Berlin - Seit Mai vergangenen Jahres ist Alena Buyx Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Seitdem steht sie gewissermaßen im Auge des Sturms. Mit dem Gremium berät sie die Bundesregierung in den ethischen Fragen der Pandemie. Daneben ist die Medizinethikerin gefragte Gesprächspartnerin in den Medien, Anfragen stürzen den ganzen Tag auf sie ein. Dabei ist die Arbeit im Ethikrat ehrenamtlich – hauptberuflich leitet Buyx das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der TU München. Die Doppelbelastung merkt man der 43-Jährigen während des Video-Telefonats nicht an: Leidenschaftlich spricht sie über die großen Fragen der Pandemie, Konflikte als Auftrag und darüber, was es bedeutet, als Wissenschaftlerin plötzlich in der Öffentlichkeit zu stehen.

Frau Buyx, dass der Ethikrat die Politik berät, ist nicht neu, und doch scheint es, als würde er erst durch die Pandemie in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen.

Wenn ich unterwegs bin oder irgendwo auftrete, wird mir manchmal gesagt: „Ich wusste gar nicht, dass es euch gibt!“ Ich glaube, in der Politik waren wir immer schon gut bekannt. Wir sind am Bundestag aufgehängt, unsere Stellungnahmen wurden an den entsprechenden Stellen auch rezipiert. Da hat sich nicht so viel verändert. Aber mit Blick auf die mediale Debatte schon, da ist die Wahrnehmung und Aufmerksamkeit gestiegen.

Die Mitglieder des Ethikrats kommen aus ganz verschiedenen Fachrichtungen. Wenn Experten aus Natur- und Religionswissenschaften aufeinandertreffen – wie ist es da überhaupt möglich, zu einem Konsens zu kommen? Stehen sich die beiden Fächer nicht in vielen Fragen völlig entgegengesetzt gegenüber – etwa, wenn es um die medizinische und die theologische Position bei Fragen von Schwangerschaftsabbruch oder Sterbehilfe geht?

Nein, überhaupt nicht. So stehen sich die Positionen nicht gegenüber bei uns, es gibt ja in der Regel nicht die eine monolithische Position in der einen Disziplin. Denken Sie beispielsweise an die Position der evangelischen Kirche zur Suizidbeihilfe – da gibt es ja innerhalb der evangelischen Moraltheologie Unterschiede. Das ist eben das Komplexe in der Wissenschaft, dass es eine Pluralität nicht nur zwischen den Disziplinen, sondern auch innerhalb einer Disziplin geben kann. Hinter dem Ethikrat steckt genau diese Idee: Die Interdisziplinarität soll ausloten, was das begründbare Positionenspektrum innerhalb von Wissenschaft und Gesellschaft ist. Es geht darum zu ergründen, wie sich diese Positionen zueinander verhalten und ob es einen überlappenden Konsensus gibt, auf dem Empfehlungen aufbauen können.

Der Ethikrat

Der Deutsche Ethikrat bearbeitet naturwissenschaftliche, medizinische und rechtliche Fragen unter ethischen Gesichtspunkten und untersucht die möglichen Folgen, die sich im Zusammenhang mit der entsprechenden Forschung für den Menschen und die Gesellschaft ergeben. Der Ethikrat besteht aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen, darunter Theologie, Medizin und Philosophie. Zu den Aufgaben des Rates gehören die Information der Öffentlichkeit, die Förderung der Diskussion in der Gesellschaft und die Erarbeitung von Empfehlungen für politisches und gesetzgeberisches Handeln für die Bundesregierung und den Deutschen Bundestag. Der Ethikrat legt die Themen für seine inhaltliche Arbeit selbst fest, kann aber auch von der Bundesregierung oder dem Bundestag beauftragt werden, ein bestimmtes Thema zu bearbeiten.

