Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU).
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BerlinIm Chiemsee in Bayern gibt es zwei Inseln: die Fraueninsel und die Herreninsel. Wenn die Kanzlerin Angela Merkel und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sich am Dienstag treffen, dann findet die Begegnung auf der Herreninsel statt. Das ist allerdings kein Hinweis auf den künftigen Kanzlerkandidaten. Auf der Herreninsel steht die schönere Kulisse.

Der gelernte Fernsehredakteur Markus Söder hat ein gutes Gespür für PR-Auftritte. Er war es, der die wöchentliche Kabinettssitzung anlässlich des hohen Besuchs von der Münchner Staatskanzlei auf die Herreninsel verlegt hat. Dort steht ein prächtiges Schloss, erbaut von König Ludwig II., nach dem Vorbild des Schlosses von Versailles.

Man kann sich die Bilder schon vorstellen: auf dem Dampfer, vor Märchenschloss und Fontäne. Merkel und Söder – sie waren die prägenden Gesichter der Krise der vergangenen Monate. Merkel und Söder – ein ungewöhnliches Gespann. Er, 53 Jahre, ein 1,94 Meter großer Hüne, auf dem Höhepunkt seiner Macht, sie, 65 Jahre, fast dreißig Zentimeter kleiner, am Ende ihrer politischen Karriere. Es gab Zeiten, da hätte es solche Bilder nicht gegeben, da war sie sein Feindbild Nummer Eins.

64 Prozent für Söder als Kanzler

Jetzt schenkt sie ihm perfekte Wahlkampfbilder, auch wenn es keiner so nennt. Es sollen 23 Grad werden, nicht zu warm, nicht zu kalt, der Himmel blau-weiß. Selbst das Wetter hat Markus Söder im Moment im Griff.

Der offizielle Grund für den Besuch klingt sachlich: Merkel will das bayerische Kabinett über ihre Agenda für die EU-Ratspräsidentschaft unterrichten. Aber wenn sie schon mal da ist, wird sie womöglich auch ein anderes Thema ansprechen.

Kann Söder Kanzler werden? Das ist die Frage, die derzeit viele diskutieren. Kann er Kanzlerin?, fragt der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe. Die Frage hat unter politischen Journalisten die Laschet-Röttgen-Merz-Debatte abgelöst, jede Regung aus München wird genau analysiert. Einer der CDU-Kandidaten für den Parteivorsitz, Norbert Röttgen, angeblich „Muttis Klügster“, ist schon umgeschwenkt und hat als Erster gesagt, er würde Söder die Kanzlerkandidatur zutrauen.

In Bayern hat er Zustimmungswerte von 90 Prozent, laut Politbarometer trauen ihm 64 Prozent der Deutschen die Kanzlerschaft zu. Er liegt damit weit vor Olaf Scholz (SPD) und Friedrich Merz (CDU). Seit Franz Beckenbauer war wahrscheinlich kein Bayer beliebter.

Das ist vielleicht die verblüffendste Entwicklung in den vergangenen Monaten: Wie ausgerechnet Markus Söder es geschafft hat, zum Liebling der Deutschen zu werden.

Harte Abgrenzung gegen die AfD

Sein Aufstieg wäre ohne die Corona-Krise wahrscheinlich nicht denkbar gewesen. Er war der Erste, der Ausgangsbeschränkungen verhängt hat, auch weil Bayern wegen der Nähe zu den Skigebieten in Österreich besonders betroffen war. Neben Angela Merkel wurde Markus Söder zum wichtigsten Krisenmanager: Er wirkte ernst, entschlossen, staatsmännisch, und er redete oft verständlicher und klarer als sie. Das ist eine Qualität, das lernt man in den Bierzelten Bayerns; komplizierte Vorgänge auf griffige Formeln zu bringen, keine Angst vor Vereinfachungen zu haben.

