David Beasley, Exekutivdirektor des Welternährungsprogramms (WFP),  freut sich in Niamey im Niger über die Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis 2020. 
Foto: dpa/WFP (Screenshot)

BerlinWir leben in einer Welt des Überflusses. In einer, in der im Supermarkt 50 verschiedene Sorten Konfitüre zu finden sind und in der pro Tag mehr als 150.000 Schweine geschlachtet und um die halbe Welt verschifft werden – weil der Markt hierzulande längst gesättigt ist.

An Hunger zu leiden, das scheint ein Phänomen aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt zu sein. Was Hunger wirklich bedeutet, ist für alle, die nach den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Mitteleuropa zur Welt kamen, nur schwer nachzuvollziehen. Das ist ein großes Glück. Eines, das blind macht.

Es ist diese Sichtweise, die zeigt, wie richtig das Nobelpreiskomitee damit liegt, das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis auszuzeichnen. Denn der Hunger auf der Welt ist nicht nur da, er ist gravierend. Er tötet alle zehn Sekunden ein Kind unter fünf Jahren, gefährdet Milliarden Existenzen und entscheidet über Erfolg oder Niedergang ganzer Gesellschaften.

Im September 2015 beschlossen die Vereinten Nationen einstimmig die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“: Eines ihrer größten Ziele war es, den Hunger in der Welt bis zum Jahr 2030 komplett abzuschaffen. Schon vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie war klar, dass die Weltgemeinschaft dieses Ziel um Längen zu verfehlen droht.

Denn zwar geht der weltweite Hunger seit dem Jahr 2000 sukzessive zurück. Doch die absolute Zahl der Hungernden steigt wieder, in diesem Jahr werden fast 700 Millionen Menschen weltweit nicht genügend zu essen haben. Und schon jetzt warnen Entwicklungsexperten, dass als Folge der Covid-19-Pandemie in den nächsten Jahren mehr als 100 Millionen weitere Menschen an Hunger leiden werden.

Gleichzeitig rücken Länder wie Syrien, die in dieser Hinsicht bis vor einigen Jahren kaum Anlass zur Besorgnis gaben, ins Zentrum der Krise. Denn neben einem Ernährungssystem, in dem Handelsketten global verzahnt sind und einige große Lebensmittelkonzerne um die Vorherrschaft streiten, während gleichzeitig Länder mit niedrigem Einkommen und kleinbäuerliche Betriebe systematisch benachteiligt werden; neben den verheerenden Folgen des Klimawandels, unter dem die Länder, die ihn am wenigsten verursacht haben, am meisten leiden, und neben den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie ist Krieg immer noch einer der Hauptgründe für den Hunger auf der Welt.

Es ist gleichzeitig einer, der viel zu wenig Beachtung erfährt: Die Nachricht, dass seit Beginn des Bürgerkrieges 2015 allein im Jemen fast 85.000 Kinder verhungert sind, weil sie von lebenswichtigen Nahrungsmittelhilfen abgeschnitten wurden, war vor drei Jahren vielen Zeitungen nur eine kurze Meldung wert. So als wären diese Leben kriegsübliche Kollateralschäden, die zu verhindern niemand im Stande gewesen war.

Dass das Nobelpreiskomitee gerade das Welternährungsprogramm mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet hat, ist vor diesem Hintergrund eine eindringliche Mahnung: Denn die Mitarbeiter dieses Programms bekämpfen den Hunger auch in den Ländern, die von ihren eigenen Regierungen (und denen im Rest der Welt) im Stich gelassen wurden. Der Preis ist damit auch eine Auszeichnung für all jene stillen Helden, die in einer zynischen Welt, in der sich immer mehr Industrienationen gegen den bevorstehenden Ansturm von Armutsmigranten abschotten, die sie Wirtschaftsflüchtlinge nennen, unermüdlich für die Schwächsten einsetzen, nicht selten unter Einsatz ihres eigenen Lebens: für die Menschen, die der Zufall der Geburt in ein Land verschlagen hat, das durch Krieg, Naturkatastrophen oder die Ausbeutung der ökologischen Ressourcen auszubluten droht, und die jetzt um ihr Leben laufen.

Dieser Friedensnobelpreis ist eine Würdigung für die Anstrengungen, die bisher geleistet wurden. Er ist auch eine Aufforderung, nicht nachzulassen, gerade jetzt nicht, wo zu kriegerischen Auseinandersetzungen (die es immer gab und geben wird) und den verheerenden Folgen des Klimawandels (die zunehmen werden) auch noch eine globale Pandemie dazugekommen ist, von der noch nicht abzusehen ist, welche langfristigen Schäden sie gerade bei den Ärmsten hinterlassen wird. Und der Preis ist eine Erinnerung daran, dass der Kampf gegen den Hunger nicht nur eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sondern vor allem ein moralisches Mandat ist, für die sogenannte Erste Welt, die die Hauptverantwortung für die weltweite Hungerkatastrophe trägt.

Und damit ist dieser Nobelpreis auch und vor allem eine Warnung. Eine, die so laut ist, dass später niemand wird sagen können, er habe sie nicht gehört.