Digitale Gesundheitsakte: Techniker Krankenkasse präsentiert App für Patienten

Berlin - Das Beispiel ist zwar fiktiv, aber realistisch: Der Patient kommt mit starken Schmerzen ins Krankenhaus, doch die Ursache ist nicht eindeutig. Der behandelnde Arzt benötigt die genaue Krankengeschichte. Doch der Hausarzt ist nicht erreichbar, denn es ist Wochenende.

Ärzten fehlen oft wichtige Informationen

Der Bericht über die Magenspiegelung liegt beim Gastroenterologen, das Blutbild hat ein Allgemeinmediziner in einer anderen Stadt. Und der Patient selbst kann sich nicht erinnern, welche Medikamente er nimmt.

Das ist der Alltag im deutschen Gesundheitswesen. Deshalb gilt eine elektronische Patientenakte als Killer-Applikation der Digitalisierung in der Krankenversicherung.

Techniker Krankenkasse prescht vor

Die größte deutsche Krankenkasse, die Techniker Krankenkasse (TK), wollte nicht warten, bis das schwerfällige deutsche Gesundheitssystem reagiert, sondern prescht nun mit einer eigenen digitalen Gesundheitsakte für ihre elf Millionen Versicherten vor. 

„Heute werden im Zweifel Untersuchungen doppelt durchgeführt, weil das im Notfall schneller geht, als die vorhandenen Dokumente zu besorgen“, sagte TK-Chef Jens Baas bei der Vorstellung des Projektes. Die elektromische Akte mit dem Namen „TK-Safe“ solle der zentrale Ort werden, an dem die Versicherten alle wichtigen Daten sicher ablegen und jederzeit abrufen können.

Nur Patient soll Zugriff auf Daten haben

Baas versicherte, dass der Patient dabei stets Herr seiner Daten ist. Er könne entscheiden, ob er eine Akte will, was dort abgelegt wird und wer auf die Information zugreifen kann.

Die Krankenkasse hat die Patientenakte zusammen mit der deutschen Tochter des Computerkonzerns IBM entwickelt. Zugreifen können die Versicherten über die App der Kasse, nachdem sie ein Passwort eingegeben haben.

Alle Arztbesuche, Medikamente und Impfungen vermerkt

Dort erscheint als zentrales Element eine Zeitleiste, auf der Arztbesuche, Diagnosen, die Abrechnung der Kassen mit dem Arzt sowie Befunde aufgelistet sind. Auch Impfungen und die verschriebenen Medikamente sind einsehbar.

Zusätzlich können die Patienten selbst gekaufte Arzneimittel einscannen, damit die Liste tatsächlich vollständig ist. In späteren Ausbauschritten ist auch geplant, dass die Versicherten dort Daten von Fitness-Trackern abspeichern können, die für Ärzte wichtige Informationen liefern können.

Zentraler Ablageort

Im Unterschied zu einem bereits gestarteten Projekt der AOK werden bei der Techniker Kasse die Informationen zentral auf Datenspeichern von IBM in Frankfurt/Main abgelegt. Sie sollen so verschlüsselt werden, dass sie nur von den Versicherten in der App gelesen werden können.

Weder IBM noch die TK selbst haben nach den Worten von Baas Zugriff. „Die Daten sind so sicher, wie es überhaupt nur sein kann“, sagte der Kassen-Chef. Ein Vertreter von IBM sicherte zu, das Unternehmen stelle nur die technische Plattform bereit. An der Nutzung der Gesundheitsdaten sei man nicht interessiert. 

TK-Chef hofft auf Kooperation mit Patienten

Die Kasse führt die Akte allerdings nicht uneigennützig als reinen Service für die Versicherten ein: Sie rechnet mit Kostensenkungen, etwa durch den Wegfall von Doppeluntersuchungen.

Baas erhofft sich aber auch, dass die Versicherten der Kasse Einblick in Informationen geben, die die Versicherung bisher nicht kennt, etwa konkrete Befunddaten. „Wenn wir darauf zugreifen dürfen, können wir Unterstützung bei der Behandlung geben“, sagte er.

Seiner Krankenkasse zu viele individuelle Gesundheitsinformationen preis zu geben, gilt bei Datenschützern allerdings als heikel.

Die TK will die Akte jetzt schrittweise für interessierte Versicherte frei schalten. Zunächst ist es noch nicht möglich, dass Ärzte Informationen in die Akte einstellen können oder einen eigenen Zugriff haben. Der Versicherte kann aber zum Beispiel abgelegte Befunde aus der App an den behandelnden Arzt senden.

TK will einheitliche Lösungen für alle Versicherten

Nach den Worten von Baas ist die TK im Gespräch mit anderen Kassen und der Ärzteschaft, damit einheitliche Lösungen für alle gesetzlich Versicherten gefunden werden können. Die Akte müsse auch bei einem Kassenwechsel mitgenommen werden können. Es dürfe keine Insellösungen geben, mahnte der Kassenchef.