es wird völlig zu Recht darüber diskutiert, Testkapazitäten auszuweiten, um dann wieder Besucher in Pflegeheime lassen zu können. Von gezielten Tests, um die wenigstens teilweise Öffnung der Kitas zu ermöglich, redet keiner. Mit den Schulen wird ähnlich verfahren.

Es geht nicht um die Schülerinnen und Schüler, sondern um die Prüfungen, die sie ablegen sollen. Die Zehntklässler in dieser Stadt traten am Montag in den hoffentlich wirklich mal gereinigten Klassenzimmern an, weil sie ihren Mittleren Schulabschluss machen müssen. Die Gymnasiasten unter ihnen werden im nächsten Schuljahr ins Kurssystem wechseln. Für die Wahl ihrer Leistungskurse hatten sie keine Gelegenheit, sich genauer beraten zu lassen und mal bei den Größeren in den Unterricht reinzuschauen, wie es früher üblich war.

Man versteht, dass das nicht ging. Aber warum werden sie dann nicht in entsprechenden Gruppen zusammengefasst, um sich aufs nächste Schuljahr vorzubereiten? Wissen zu vermitteln, statt es stur abzuprüfen, wäre in dieser Krisensituation doch viel klüger. Aber nein: Den Jugendlichen, die sich am Montag zum ersten Mal seit Wochen wiedersahen, wurde erst einmal eröffnet, dass in den nächsten Wochen noch eine Menge Klassenarbeiten geschrieben werden.

Es ist eine bizarre Form von Normalität, die da vermittelt wird. Wenn diese Krise irgendetwas Gutes haben soll, dann ist es die Art und Weise, wie wir danach auf unsere Gesellschaft blicken und dabei hoffentlich herausfinden, dass wir solidarischer geworden sind. Was werden wir sehen, wenn wir auf unser Verhältnis zu den Kindern blicken?