Das klingt kompliziert …

Ich habe nie behauptet, dieser Austausch wäre unkompliziert (lacht). Und es gelingt auch nicht immer. Manchmal gibt es auch Mehrheiten und Minderheiten oder Sondervoten. Wir bemühen uns aber immer um den Konsens. Auch, weil das für die politischen Handlungsträger insgesamt hilfreicher ist. Zum Beispiel bei der Impf-Priorisierung in der Corona-Krise, als wir mit der Ständigen Impfkommission und der Leopoldina zusammengearbeitet haben. Bei so einem konkreten Handlungsauftrag wäre es schwierig gewesen, drei verschiedene Standpunkte und Vorgehensweisen anzubieten. Andererseits ist das auch ein wichtiger Teil unserer Arbeit: In der Vergangenheit gab es manchmal tiefe Gräben zwischen einzelnen Positionen. Dann ist es notwendig, der Politik zu sagen: Es gibt hier zwei – oder mehr – begründbare Seiten, die jeweils von vernünftigen Leuten vertreten werden. Wir können nun einmal keinen Konsens herbeizaubern. Meistens bildet so ein Konflikt ja auch gesellschaftliche Differenzen ab. Wenn wir für die Politik und die Gesellschaft ethische Orientierung bieten sollen, können wir das nicht übertünchen. Am Ende des Tages sagt man dann der Politik: Wir zeigen, wie das Schienennetz verläuft, hier sind die Weichen, aber den Zug, den fahrt immer noch ihr.

Am Ende des Tages sagt man der Politik: Wir zeigen, wie das Schienennetz verläuft, hier sind die Weichen, aber den Zug, den fahrt immer noch ihr.

Alena Buyx

In der Pandemie ist die Wissenschaft als Berater der Politik sehr in den Fokus gerückt. Wie sehr lastet derzeit der Erwartungsdruck auf Ihnen?

Die, die uns anfragen – der Bundestag, die Bundesregierung oder einzelne Ministerien –, wollen unseren Rat, aber sie wissen genau, dass wir ihnen Entscheidungen nicht abnehmen. Ich habe den Eindruck, dass das mehr eine Erwartung der Öffentlichkeit ist, nach dem Motto: Der Ethikrat sagt jetzt, was heiß oder was kalt ist. Zum Teil gibt es ja auch ganz eindeutige Empfehlungen von uns – wie im Fall der Impf-Priorisierung. Aber auch da gilt: Das ist eben eine Empfehlung, die die Politik dann umsetzt.

In der Öffentlichkeit werden Aussagen von Wissenschaftlern mitunter anders wahrgenommen. Wenn sich etwa der Virologe Christian Drosten oder seine Kollegen auf Twitter äußern, wird das schnell als Tatsache gedeutet, nicht als Zwischenstand der Entwicklung. Wie gehen Sie mit dem Anspruch um, klare Antworten auf die Fragen in der Pandemie liefern zu müssen?

Man kann zur Klärung beitragen, aber manchmal gibt es eine fehlgeleitete Erwartung, dass man immer und auf alle Fragen eine Antwort haben muss. Kein Wissenschaftler kann das. Davon muss man sich freimachen, sonst wird man verrückt. Ich gebe Antworten nach bestem Wissen und Gewissen. Und das tut Herr Drosten auch. In den Beratungsrunden, in denen wir sitzen, heißt es ja nicht: Wir machen jetzt das, was Herr Drosten sagt, oder das, was Frau Buyx sagt. Politische Entscheidungsträger werden von vielen verschiedenen Experten beraten, einige davon bekannter, andere weniger bekannt. Ich finde es manchmal schade, dass das so vereinfacht wird. Und es ist auch ungnädig.

Zur Person

Alena Buyx wurde 1977 in Osnabrück geboren. Sie ist approbierte Ärztin und hat zusätzlich einen Studienabschluss in Philosophie und Soziologie. 2005 wurde sie im Fach Medizin promoviert. Buyx hat in London und Harvard geforscht und ist seit 2018 Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin sowie Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität München. Seit Mai 2020 ist sie Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Alena Buyx ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Ungnädig wem gegenüber?

Zum einen den Experten gegenüber, die herausgepickt werden. Deren Einfluss wird zum Teil völlig überhöht. Und das ist für viele Wissenschaftler ein echtes Problem, erst recht, wenn dann in den sozialen Netzwerken gegen einzelne Personen gewettert wird. Diese Art von Aufmerksamkeit ist kein Vorteil. Ich finde es aber auch ungnädig der Politik gegenüber, wenn man ihr unterstellt, sie höre nur auf die paar Wissenschaftler, die nun mal gerade in der Öffentlichkeit auftauchen.

