BerlinDieses Mal findet das Interview nicht in der Staatskanzlei in Erfurt statt, sondern per Video. Die Fallzahlen sind auch in Thüringen zu stark gestiegen; es gilt, persönliche Kontakte zu vermeiden. 

Wie steht es bei Ihnen in der Staatskanzlei? Sie hatten ja auch Corona-Fälle.

Wir hatten drei Infektionen. Daraufhin ist die gesamte Staatskanzlei vom Gesundheitsamt Erfurt durchgetestet worden. Das Gesundheitsamt ist gekommen und hat eine Sondertestung im ganzen Haus durchgeführt. Zum Glück sind alle negativ. Ich habe mich selten über so viel Negativität gefreut wie beim Durchchecken meiner Leute. Von den drei Infizierten sind zwei auf dem Weg der Besserung und die andere Person ist bislang ohne Symptome.

Würden Sie sagen, dass in die Behandlung des Themas Corona mehr Routine Einzug gehalten hat?

Absolut. Wir haben so viel gelernt. Wir haben noch nicht alles gelernt. Dann würde ich mich noch leichter fühlen. Aber das Ampelsystem in Schule und Kindergarten etwa, das halten wir bequem aus. Bei der kompletten Schließung von Schule und Kindergarten hatte ich im Frühjahr teilweise noch heftige Panikattacken deswegen gehabt. Aber jetzt gibt es da eine klare Abfolge, eine eingeübte Routine, die uns erlaubt, diesen Bereich offen zu lassen.

Auch in Thüringen sind die Zahlen stark gestiegen. War das der Grund, warum sie bei der letzten Ministerpräsidentenkonferenz dem Teil-Lockdown zugestimmt haben?

Mir wird immer wieder gesagt, ich hätte angekündigt, überhaupt keinen Lockdown mitzumachen. Ich habe aber gesagt, ich mache keinen Lockdown mehr mit, bei dem das Parlament nicht beteiligt ist. Zu diesem Zeitpunkt habe ich dann immer den Nachsatz gesagt: Auf der Basis der Informationen, die ich heute habe, müssen wir auch keinen Lockdown machen. Wenn die Zahlen andere sind, müssen wir die Konsequenzen ziehen. Während der Videoschalte mit der Bundeskanzlerin sind mir zwei Informationen reingereicht worden. Die eine war, die Infektionszahlen des Vortages waren mit 280 die höchsten, die ich zu diesem Zeitpunkt jemals in Thüringen gesehen hatte. Das war eine Vervierfachung der Durchschnittswerte, die wir in den Wochen davor hatten. Am Ende der Videokonferenz kam die Nachricht rein, dass das Gesamtbundesland die Inzidenz von 50 Infizierten pro 100.000 Einwohner überschritten hatte. Da war für mich klar, das ist Alarmstufe Rot.

Daher die Zustimmung zum Teil-Lockdown?

Es hätte am Ende auch keinen Sinn gemacht, wenn Thüringen die Kontaktbeschränkungen als einziges Bundesland nicht mitgemacht hätte, dann hätte ich alle Corona-Leugner nach Thüringen eingeladen. Ich hätte zwar Berlin und Stuttgart befreit, aber sie wären alle bei uns rumgelatscht. Das wollte ich unserer Bevölkerung dann auch nicht zumuten.

Sie haben aber trotzdem mit denen Ärger, oder?

Höcke hat in seiner Rede im Landtag gesagt, ich sei als Tiger gestartet und als Bettvorleger bei Frau Merkel gelandet. In dem Chat der „Querdenken“-Bewegung stand dann dieser Satz mit dem Hinweis, man soll in den Teppichmarkt gehen, entsprechendes Material kaufen und vor meine Tür legen. Das hab ich am Nachmittag erst mal nur als Beleidigung zur Kenntnis genommen. Später ist mir erst aufgefallen, dass der Name meiner Frau angegeben war, ihre Firmenbezeichnung und die Adresse. Damit war unser Briefkasten, an dem mein Name gar nicht steht, gekennzeichnet. Daran habe ich gesehen, da hat sich jemand Mühe gemacht. Das ist nicht banal. Als ich abends nach Hause kam, stand ein brennendes Grablicht direkt im Eingang und darunter lag der Aufruf zur Corona-Demo in Leipzig.

Wie haben Sie reagiert?

In dem Haus wohnen vier Mietparteien. Eine davon hat drei kleine Kinder. Dieser Familie sagen zu müssen, dass sie erst mal gucken sollen, bevor sie die Haustür aufmachen, das finde ich das eigentlich Bedrückende. Ich habe gelernt, mit solchen Dingen umzugehen. Meine Frau hat es leider auch lernen müssen. Aber dass Unbeteiligte mit hineingezogen werden, die nur das Pech haben, im gleichen Haus zu wohnen wie ich, das ist bitter.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus dieser Bedrohung?

