BerlinÜberrascht hat es letztlich niemanden mehr, dass in Deutschland das öffentliche Leben wieder massiv heruntergefahren wird. Die Infektionszahlen, die in den vergangen Tagen massiv gestiegen sind, haben es ahnen lassen. In vielen Gebieten ist eine Kontaktnachverfolgung mittlerweile nicht mehr möglich. Man muss es so sagen: Damit ist die Pandemie zumindest teilweise außer Kontrolle geraten.

Trotzdem fällt es schwer, die Maßnahmen zu begrüßen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller, der in der Ministerpräsidentenkonferenz zur Zeit für die SPD-Länder spricht, hat gesagt, dass dies ein sehr schwerer Tag sei und es ihm nicht leicht falle, die Maßnahmen mitzutragen. Sie seien aber in der jetzigen Situation sinnvoll. Weil es darum gehe, Menschenleben zu retten. Er hat damit den richtigen Ton gefunden. Wir machen mit, aber wir sind alles andere als begeistert darüber – so wird wohl die Stimmung der meisten Bürgerinnen und Bürger sein.

Die Kanzlerin sollte das aufmerksam verfolgen. Sie wirkte am Mittwochabend bei der Vorstellung der Ergebnisse des Corona-Gipfels eher kühl und geschäftsmäßig. Und gab auf Nachfrage zu, dass man vermutlich weniger harte Maßnahmen hätte treffen müssen, wenn man sich schon beim letzten Mal besser geeinigt hätte. Das hatte fast etwas von Genugtuung, die in einer solchen Zeit sauer aufstößt.

Der sogenannte Wellenbrecher-Lockdown, den Merkel nun gegen die zum Teil widerstrebenden Ministerpräsidenten durchgesetzt hat, hat aber auch massive inhaltliche Widersprüche. Obwohl für drei Viertel der Infektionen nicht klar ist, wo sie herkommen, müssen die Gastronomie, die Freizeitbranche und der Kulturbereich einseitig büßen. Vor allem auch, damit Schulen und Kitas offenbleiben können. Dem Eindruck wurde auf der Pressekonferenz der Kanzlerin mit den Vertretern der Ländern nicht widersprochen.

Für die Schüler bedeutet das, dass sie weiter dicht an dicht in Bussen zum Unterricht fahren, wo sie ebenfalls eng auf eng mit ihren Klassenkameraden zusammensitzen. Nachmittags dürfen sie sich mit ihnen aber nicht treffen, das ist bis mindestens Ende November illegal. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat auch schon mal nachgefragt, ob die Schutzbedürfnisse ihrer Beschäftigten eigentlich auch mal Beachtung finden. Mit einer Antwort können sie ebenso wenig rechnen wie die Kosmetikerinnen, die fassungslos feststellen, dass ihr Unternehmen geschlossen wird, während Friseursalons offenbleiben. Auch Gottesdienste wiederum dürfen weiter stattfinden, obwohl es hier in der Vergangenheit nachweislich Superspreader-Ereignisse gegeben hat.

Wir müssen das nicht alles verstehen, aber wir alle müssen es durchstehen. Die Politiker appellierten am Mittwochabend einmal mehr an die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger. Man hat den Eindruck, dass sich auch dieser Effekt allmählich abnutzt.