Das große Kofferpacken beginnt in den russischen Botschaften. Vier Diplomaten werden aus Deutschland, Frankreich und Polen nach Hause geschickt, Tschechien weist drei aus, die Niederlande zwei, die Ukraine 13, die USA gleich 60. Und so weiter. Als Akt der Solidarität mit Großbritannien wird das begründet. Der Impuls ist verständlich: Der russische Ex-Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter sind bei einem Kneipenbesuch vergiftet worden.

Ein Mordversuch wie aus einem schlechten Agentenfilm, bei dem noch dazu Zivilpersonen in Lebensgefahr gebracht werden, ist erschütternd und ein James Bond hat sich zur Lösung des Falles noch nicht dem Publikum vorgestellt. Hilflos ist die Reaktion Deutschlands und seiner Verbündeten dennoch. Und bei manchem entschlossenen Ausweiser drängt sich der Verdacht auf, es könnte sich um ein willkommenes Ablenkungsmanöver von eigenen Schwierigkeiten handeln. US-Präsident Donald Trump etwa hat es sonst ja nicht so mit multilateral abgestimmten Aktionen.

Grundlage für Wirtschaftssanktionen würde fehlen

Deutlich und einigermaßen unfreundlich wird Russland also nun darauf hingewiesen, es möge sich an der Aufklärung des Giftanschlags etwas entschiedener beteiligen als mit der Beteuerung der eigenen Unschuld. Immerhin ist das Gift einst in Russland ersonnen worden.

Aber auch wenn der Verdacht gegen Russland ziemlich nahe liegt - einen Beweis dafür, dass der Kreml seine Finger im Spiel hatte, gibt es nicht. Diplomatenausweisungen kann man damit schon nur mit Mühe begründen, für weitergehende Schritte wie Wirtschaftssanktionen würde die Grundlage fehlen.

Eine Crux an der Sache gibt es schon jetzt: Wenn sich herausstellen sollte, dass Russland als Giftmischer durch die Welt zieht, wäre der Ärger richtig groß. Dann würde es wohl nicht dabei bleiben, dass drei, vier oder 60 Diplomaten ihre Koffer packen müssen. Das könnte den Impuls zur Aufklärung empfindlich schmälern.