Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus (zweiter von links) mit dem WHO-Team bei einer Pressekonferenz in Genf.
Foto: dpa/picture alliance/Keystone/Jean-Christophe Bott

Ilona Kickbusch ist eine der erfahrensten Expertinnen im Bereich Public Health. Sie leitete das globale Gesundheitsprogramm der WHO, lehrte an der Yale University und arbeitet heute als Direktorin am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf. Ein Gespräch über mögliche Fehler der WHO im Umgang mit dem Virus.

Frau Kickbusch, Donald Trump kritisiert die WHO dafür, dass sie China mit Samthandschuhen anfasst. Ist die Kritik berechtigt?

Die WHO hat im Großen und Ganzen gut auf die Krise reagiert. Die kritische Diskussion erweckt ja den Eindruck, man hätte die ganze Zeit gewusst, um was es sich handelt und hätte entsprechend entscheiden können. Es handelt sich aber um ein völlig neues Virus, niemand wusste, wie es von Mensch zu Mensch übertragen wird. Als die Übertragungswege bekannt waren, hat die WHO ein klares Signal gesetzt.

Privat
Ilona Kickbusch

Sie ist eine der erfahrensten Expertinnen für Public Health. Kickbusch leitete das globale Gesundheitsförderprogramm der WHO und sie entwickelte die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung. Kickbusch lehrte an der Yale University und arbeitet heute als Direktorin am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf.

Es gab eine Lancet-Studie, die früh auf die Mensch-zu-Mensch-Übertragung hinwies. Die WHO hat aber Mitte Januar noch verbreitet, dass es dafür keine Belege gibt.

Ich habe mich mit Kollegen bei der WHO kurzgeschlossen. Es gab Klarheit darüber, dass es eine Übertragung im Familienkreis gibt, aber nicht, ob es nachhaltig über diese begrenzte Verbreitung hinaus reicht.

Auf Taiwan, wo die Behörden rasch auf das Virus reagierten, wurde nicht gehört. War das nicht ein Fehler?

Das ist eine schwierige Situation. Die WHO hat als Sekretariat keinen Einfluss darauf, wer Mitglied ist und mit wem sie offiziell in Kontakt stehen darf. Es gab eine Zeit, in der Taiwan informell besser eingebunden war. Das hat sich mit den politischen Spannungen mit China verändert. Man muss sagen, dass eine ganze Reihe sehr einflussreicher Mitgliedsstaaten sich in der derzeitigen geopolitischen Lage nicht sonderlich dafür einsetzen, dass Taiwan Mitglied ist. Es gibt trotzdem eine Reihe von Möglichkeiten, wie Taiwan von den Informationen der WHO profitieren kann.

Lesen Sie die aktuellen Entwicklungen in unserem überregionalen Newsblog zum Coronavirus oder alles Wichtige aus der Region im Berlin-Newsblog zum Coronavirus. >>

Der WHO-Generaldirektor lobte China noch auf der Münchener Sicherheitskonferenz. Dabei gibt es eine Studie der University of Southampton, die beschreibt, dass man sich 90 Prozent der Infektionen hätte sparen können, wenn China rechtzeitig reagiert hätte.

Wir können doch nicht alle Fehler, die Regierungen weltweit in den vergangenen Monaten gemacht haben, darauf zurückführen, dass in China irgendetwas nicht im Dezember oder Januar gemacht worden ist. Das ist zu einfach gestrickt.

Die WHO hat also in Bezug auf China richtig reagiert?

Es braucht im Kontext solcher Pandemien ein international unabhängiges Gremium, das eine Untersuchung einschaltet. Die Zaghaftigkeit, die dem Generaldirektor aus den USA vorgeworfen wird, könnte man auch Trump vorwerfen. Die WHO ist kein Konstrukt, wo man einzelne Länder vorführt. Die WHO ist eine Mitgliedsorganisation, die von den einzelnen Ländern geführt und überwacht wird, sie ist aber keine unabhängige Behörde. Da werden einzelne Länder nicht kritisiert, sondern man versucht, einen Modus zu erhalten, wo niemand vorgeführt wird, damit alle miteinander zusammenarbeiten.