Nach einem Auftritt bei Marietta Slomka im Heute Journal Anfang April lobten ihn viele, die bisher wenig mit der CSU anfangen konnten. Söder wirkte, im Vergleich zum hibbeligen Armin Laschet, der auf schnelle Öffnungen drängte, wie die Stimme der Vernunft. Er mahnte zur Vorsicht bei der Aufhebung der Einschränkungen und forderte früh ein Maskengebot im öffentlichen Nahverkehr. Auf einmal scheint die Vorstellung, dass er eines Tages im Kanzleramt sitzen könnte, nicht mehr wie eine Horrorvision.

Wer war dieser Mann? Und was war mit dem Söder passiert, den man kannte? Der Polterer und Populist Söder, der gegen Asylbewerber pöbelte, von Obergrenzen schwadronierte und Berlin als Resterampe beschimpfte.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Es war, als wären in München Pillen verteilt worden, und der Mann, der einmal so eine Hassfigur gewesen war, der Abscheu produzierte, hatte sich in einen Sympathieträger verwandelt. Er, der immer aneckte, der die Bundesregierung in der Flüchtlingskrise bis aufs Äußerste attackiert hatte, war plötzlich derjenige, der die Entscheidung der Bundesregierung verteidigte.

Da wurden natürlich keine Pillen genommen, Söders einzige Droge ist Cola, laut verschiedener Berichte. Er hat begriffen, dass er Fehler gemacht hat, so kann man zumindest manche Äußerung interpretieren.

Wenn man mal zurückschaut, wäre vor zwei Jahren solch ein freundliches Treffen mit Merkel nicht denkbar gewesen. Damals ließ Söder sich lieber mit Sebastian Kurz, dem österreichischen Kanzler, fotografieren. Söder hatte sich nach der Flüchtlingskrise auf die Kanzlerin eingeschossen, die CSU hatte zusammen mit Horst Seehofer einen Streit über die Rechtmäßigkeit der Offenhaltung der Grenzen 2015 angefangen, der die Koalition fast zum Platzen brachte. In seiner Rhetorik versuchte Söder, die AfD rechts zu übertrumpfen, sprach von „Asyltourismus“, den man unterbinden müsste.

Das kam in Bayern allerdings nicht gut an, viele Menschen protestierten, bei den Wahlen 2018 verlor die CSU zehn Prozent der Stimmen. Söder schwenkte um. Er versprach, den Begriff „Asyltourismus“ nicht mehr zu verwenden, auch bei der Kanzlerin soll er sich entschuldigt haben. Er hatte begriffen, dass es ein Fehler war, die eigene Regierung so zu kritisieren – und damit die AfD zu stärken.

Im vergangenen Jahr erfand er sich neu. Will den Kohleausstieg beschleunigen, Plastiktüten abschaffen, Bäume pflanzen. Mehr Frauen in die Partei holen. Grenzte sich hart gegen die AfD ab, erteilte jeglichen Koalitionen eine Absage.

Sein Vater war Maurermeister

Es wird viel darüber geredet, wie glaubwürdig das ist. Aber ist das wichtig? Ist es nicht wichtiger, dass er in der Coronakrise schnell gehandelt hat?

Söder sei schamlos und clever, „schamlos clever“, so schreiben es seine Biografen Roman Deininger und Uwe Ritzer. Er gilt als unbändig fleißig, arbeitet angeblich jeden Tag von morgens halb sechs bis Mitternacht für die Politik. „Immer da Söder“, so nannten sie ihn in der Jungen Union, heißt es in der Biografie, die den Titel  „Politik und Provokation“ trägt. Darin wird auch folgende Geschichte erzählt: Als junger Wahlkämpfer rief Söder bei einem Kleingartenverein an, er habe von einem Grillfest gehört, ob er nicht das Bierfass anstechen könnte? Nettes Angebot, aber es gebe kein Bierfass. Söder soll dann gesagt haben: „Dann bringe ich das mit.“

Es ist fast egal, ob die Geschichte stimmt, sie erzählt etwas über Söder.

In Homestorys tritt er gern mit seinem Hund auf oder mit seiner Frau. Sie heißt Karin Baumüller, ist eine Diplom-Kauffrau. Seine vier Kinder – drei aus der Ehe mit Karin Baumüller und eine Tochter aus einer früheren Beziehung – schützt er vor der Presse.

