Ein medizinischer Mitarbeiter und eine Maschine desinfizieren ein provisorisches Krankenhause in Wuhan. Am 30. Dezember 2019 berichtet ein Arzt in China erstmals vom Ausbruch einer neuen Lungenerkrankung.
Foto: dpa/Xiong Qi/XinHua

GenfAlles beginnt als der Arzt Li Wenliang vom Whuan Central Hospital am 30. Dezember einen Kreis von Kollegen vom Ausbruch einer Lungenerkrankung berichtet. Doch die chinesischen Sicherheitsbehörden zwingen ihn zu unterschreiben, dass er falsche Gerüchte in Umlauf bringe. Li fügt sich und geht an seine Arbeit zurück. Er infiziert sich schließlich mit dem Coronavirus und stirbt Anfang Februar an Covid-19.

Die chinesische Regierung informiert die WHO einen Tag später über die mysteriöse Lungenerkrankung. Die Gesundheitskommission in Wuhan verbreitet gleichzeitig, dass eine Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch nicht möglich sei. Die Mensch-zu-Mensch-Übertragung gilt als ein wichtiger Faktor für die Ausbreitung einer Pandemie. Die Weltgesundheitsorganisation spricht sich auch „gegen jegliche Reise- oder Handelsbeschränkungen auf der Grundlage dieser Informationen aus“.

Am 24. Januar veröffentlichte The Lancet - eine der renommiertesten Wissenschaftzeitschriften der Welt - eine wichtige Studie, die sich mit dem Ausbruch der Pandemie befasst. Die Forscher ermitteln, dass es zwischen einer 53-Jährigen und ihrem Mann zur Übertragung des Virus gekommen sein soll. Diese Daten liegen spätestens seit dem 2. Januar 2020 vor. Die Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist damit wissenschaftlich belegt. Doch die WHO twittert noch zwei Wochen später, dass es „keine Hinweise auf eine Übertragung des neuartigen Coronavirus von Mensch zu Mensch gibt“.

Bei einer WHO-Sitzung am 21. Januar sieht die Organisation auch noch keine Gründe, den Gesundheitsnotstand auszurufen, den so genannten „Public Health Emergency of International Concern (PHEIC); am gleichen Tag ist der erst Corona-Fall in den USA offiziell bestätigt, wie der Centers for Disease Control (CDC) mitteilt.

Christian Kreuder-Sonnen arbeitet als Juniorprofessor an der Universität Jena. Er beschäftigt sich als Politikwissenschaftler auch mit Verhältnis der WHO und China. Er untersuchte etwa, wie die WHO beim Ausbruch von Sars agierte. Bei der Schweinegrippe war der Gesundheitsbehörde schließlich vorgeworfen worden, zu schnell den Notstand erklärt zu haben. In der aktuellen Krise aber habe die WHO „das Ausrufen des globalen Gesundheitsnotstands verzögert“, sagt Kreuder-Sonnen. „Dabei handelte es sich auch um eine politische Entscheidung, sich dem Urteil der Chinesen zu unterwerfen.“

Dabei handelte es sich auch um eine politische Entscheidung, sich dem Urteil der Chinesen zu unterwerfen.“

Christian Kreuder-Sonnen, Politologe

Denn China übe seinen Einfluss zunehmend über internationale Diplomatie aus. Beispielsweise bei der Besetzung von Spitzenposten bei internationalen Organisationen. China wurde nun auch in den UN Menschenrechtsrat gewählt, obschon das Land Minderheiten wie die Uiguren in Arbeitslagern verschwinden lässt.

Die aktive Personalpolitik spielt auch bei der WHO eine Rolle. Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus stammt aus Äthiopien, einem Land, in das China investierte. Er gilt bei seiner Wahl auch als Kandidat Chinas. Es werde „spekuliert, dass er mit seiner Haltung eine in gewisser Weise eine Schuld gegenüber den Chinesen abtrage“, erklärt Kreuder-Sonnen. Denn tatsächlich fällt auf, dass Tedros die Amerikaner kritisierte, als sie Reisebeschränkungen erließen, China aber bis heute lobt.

