Entscheidend für den Ausgang der US-Wahlen ist weniger das mediale Spektakel, sondern die wirtschaftliche Lage. Alle Medien hatten Hillary Clinton vor vier Jahren als klare Siegerin gesehen. Keine Umfrage hatte Trump vorne. Die Medien waren Opfer ihrer eigenen Vorlieben geworden. Die Umfrage-Institute hatten unterschätzt, dass die Wähler bei polarisierenden Kandidaten ihre Entscheidung gerne mal für sich behalten. Im Jahr 2016 konnte man das Ergebnis sehr genau vorhersehen: Man musste sich nur die Wirtschaftszahlen anschauen.

Die Obama-Zeit war nach dem staatsfinanzierten Aufschwung im Gefolge der Finanzkrise wieder in einen zyklischen Abschwung geraten: Alle Kennzahlen waren schlecht. Arbeitslosigkeit, Armut, Essensmarken. Die reine Analyse der Zahlen legte nahe: Eine Regierung, unter deren Ägide die Menschen mehr verlieren als gewinnen, wird abgewählt. Daher übernahmen die Republikaner das Weiße Haus. Es ist besonders interessant, sich die Kennzahlen in einigen umstrittenen Bundesstaaten anzuschauen, den sogenannten „swing states“. Die meisten Bundesstaaten können heute schon entweder den Republikanern oder den Demokraten zugeordnet werden. Die Kräfte halten sich in etwa die Waage. Wegen des Wahlmänner-Systems sind die umkämpften Bundesstaaten entscheidend. Die Kandidaten müssen sich eigentlich nur um sie kümmern.

Donald Trumps Kampagne hatte diese Strategie bei den vorigen Wahlen perfekt umgesetzt. Während sich Clinton vor allem an der Ost- und West-Küste tummelte, nahm Trump gezielt die wichtigsten „swing states“ ins Visier. So legte sein Team den Grundstein zu seinem Sieg – mit erheblich geringerem finanziellen Aufwand als die Clintons. Die wichtigsten Staaten in dieser Hinsicht sind heute Michigan, Wisconsin, Florida, Texas, Pennsylvania und Ohio. Und hier ist die Realität für Trump nicht erfreulich: Die von der Statistik-Behörde, dem Bureau of Labor Statistics (BLS), zuletzt veröffentlichten Zahlen zeigen, dass im nicht-landwirtschaftlichen Sektor in allen Bundesstaaten deutlich weniger Menschen beschäftigt sind als im September 2019: In Michigan sind es minus 9,6 Prozentpunkte; in Wisconsin minus 6,4; Florida minus 5,0; Texas minus 4,5; Pennsylvania minus 7,8; Ohio minus 7,2. Im Frühjahr, während des Lockdowns, waren die Einbrüche noch viel deutlicher. Sie lagen überall im zweistelligen Bereich, in einzelnen Staaten brach die Beschäftigung um 20 Prozentpunkte ein.  

In der Trump-Amtszeit vor Corona ging die Zahl der Empfänger von Lebensmittelmarken drastisch zurück. Selbst im März waren es 12,6 Prozent weniger als zum Zeitpunkt der Amtsübernahme durch Trump. Doch auch hier brachte Corona eine Wende: Im April 2020 erhielten 43 Millionen Amerikaner diese staatliche Unterstützung. Das waren fast so viele wie während der Zeit von Barack Obama. Auch diese Zahl hat sich inzwischen gebessert, aber wegen geänderter Statistik-Verfahren ist nicht klar, wo die Zahlen heute genau liegen.

Andere Daten sind schwerer zu fassen: Die Vermögen der amerikanischen Haushalte sind wegen der lockeren Geldpolitik und des dadurch fortgesetzten Börsen-Booms gewachsen. Allerdings sind dies entweder Papierwerte wie Aktien oder Immobilienwerte. Bei den Immobilien hilft dies den Amerikanern zwar bei der Rückzahlung der Schulden. Doch wegen der gestiegenen Preise wird es für sie schwerer, Wohneigentum zu erwerben.

Ebenfalls kritisch sind die beständig steigenden Lebensmittelpreise. Diese könnten dazu führen, dass den amerikanischen Familien weniger Geld für andere Ausgaben zur Verfügung steht – eine nicht besonders positive Erfahrung. Das Problem für Prognosen heute ist die Tatsache, dass wegen der Lockdowns kaum vergleichbare Werte ermittelt werden können.

Trump verkündet stets, dass es allen besser gehe und dass die Erholung nach dem Frühjahr historisch sei. Er will unmittelbar vor der Wahl neue Zahlen verkünden, die die Wähler noch einmal begeistern sollen. Joe Biden hat die wirtschaftliche Karte erstaunlicherweise nicht gezogen. Er setzt dagegen auf die Angst der Rentner, an Covid-19 zu sterben.

Trump wiederum versucht, die unerfreuliche Entwicklung zu relativieren und stachelt die Angst vor dem „Kommunismus“ an. Er sagt, dass Biden die Steuern drastisch erhöhen und den Familien unmittelbaren finanziellen Schaden zufügen werde.

Es ist denkbar, dass er in letzter Minute noch einen Befreiungsschlag versuchen muss. Welcher das sein könnte? Man möchte es lieber nicht wissen.