Berlin - Plötzlich gibt es eine einzelne Stimme gegen Annalena Baerbock. Die taz empfiehlt Habeck. Und das auch noch aus feministischer Sicht –  nachdem die öffentliche Debatte über die grüne Kanzlerkandidatenkür vom Spiegel über Süddeutsche bis hin zur „Heute-Show“ und zu Jan Böhmermann wochenlang nur in einer Richtung unterwegs war. Umfragen haben Annalena Baerbock ja nicht nur als Kandidatin, sondern sogar schon als künftige Kanzlerin gesehen. Jetzt muss der Zug wohl zwangsläufig mal die Richtung wechseln.

Der Partei wird es recht sein. Als grüner PR-Manager kann man sich über so viel Interesse nur die Hände reiben. Alle Beiträge voller Wohlwollen – das muss man erst mal hinkriegen. Seit Wochen ist die grüne K-Frage Spitzengespräch. Man spürt die Sehnsucht der Sprechenden, es möge immer so weitergehen. Manche sehen Baerbock und Habeck bereits gemeinsam im Kanzleramt.

Ein schöner Traum, und wenn der nicht Wirklichkeit werden kann, bleibt doch der harmonische Eindruck im Wahlkampf: Ein grünes Königspaar klärt die Machtfrage souverän und immer lächelnd unter vier Augen. Kein Messer im Rücken, keine Unverschämtheiten. Nicht gierig und machtbesessen wie bei der CDU. Ein bisschen Windsor in Berlin – im positiven Sinne.

Die Grünen haben niedere Instinkte offenbar weit hinter sich gelassen und konzentrieren sich jetzt aufs Strahlen. Das ist schon interessant zu beobachten. Dahinter gut verborgen liegen allerdings gesellschaftliche Abgründe, auf denen das Ganze in Szene gesetzt ist. Die Frauenfrage, um die hier alles kreist. Und an dieser Stelle tut es dann doch ein bisschen weh.

Selbstverständlich muss es am Montag, wenn die Grünen verkünden, wer die Partei in den Wahlkampf führt, eine Frau werden. Habeck kann es nicht machen. Egal, wer von beiden in welchen Feldern qualifizierter wäre, am Ende muss eine Partei wie die Grünen die Frau nach vorne schicken. Wenigstens die Grünen müssen doch eine Kandidatin fürs Kanzleramt benennen, wenn es schon alle anderen nicht schaffen. So läuft jedenfalls der öffentliche Diskurs. Und dann ist da ja auch noch das grüne Frauenstatut. Die Quote. Nur jeder zweite Listenplatz ist offen, jeder erste ist ein Frauenplatz. Für die Hälfte der Macht. Das wäre natürlich ein Problem für die Grünen, sollten sie einen Mann benennen.

Irgendwie irre. Die Parteiführung könnte den internen Druck natürlich trotzdem unterlaufen, einfach auf Regierungserfahrung verweisen, und damit wäre Habeck gesetzt.

Anders ist es allerdings mit den gesellschaftlichen Erwartungen. Und das ist es eben auch, was wirklich wehtut an dieser Geschichte. Um die ungerechte Verteilung von Macht endlich aus der Welt zu schaffen, muss eine Frau heutzutage einfach alles gleichzeitig schaffen: Kinder, Karriere, Krisenmanagement. Sie sollte Multitasking beherrschen und dabei gut aussehen. Vor allem darf sie sich über die Belastung nicht beschweren. Denn sie hat es ja selbst so gewollt.

Annalena Baerbock erfüllt erst mal alle Erwartungen aufs Vorbildlichste. Sie ist zupackend, schlagfertig und hat auf jede Frage eine Antwort, ohne dabei irgendeinen männlichen Stil zu kopieren. Und doch wird sie belauert, ganz anders als Habeck. Schafft sie das? Kann man ihr die Kanzlerin zutrauen? Da geht es nicht um Regierungserfahrung. Gemeint ist, schafft sie das, obwohl sie eine Frau ist?

Annalena Baerbock hat zwei Töchter, und die sind noch relativ klein. Eine weitere Falle auf dem Weg nach oben. Baerbock darf nämlich ihre Kinder nicht vernachlässigen. Weil eine Mutter das nicht tut. Sie müsste vor der Kabinettssitzung Kuchen für den Basar der Grundschule backen, sollte sie es bis ins Kanzleramt schaffen. Selbst wenn ihr Mann die Kuchen bäckt, müsste sie ihn in die Schule bringen. Denn in der Grundschule hat niemand, schon gar nicht andere Mütter, Verständnis dafür, wenn Mutti niemals auftaucht. Sie wäre eine Rabenmutter, würde sich nicht für ihre Kinder interessieren. Ein Vorwurf, den Habeck umgekehrt niemals bekäme.

Konservatives Frauenbild

So viel zur gesellschaftlichen Realität im Jahr 2021. Dieses Thema war auch ohne die grüne K-Frage schon aufgeladen. Annalena Baerbock ist allerdings die perfekte Folie für eine Vielzahl von Projektionen. Eine weitere davon besagt, dass Deutschland ein modernes, fortschrittliches Land ist. Und der Beweis ist, dass wir eine Kanzlerin haben und keinen Kanzler.

Dass die Realität anders aussieht, dass der Frauenanteil in Aufsichtsräten irgendwo bei knapp über 20 Prozent liegt, verschwindet dahinter. Und das ist bequem. Man muss sich dann keine Gedanken darüber machen, wie das zu ändern wäre und dass die Tendenz sogar wieder rückläufig ist. Dass Topmanagement angeblich nach Härte verlangt und dies unserem Frauenbild widerspricht. Dass Männer im mittleren und gehobenen Management mit konservativen Wertvorstellungen die gläserne Decke hüten. Dass es immer noch mit dem Geschlecht in Verbindung gebracht wird, wenn eine Frau Fehler macht. Dass die zeitfressenden Aufgaben im Haushalt nach wie vor meist von Frauen erledigt werden. Dass viele Frauen ein konservatives Selbstbild haben und entdeckt werden wollen, statt offensiv für sich zu werben.

Die K-Frage der Grünen ist mehr als nur ein netter Anblick. Es wird nicht reichen, Annalena Baerbock zu benennen.