Das Denkmal für die Maueropfer in der Kiefholzstraße in Treptow.
Foto: imago/imagebroker

BerlinVon Jörg Hartmann gibt es kein einziges Foto. Seine einstigen Mitschüler können sich nicht mehr an den schüchternen Jungen erinnern. Es gibt ein Bild seiner Klasse, aber ausgerechnet als dieses Foto vor mehr als 53 Jahren in der 21. Oberschule in Friedrichshain aufgenommen wurde, fehlte der zehnjährige Jörg beim Unterricht.

Von seinem 13-jährigen Freund, Lothar Schleusener, ist dagegen eine Aufnahme vorhanden. Sie zeigt ihn als kleinen Jungen. Das Foto ist am Mahnmal für die Toten am 13 Kilometer langen Treptower Abschnitt des einstigen Todesstreifens zu sehen, das in der Kiefholzstraße steht. Es ist vor allem ein Mahnmal für die beiden Kinder.

Jörg und Lothar wurden erschossen. In der Nähe der Kleingartenkolonie Sorgenfrei in Treptow. Von Grenzsoldaten, die das Dauerfeuer am Abend des 13. März 1966 im Grenzstreifen auf die beiden Jungen eröffneten. Über 40 Schüsse fielen. Es heißt, dass Jörg zu seinem Vater nach West-Berlin wollte. Und dabei seinen Freund mitnahm.

Keine ärztliche Hilfe

Lothar Schleusener war sofort tot. Kopfschuss. Jörg Hartmann wurde schwer verletzt in das Volkspolizeikrankenhaus gebracht. Er lag mit einem Bauchschuss auf dem Flur der Klinik, rang mit dem Tod. Wenig später starb er, ohne Hilfe bekommen zu haben. Die Stasi vertuschte den Fall, fälschte Unterlagen, belog die Familien, schützte die Täter.

Ingrid Schütt ist eine kleine zierliche Frau mit einem freundlichen Lächeln. In einem Café in Weißensee rührt sie nachdenklich in ihrem Cappuccino. „Ja, der Jörg“, sagt die 82-Jährige versonnen und blickt eine Weile still vor sich hin. Dann sagt sie, Jörg sei ein pfiffiger Junge gewesen. „Seine Mutter war psychisch krank, deswegen wuchs Jörg bei der Großmutter auf.“ In der Schreinerstraße in Friedrichshain. Hinterhaus. Parterre. Zusammen mit dem zwei Jahre älteren Bruder Michael und der sechs Jahre jüngeren Schwester Anette.

Ursula Mörs, die einstige Lehrerin von Jörg Hartmann, hat das Denkmal für die erschossenen Kinder mitfinanziert.
Foto: Sabine Gudath

Ingrid Schütt ist die Tante von Jörg Hartmann, Jörgs Oma Erna Hartmann war ihre Mutter. „Meine Mutter durfte nicht darüber reden, was mit dem Jörg passiert ist“, sagt Ingrid Schütt. Wusste die Großmutter überhaupt, was dem Kind widerfahren war?

Jörgs Tante schüttelt den Kopf. Nein, nicht die Wahrheit. Der Oma wurde damals gesagt, das Kind sei in eine Schiffsschraube geraten. Der Familie von Lothar Schleusener erzählte die Stasi, der 13-Jährige sei durch einen Stromschlag gestorben.

Schweigen und Lügen

„Mein Mutter hat mir damals gesagt, ich soll nicht über Jörg reden“, erinnert sich die Tante. Fortan sei nie mehr über den Jungen gesprochen worden. Er sei einfach weg gewesen. „Meine Mutter hat darunter sehr gelitten. Sie hatte sich immer um ihn gekümmert“, sagt Ingrid Schütt.

Schweigen und Lügen – daran kann sich auch Ursula Mörs erinnern, die die Stasiunterlagen gelesen hat, in denen stand, was sie schon immer vermutet hatte: Jörg und Lothar waren von DDR-Grenzern erschossen worden.

Schweigen und Lügen haben dem Leben der einstigen Grundschullehrerin von Jörg Hartmann eine völlig neue Richtung gegeben. Dabei sei sie eine überzeugte Genossin gewesen, erzählt die 82-Jährige in ihrer Steglitzer Wohnung. Mit 17 Jahren trat sie in die SED ein. Westfernsehen war tabu.

Sie sieht Jörg noch heute vor sich: einen zierlichen Jungen mit himmelblauen Augen. Schüchtern sei er gewesen und sehr ruhig, erzählt Ursula Mörs. Jörg sei ein Jahr später eingeschult worden, deswegen sei er mit seinen zehn Jahren noch immer in der dritten Klasse gewesen.