Die Strafanzeige läuft, die Sicherheitsüberprüfung des LKA auch. Die Frage, wie lange das Polizeiauto da stehen muss, wird geklärt. Dass Menschen, die sich in der Merkel-Diktatur wähnen und in ihrer Meinungsfreiheit gegängelt fühlen, offen Verfassungsorgane bedrohen und in Kauf nehmen, dass Privatmenschen und Kleinkinder mit in dieses Bedrohungsszenario reingenommen werden oder dass auf das Robert Koch-Institut Brandanschläge verübt oder auf der Museumsinsel Kunstwerke beschädigt werden, das ist für mich Teil einer terroristischen Entwicklung. Es gibt aber auch andere Signale. Der Rechtsanwalt der Organisation Querdenken 711 hat mir im Namen von Michael Ballweg die Empörung zu dem Geschehen vor unserem Haus übermittelt. Man werde auch auf den eigenen Veranstaltungen solche Verhaltensweisen scharf kritisieren und er versicherte mir, so etwas nicht dulden zu wollen.

Wie ist Ihr Eindruck von der Pandemie-Entwicklung?

Ich habe mir die Zahlen im März, April, Mai angesehen, in der Zeit lagen wir stetig so um die 1000 aktiv Infizierte. Im Moment gehen wir auf die 3000 zu. Das heißt, wir kriegen Stunde um Stunde mehr Infizierungen. Die wirkliche Einschätzung werden wir aber wohl erst in drei Wochen haben. Da wird uns die nächste MPK-Sitzung wahrscheinlich auch nicht helfen.

Also wird sich der Teil-Lockdown im Dezember fortsetzen?

Die Verordnung ist befristet und endet am 30. November. Und wenn man daran etwas ändern will, muss man zuerst das Infektionsschutzgesetz ändern. Ich bin froh, dass meine Sturheit in der letzten Woche dazu geführt hat, dass die Bundesregierung das Infektionsschutzgesetz jetzt in den Veränderungsmodus genommen hat. Da hat meine Sturheit eine Menge bewegt, während ja manche meinen, ich sei Zickzack gefahren.

Sie haben kürzlich gesagt, dass wir Corona zu viel Aufmerksamkeit schenken …

… nein, nein, so nicht. Ich habe gesagt, die alleinige Fixierung der Lebensrisiken auf Corona scheint mir eine Fehlentwicklung zu sein. Weil wir dann andere Krankheiten, die alle lebensbedrohlich sind, aus dem Blick verlieren und damit Menschen. Herzinfarkte sind nicht gesünder geworden, nur weil Corona da ist. Wenn wir nur immer wieder auf Corona starren, verlieren wir eine Einschätzung, dass wir mit diesem Thema ohne Angst leben müssen.

Was heißt das konkret?

Ich komme gerade von der Messe pro.vention. Das ist unsere Antwort in Thüringen. Wir starren nicht nur auf Corona, sondern fragen, was kann man alles tun, um Virenschutz mit technischer Hilfe zu ermöglichen. Das geht los mit der Maske, die wir hier mittlerweile selbst produzieren. Aber auch die Industrieanlagen, die die Masken produzieren, bauen wir hier. Es gibt da aber noch viel mehr.

Haben Sie ein paar Beispiele?

Ich habe einen Reisebus besichtigt, der mit einer Nanobeschichtung ausgestattet wird, sodass Viren und Keime an den Stellen, wo man anfasst, nicht haften bleiben können. Ich habe einen Krankenwagen angeschaut, der es schafft, sich in zehn Minuten mit UV-Licht auf LED-Basis selbst zu desinfizieren. So etwas finden Sie gerade auf unserer Messe. 60 Aussteller hatten wir angefragt, 120 sind gekommen. Ich habe heute Antworten gesehen zu Luftreinhaltung, zur Desinfektion, zu elektronischer Einlasskontrolle. Das nenne ich die ingenieurtechnische Antwort auf Corona. Die technischen Möglichkeiten sind da. Ob Hepafilter, die in Operationssälen schon immer vorgeschrieben sind, oder UV-Licht-Varianten, das hilft uns zumindest in den Räumen, wo wir länger sitzen.

Die Berliner Schulsenatorin sagte jüngst, dass sie die Hepa-Filter für übertrieben hält.

Ja, die allgemeine Anweisung lautet Stoßlüften, die gilt in Erfurt auch. Ich glaube, bei dieser Aussage spielt eher die große Angst mit, wie teuer so etwas wird. Ich streite da auch ein bisschen mit meinem Bildungsminister. Er sagt, wenn du mir sagst, ich soll in jeden Klassenraum für 2000 Euro eine Anlage reinbauen, dann musst du mir ein paar Millionen zusätzlich geben. Aber wenn das die Entwicklung ist, werden wir das machen müssen, statt Milliarden und Abermilliarden auszugeben für den nächsten Lockdown und seine Folgen.