Stuttgart: Microsoft-Gründer Bill Gates ist zum Feindbild diffuser Verschwörungstheoretiker geworden.
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Berlin In der Corona-Krise wird eben sichtbar, was schon vorher in verschiedenen Milieus zum Grundstock der Perspektiven auf die Welt gehörte.

Nehmen wir mal das Natürlichkeitsparadigma. In vielen Kreisen ist es verpönt, etwas zu sein, zu tun oder zu konsumieren, das vermeintlich nicht natürlich ist. Das beginnt bei Chemie als negativer Kontrapunkt zum Natürlichen, so als wäre der Tod nach einer Behandlung mit Naturmedizin segensreicher und besser als das Leben nach Medikamenten aus Chemie. Jeder kann natürlich so natürlich sein, wie er will, doch die Verbreitung solcher Ansichten einschließlich der grundsätzlichen Ablehnung von Impfungen ist gefährlich. Damit verbunden sind Verschwörungserzählungen über die böse, böse Pharmaindustrie. Dass die keinen guten Ruf hat, steht außer Frage, doch die Mythen darüber sind wissenschaftsfeindlich und ignorieren lebensrettenden Fortschritt. Natur und Vernunft waren nie Antipoden. Wer sie gegeneinander aufzuhetzen versucht hat, wird es jetzt in der Pandemiezeit ebenfalls tun.

Einfluss der Rechten

Eine andere Verschwörungsideologie wird vom Rechtsaußen bemüht. Seit einigen Jahren reden Rechtsextreme vom „großen Austausch“, der vonstatten gehen soll. Das deutsche Volk soll demnach durch Migranten ausgetauscht werden. Das wollen besonders die Juden so, damit sie durch Zersetzung des „Natürlichen“, also des Deutschen, besser herrschen könnten. Die Flüchtlinge von 2015 waren dabei erst der Anfang. Deshalb müssen sich die Deutschen gegen Überfremdung und die neue Weltordnung wehren, die die Juden erzwingen wollen. Um das zu erreichen, unterdrücke die Regierung und die globalistischen Eliten – noch sowas Jüdisches und Unnatürliches – die Meinungsfreiheit. Diese Erzählung kursiert seit Jahren. Aus diesem argumentativen Baukasten bedient sich die AfD jeden Tag.

Dann sind da noch diejenigen, die nichts mehr fürchten als Kontrolle. Gedankenkontrolle, Kontrolle ihres Alltags, Überwachung, Zugriff auf Daten, Informationen, Bewegungen. Dazu gibt es gewiss auch Anlass genug, doch was in einigen Kreisen an Ängsten und Aggressionen zutage tritt, hat meist keinen Bezug mehr zu Realität. Da werden Absichten vermutet und Plots erdacht, gegen die so mancher Endzeitthriller wie ein Märchenabend anmutet. Am Ende dieser Art von Verschwörungserzählungen stehen wieder die bösen Mächte, gegen deren Zugriff man sich, auch mit den Mitteln der Gewalt, wehren müsse.

Die nächste Welle kommt

Verschwörungsmythen umgeben uns schon lange, vielleicht wird jetzt erst klar, dass es welche sind. Wenn sich nun einige dieser Milieus auf den „Hygiene-Demos“ oder im Netz treffen, dann, weil sie alle eines gemeinsam haben. Es geht ihnen nicht um Solidarität mit denen, die gerade jetzt besonders zu leiden haben. Was sie wollen, ist sich selbst zu überhöhen, indem sie behaupten, das eine Mittel zu kennen, um dem Bösen ein Ende zu machen. Was sie wollen, ist einen Schuldigen für jedes Problem zu identifizieren. Und, wenn kurz vor dem drohenden Weltuntergang nötig, diesen Feind notfalls zu vernichten.

Jetzt gerade dreht sich die Verschwörungsmaschinerie um Corona. Zu verstehen, wie sie arbeitet, hilft vielleicht bei der nächsten Welle. Denn die wird kommen.