„Der Junge war sehr liebebedürftig, er freute sich über jedes Lob.“ Ursula Mörs kannte Jörgs Familie von Hausbesuchen und Elternabenden. Sie kannte die ärmlichen Verhältnisse, in denen der Junge aufwuchs.

Jörg wollte zum Vater

Als Jörg im Unterricht fehlte, machte sich Ursula Mörs Sorgen. Er war kein Schwänzer. Mitschüler erzählten ihr, dass der Junge vom Abhauen in den Westen gesprochen habe. Er wollte zu seinem Vater.

Kollegen berichteten von einer Nachricht, die sie im Rias gehört hatten. Zwei Kinder, zehn und 13 Jahre alt, seien an der Mauer erschossen worden, hieß es. Es war von einem Mädchen und einem Jungen die Rede. „Ich ahnte, dass Jörg eines der Kinder war. Er trug damals seine blonden Haare schulterlang. Man konnte ihn im Dunkeln für ein Mädchen halten“, so Ursula Mörs.

Tags darauf besuchte sie Jörgs Oma. Ursula Mörs erinnert sich noch genau daran. Die Großmutter erzählte, Jörg sei am 14. März nicht nach Hause gekommen. Am Abend meldete sie ihren Enkel als vermisst. Zwei Tage später musste sie noch einmal auf das Revier, mit einem Foto des Kindes. „Da war Jörg schon lange tot, aber niemand sagte ihr das“, so Ursula Mörs.

Bei einem weiteren Hausbesuch erzählte die Oma, dass sie und Jörgs Bruder Michael Ende März zur Generalstaatsanwaltschaft gebracht worden waren. Dort habe man ihnen erzählt, Jörg sei in einem See in Köpenick ertrunken. Es hieß, der Leichnam habe wegen Seuchengefahr bereits eingeäschert werden müssen. „Ich wusste damals: Die lügen“, sagt Ursula Mörs.

Zum Rektor bestellt

Sie selbst sei zweimal zur Polizei gegangen, um etwas über das Schicksal ihres Schülers zu erfahren. In der Keibelstraße habe sie der Pförtner abgewimmelt. Dann wurde sie zum Rektor ihrer Schule bestellt und belehrt, dass sie sich nicht um die „Angelegenheit“ zu kümmern habe und nur das erzählen dürfe, was Jörgs Oma offiziell mitgeteilt worden sei. „Lügen kam für mich nicht infrage“, sagt Ursula Mörs.

Auf einem Zettel notierte die Lehrerin das Geschehene, die Namen dazu, und alles, was sie über Jörg wusste: seine Schulnoten, die Adresse, die Lebensumstände. Sie wollte den unscheinbaren Jungen nie vergessen. Und vielleicht, so hoffte sie, würden die Schuldigen einmal zur Rechenschaft gezogen.

Ursula Mörs floh noch im selben Jahr mit ihrem achtjährigen Sohn über Bulgarien in den Westen. Versteckt in einem Wohnwagen. Sie habe Angst gehabt, man würde ihr das Kind wegnehmen, sagt sie. Der Vater ihres Sohnes habe bei der Stasi gearbeitet.

Den Zettel trug sie immer bei sich. Sie fand in Baden-Württemberg ein neues Zuhause, arbeitete dort als Lehrerin. Nach dem Fall der Mauer kehrte sie nach Berlin zurück. Mit dem Notizzettel im Gepäck.

Familie zerstört

Erinnert wurde sie an Jörg und dessen Freund durch eine Rundfunkmeldung im November 1997. Der geständige Mauerschütze Siegfried B. war wegen der tödlichen Schüsse auf die Kinder Jörg und Lothar zu 20 Monaten auf Bewährung verurteilt worden, der zweite Schütze zu jener Zeit bereits verstorben. Was Ursula Mörs noch heute schockierte: Siegfried B. war Unterstufenlehrer geworden.

Die 82-Jährige hat das Denkmal für die zwei erschossenen Kinder mitfinanziert, damit sie nicht vergessen werden. Sie hätte gern ein Foto ihres einstigen Schülers. Doch auch Ingrid Schütt besitzt kein Bild von ihrem Neffen. Mit dem Tod des Jungen sei die Familie zerstört worden, sagt die Tante.

Jörgs Mutter kam in die Psychiatrie. Die Geschwister wurden der Oma weggenommen und im Heim untergebracht. Erna Hartmann, Jörgs Oma, hat das nie verkraftet. Erst nach dem Mauerfall wurde ermittelt, was Jörg wirklich geschehen sei.