Aber ist es nicht auch eine Form der Demokratisierung, wenn jede Bürgerin und jeder Bürger über die sozialen Netzwerke an der Debatte teilhaben kann? Wenn sich Wissenschaftler vereinfacht auf Twitter äußern, dann müssen sie doch damit rechnen, dass sie auch Widerspruch hervorrufen …

Ich finde eine öffentliche Debatte sehr wichtig. Ich finde es auch völlig legitim, wenn gefragt wird: Wer berät die Regierung? Wer berät die Ministerpräsidenten? Aber es werden oft einzelne Leute herausgezogen. Wir haben als Wissenschaftskollektiv schon auch die Verantwortung, dass wir unsere Expertise zur Verfügung stellen. Aber das ist nicht die primäre Aufgabe von Wissenschaftlern. Wir sind ja keine gewählten Volksvertreter. Wenn Herr Spahn in eine Pressekonferenz kommt, wird er von Mitarbeitern begleitet, die ihn abschirmen und Anfragen regulieren. Herr Drosten kommt alleine mit dem Fahrrad. Das ist auch eine Lernerfahrung für diejenigen von uns, die sich darauf einlassen: Dass man da auf ein Bedürfnis reagiert, das neben der Politik steht. Das ist auch völlig legitim, denn die Leute wollen es ja verstehen, gerade, wenn Themen strittig sind. Aber sich da hineinzubegeben, ohne die Strukturen, die öffentliche Personen ansonsten haben, ist eine große Herausforderung. Die wenigsten Wissenschaftler, die ich kenne, wollen öffentliche Personen oder gar berühmt sein. Mich eingeschlossen. Wir wollen einfach einen Beitrag leisten.

Es gibt so viele Menschen, die gerade einen enormen Beitrag leisten, die Erzieherinnen, Krankenpfleger, Supermarktkassierer. Für diese Menschen ist es einfach eine Selbstverständlichkeit, dass sie, wenn die Zeiten schwer werden, über sich hinauswachsen.

Alena Buyx

Sie haben im Mai den Vorsitz des Ethikrates übernommen, mitten in der Pandemie. Wenn Sie gewusst hätten, was alles auf sie einstürzt – hätten Sie sich darauf eingelassen?

Wenn mir jemand vorher gesagt hätte: „Es kommt eine Pandemie und du kannst zur Überwindung einen kleinen Beitrag leisten", dann hätte ich gesagt: „Natürlich mache ich das. Was denn sonst?“ Ich freue mich auch über die Aufmerksamkeit, die wir als Ethikrat gerade bekommen. Für mich sind die ethischen Fragen, die die Politik gerade umtreiben, nicht neu, ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Medizinethik. Neu ist die Brisanz und die Dichte, mit der diese Fragen in der Pandemie jetzt verhandelt werden. Das ist zum Teil durchaus anstrengend. Wir arbeiten im Ethikrat ehrenamtlich, auch ich mache das neben meinem Vollzeit-Beruf. Das würden wir nicht machen, wenn wir nicht ein Gefühl einer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft hätten. Aber das geht ja nicht nur uns so: Es gibt so viele Menschen, die gerade einen enormen Beitrag leisten, die Erzieherinnen, Krankenpfleger, Supermarktkassierer und viele mehr. Für so viele Menschen ist es im Moment eine Selbstverständlichkeit, dass sie, wenn die Zeiten schwer werden, über sich hinauswachsen.

Es wird viel darüber debattiert, wie die Gesellschaft aus der Pandemie herauskommen wird. Was glauben Sie: Werden wir solidarischer miteinander umgehen?

Nach einer Krise gibt es gewöhnlich eine Zeit der Aufarbeitung, die auch schmerzhaft ist. In der nach Verantwortlichen gesucht wird, Schäden begutachtet werden. Ich glaube, da kommt noch eine harte Bewältigungsphase auf uns zu. Aber am Ende des Tages bin ich eine zuversichtliche Realoptimistin: Meine hoffende Erwartung ist, dass wir mit einer erhöhten Resilienz aus der Krise hervorgehen, dass viel von der Solidarität übrig bleibt.

Das Gespräch führte Tanja Brandes.