Nur eine Minderheit in Deutschland besitzt einen Organspendeausweis. 
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BerlinTrotz der Neuregelung der Organspende in Deutschland hat sich die Situation nicht wesentlich verbessert. Seit April 2019 muss jede Klinik in Deutschland potenzielle Organspender melden und zudem auch einen Transplantationsbeauftragten freistellen. Diese Ärztinnen oder Ärzte sollen sich um potenzielle Organspender kümmern und eventuelle Transplantationen koordinieren. Dennoch ist die Zahl der Organspenden seither nicht gestiegen. In der Bundesrepublik warten derzeit knapp 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan.

Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag hervor. Danach hat fast ein Drittel der 1169 Entnahmekrankenhäuser in Deutschland, von denen Informationen vorliegen, noch keine Verfahrensanweisung zu personellen Zuständigkeiten und Handlungsabläufen für die Organspende formuliert. Das ist aber seit April 2019 vorgeschrieben. Nur 65 Prozent der Entnahmekliniken verfügen nach eigenen Informationen über ein Computerprogramm zur Dokumentation und zur Analyse von potenziellen Organspenderinnen. Zwölf Prozent der Entnahmekrankenhäuser erhalten wegen fehlender oder unvollständiger Meldung an die Deutsche Stiftung Organtransplantation keine Mittel für die Freistellung von Transplantationsbeauftragten.

Eine gute Nachricht gibt es: Trotz Corona ist die Zahl der Organspenden nicht signifikant zurückgegangen. So wurden von Januar bis Juli dieses Jahres 566 Personen insgesamt 1813 Organe entnommen, 2019 waren es im gleichen Zeitraum 535 Spender, denen 1756 Organe entnommen wurden. Deutschland gehört damit weiterhin zu den Schlusslichtern in Europa.

Grafik: BLZ/Hecher, Quelle: DSO

„Leider wird das Potenzial der Organspendebereitschaft in Deutschland immer noch nicht voll ausgeschöpft“, kritisiert die Grünen-Abgeordnete Kirsten Kappert-Gonther. „Entgegen ihrer gesetzlichen Pflichten haben viele Entnahmekrankenhäuser weiterhin Schwachstellen dabei, alle Menschen, die Organspender werden können und wollen, zu identifizieren und zu melden.“ Potenzielle Organspender so zu verlieren, sei inakzeptabel angesichts der vielen Menschen, die weiter auf ein Spenderorgan warten.

Die niedrigen Zahlen stehen im Widerspruch zur Einstellung der Bevölkerung zum Thema Organspende. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung macht regelmäßige Umfragen zum Thema. In der aktuellsten Untersuchung 2018 erklärten sich 72 Prozent der Befragten grundsätzlich bereit, Organe oder Gewebe zu spenden. Allerdings hatten nur 39 Prozent der Befragten einen Organspendeausweis oder eine entsprechende Patientenverfügung. 42 Prozent hatten keinerlei Entscheidung getroffen.

Um die Zahl der Organspenden zu erhöhen, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgehabt, die Organ-Entnahme mit einer sogenannten Widerspruchsregelung gesetzlich festzulegen. Demnach wären jeder Bürger und jede Bürgerin automatisch als Organspender in Betracht gekommen sofern dem nicht ausdrücklich widersprochen wurde. Diese Initiative fand im Bundestag jedoch keine Mehrheit.

Seit März gilt daher die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung. Danach ist eine Organspende auch weiterhin nur möglich, wenn der Spender oder die Spenderin oder ein nächster Angehöriger ausdrücklich eingewilligt hat. Die Ausweisstellen von Bund und Ländern müssen Bürgerinnen und Bürgern nun aber Aufklärungsmaterial zum Thema aushändigen, wenn Personal- oder Reisepässe ausgestellt oder verlängert werden.