Edmund Stoiber (l.) mit Markus Söder.
Foto: Imago/Frank Hörmann

Markus Söder hat sich seinen Erfolg selbst erarbeitet. Sein Vater, Max Söder, war Maurermeister in Nürnberg. Markus Söder studierte Jura, absolvierte eine Journalisten-Ausbildung beim Bayerischer Rundfunk, dann Promotion. Beide Eltern sind früh gestorben. Das wird jetzt manchmal als Antwort genannt auf die Frage, warum er in der Corona-Krise so streng vorging und den Druck, die Einschränkungen früh zu lockern, so hart abwehrte.

Mit 16 Jahren trat er in die CSU ein, über seinem Bett hing angeblich ein Franz-Josef-Strauß-Plakat. Mit 27 zog er als damals jüngster Abgeordneter in den bayerischen Landtag ein. Mit 36 wurde er Generalsekretär. Mit 40 Landesminister. Er hat sich in der Partei hochgekämpft, gegen alle Widerstände. Nicht einmal Horst Seehofer konnte ihn aufhalten, und das will was heißen.

Die Frage, ob er Kanzler werden will, hat Markus Söder bisher verneint. Sein Platz sei in Bayern, lautet seine Standard-Antwort. Was man halt sagt, wenn man sich nicht festlegen will. Gleichzeitig war er in den vergangenen Wochen in den Medien ständig präsent und lässt geschickt Sätze fallen, die man als Urteile über mögliche Konkurrenten aus der CDU lesen kann. Wie neulich, als er sagte, ein Kanzlerkandidat müsse einer werden, der sich als Krisenmanager bewährt habe. Das wurde als Seitenhieb auf den bisherigen Favoriten auf die Merkel-Nachfolge, den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet, gemünzt, der in dem Moment gerade mit neuen Corona-Hotspots in Gütersloh zu kämpfen hatte.

Entscheidung im Dezember

Auffällig war auch, dass der ehemalige CDU-Wahlkampfberater Michael Spreng seit einigen Wochen von Interview zu Interview zieht, Armin Laschet dann kritisiert („Hat sich als Krisenmanager selbst aus dem Rennen geworfen“) und Söder lobt. Spreng war 2002 Wahlkampfberater des Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. Stoiber wiederum ist der Förderer und Ziehvater von Markus Söder.

Da wären wir wieder bei Merkel. 2002 reiste sie – damals als relativ neue CDU-Vorsitzende – nach Bayern zum damaligen Ministerpräsidenten, Edmund Stoiber, und bot ihm die Kanzlerkandidatur an. Damals fehlte ihr der Rückhalt in der Partei. So war das immer: Bayerische Kanzlerkandidaten kamen nur zum Zug, wenn der Kandidat der CDU als zu schwach galt. Das Treffen 2002 ging als „Frühstück von Wolfratshausen“ in die Geschichte ein. Merkels Angebot wurde als Zeichen politischer Klugheit interpretiert, mit ihrem Verzicht begann ihr Aufstieg.

Wird sie Söder am Dienstag auf der Herreninsel die Kanzlerkandidatur anbieten? Das ist rein formal gesehen nicht ihre Aufgabe und fällt nicht in ihre Kompetenz. Das müsste schon der neu gewählte CDU-Vorsitzende machen. Die Wahl findet erst im Dezember statt. Wenige Tage später trifft sich die CSU in Nürnberg, ausgerechnet in Söders Heimatstadt.

Doch bis Dezember kann noch viel passieren. Markus Söder weiß das, er ist ein misstrauischer Typ, er weiß, dass die Umfragen nur Momentaufnahmen sind. Erinnert sich noch jemand an den vergangenen Sommer, damals, als ganz Deutschland in den Grünen-Politiker Robert Habeck verliebt war? Wer Erfolg haben will, muss geduldig sein, das hat Söder von Merkel gelernt.

Das Schloss, das Merkel und Söder am Dienstag auf der Herreninsel besuchen, hat übrigens eine tragische Vergangenheit. Der Bauherr, Ludwig II., starb, bevor das Gebäude fertig wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.