Die WHO lobt China "in aller höchstem Maße"

Während sich die WHO beispielsweise bei ihrer Sitzung am 23. Januar immer noch nicht den internationalen Gesundheitsnotstand ausruft, äußert sich die Behörde Ende Januar: „Die WHO begrüßt die Maßnahmen, die China gegen den Ausbruch unternommen in aller höchstem Maße“, so der Generalsekretär. Er hebt besonders auch die „Geschwindigkeit den Virus zu identifizieren und die Informationen mit der WHO und anderen Ländern zu teilen“ hervor. Am selben Tag wird der erste Corona-Fall in Deutschland bestätigt.

Am 30. Januar ruft die WHO schließlich den PHEIC aus. Die USA schränken daraufhin den Reiseverkehr ein, was der WHO-Generalsekretär nun kritisiert. Er ruft „alle Länder auf, sich an Fakten zu halten und unnötige Störungen des Reiseverkehrs und Handels zu unterlassen“.

Doch Fakten ordnet die WHO auch politisch ein. Schon Ende Dezember 2019 hatte Taiwan die Behörde vor der Ausbreitung des Virus gewarnt. Aber das Land, das von China nicht anerkannt wird, zählt nicht zu den Mitgliedern der WHO. Es wird nicht gehört. Mehr noch: Der WHO-Spitzenbeamte Bruce Aylward wird in einem Interview mehrfach danach gefragt, warum die WHO nicht auf Warnungen Taiwans reagiert habe. Aylward wiederholt mehrmals, er verstehe die Frage nicht, schließlich bricht er das Gespräch ab.

Der WHO-Generaldirektor unterstützt die Ein-China-Politik

Am Tag nach seiner Wahl zum WHO-Generalsekretär im Mai 2017 traf sich Tedros als erstes auch mit Chinas Gesundheitsminister Lin Bin und versicherte seine Unterstützung für die Ein-China-Politik, die etwa Taiwan und Hongkong als nicht eigenständig begreift.

Dass die WHO die Mitgliedschaft Taiwans ablehnt, verdeutliche den Einfluss Chinas, meint auch Kreuder-Sonnen. „Die WHO hat dies verinnerlicht und ignorierte infolgedessen jede Anfrage und auch jeden Bericht Taiwans im Zuge des Ausbruchs von Covid-19.“

Die WHO hat gegenüber China Wohlverhalten praktiziert und es sind dabei Maßnahmen im Kampf gegen Corona unterblieben.“

Hans W. Maull, Experte für Außenpolitik

Ähnlich sieht es auch Hans Maull. Der Politologe ist Fellow beim Mercator Institut für Chinastudien und lehrt unter anderem an der Johns Hopkins University. „Es ist sehr gut belegt, dass China drei Wochen nach Ausbruch nicht reagierte, obwohl etwas hätte passieren müssen. Taiwan hat Notfallpläne entworfen, als das in China noch nicht der Fall war“, sagt er. „Die WHO hat gegenüber China Wohlverhalten praktiziert und es sind dabei Maßnahmen im Kampf gegen Corona unterblieben.“

Während die amerikanische Fachbehörde CDC das Screening von Passagieren aus China anordnet, weist der WHO-Generaldirektor einen Tag später, am 6. Februar, erneut Kritik an China zurück.

Am 20. Februar spricht der WHO-Generaldirektor auf der Münchener Sicherheitskonferenz. Er sagt: „Wir sind ermutigt, dass die Schritte, die China unternommen hat, um den Ausbruch an der Quelle einzudämmen, der Welt Zeit verschafft haben, auch wenn diese Schritte für China selbst mit höheren Kosten verbunden waren.“

Es dauert weitere drei Wochen bis die WHO am 11. März die Pandemie ausruft.

„Corona bedeutet einen Schub für die international Einflussnahme Chinas in der Welt. Man kann klar die Verschiebungen weg von den USA hin nach China erkennen“, sagt Experte Hans Maull.

Anmerkung der Redaktion - Korrektur: in einer früheren Fassung schrieben wir versehentlich, dass China die Pandemie ausgerufen habe. Es ist die WHO. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.