DIYARBAKIR. Nour Kamet ist eine kleine tapfere Frau, die ein Leben schultert, wie es für die meisten Menschen in Mitteleuropa wohl schwer vorstellbar ist. Drei ihrer vier Söhne sind schwerbehindert, nur der achtjährige Omrah wurde ohne Einschränkungen geboren. Seit ihrer Flucht aus der belagerten syrischen Metropole Aleppo vor zwei Jahren lebt die 29-jährige gelernte Friseurin mit ihrem Mann, den vier Kindern, ihrer Schwester und deren Mann in einer Dreiraumwohnung in der südostanatolischen Millionenstadt Diyarbakir. Die Zimmer in einem zweistöckigen Mietshaus sind karg eingerichtet und eine Zumutung für die Gesundheit. Auf allen Decken zeigen sich große Flecken schwarzen Schimmels, weil die Feuchtigkeit einfach nicht verschwindet. Der kleine Ventilator kann wenig dagegen ausrichten.

Nour Kamet weiß, dass es krank macht, hier zu leben. „Aber was sollen wir tun?“, fragt sie lächelnd. Die Syrerin im langen schwarzen Kleid und mit blauem Kopftuch kann die Wohnung nur verlassen, wenn sich ihre Schwester mal um die Kinder kümmert. Ihr ältester Sohn Hamit, 14 Jahre alt, liegt gerade bäuchlings auf einer der Matratzen am Boden, sein Körper zuckt, aus seinem Mund läuft Speichel. Dahaer, gerade zwölf geworden, sitzt an seinem Lieblingsplatz auf einer Fensterbank und hält sich am Gitter fest, das davor angebracht ist. Er liebt es, wenn die Sonne auf sein Gesicht fällt. Die beiden Jungen sind wie der sechsjährige Hamza von Geburt an blind, haben Schwierigkeiten zu gehen und sich zu artikulieren.

Ein Job in der Möbelfabrik

Die Kamets wollten ihre behinderten Söhne in ein Rehabilitationszentrum bringen, doch die türkische Regierung bietet syrischen Flüchtlingen zwar eine kostenlose medizinische Grundversorgung, aber nicht den Besuch von Spezialeinrichtungen an. „Und private Kliniken sind für uns unbezahlbar“, sagt Nour Kamet in ihrem weichen Arabisch.

Für den Unterhalt der Familie sorgt Nours Ehemann Hamza, der Arbeit in einer Möbelfabrik gefunden hat. Er verdient dort umgerechnet rund 250 Euro, was etwa 60 Prozent des türkischen Mindestlohns entspricht. In Aleppo war Hamza Lastenträger, jetzt arbeitet er an sechs Tagen der Woche je 13 Stunden. Er wird ausgebeutet wie viele syrische Flüchtlinge, aber sein Einkommen sichert das Überleben von acht Personen. Die Hälfte des Lohns geht für Miete, Strom und Wasser drauf, der Rest muss fürs Essen reichen – das ist auch in der relativ günstigen Südosttürkei nicht einfach. „Aber es ist okay für uns, mehr brauchen wir gar nicht“, sagt Nour Kamet bescheiden und mit entwaffnender Fröhlichkeit. „Was Gott uns schickt, ist uns genug.“

Tatsächlich aber fehlt sogar das Geld für den Bus, mit dem Omrah zur Schule fahren könnte. Die zwei syrischen Schulen der Stadt sind zu weit entfernt, um zu Fuß zu gehen. Stolz zeigt die junge Mutter ein Schreibheft, in das Omrah arabische und lateinische Buchstaben eingetragen hat. „Ich bringe ihm Lesen und Schreiben bei und auch ein wenig Englisch.“ Englisch war ihr Lieblingsfach in der Schule. Der kleine Omrah sagt, er wolle später Arzt werden, um seinen Brüdern helfen zu können.

Ein Lichtstrahl ist in ihr Leben gefallen, seit die kleine türkische Hilfsorganisation „Support to Life“ sie vor drei Monaten in ein Hilfsprogramm aufgenommen hat, das von der deutschen Diakonie Katastrophenhilfe ausgeht und von der ECHO abgekürzten Abteilung für humanitäre Hilfe der EU-Kommission mit zehn Millionen Euro unterstützt wird. An diesem Tag ist Martin Keßler, Chef der Diakonie Katastrophenhilfe, aus Berlin in die Türkei gekommen, um sich vom Erfolg der Arbeit zu überzeugen. „Das ist das größte Projekt, das wir überhaupt betreiben“, sagt der 52-Jährige mit dem kantigen Gesicht; rund ein Fünftel der Mittel der deutschen Organisation fließen in die Türkei-Hilfe.

Das Programm richtet sich an Flüchtlinge, die nicht in den großen, gut ausgestatteten Lagern entlang der türkisch-syrischen Grenze untergekommen sind, was auf rund 90 Prozent der offiziell 2,7 Millionen Syrer in der Türkei zutrifft. Niemand lebt gern im Lager, nur die Allerärmsten bleiben dort. „Lager sind keine Lösung, denn sie bieten weder Integration noch eine Rückkehrperspektive“, sagt Martin Keßler. Die syrischen Flüchtlinge in Diyarbakir und der Nachbarstadt Batman können sich um die Teilnahme an dem Programm bewerben und werden mithilfe eines umfangreichen Testverfahrens, persönlicher Gespräche und Hausbesuche nach Bedürftigkeit ausgewählt. Derzeit kommen rund 11 000 Menschen in den Genuss der Hilfe, das sind etwa die Hälfte aller Flüchtlinge in den beiden Metropolen.

Das Programm der Diakonie Katastrophenhilfe, dem humanitären Hilfswerk der evangelischen Kirche in Deutschland, beruht auf einem innovativen und zugleich einfachen Prinzip. Für jeden Angehörigen erhält eine Flüchtlingsfamilie pro Monat 50 Türkische Lira, umgerechnet 15 Euro. Die Kamets bekommen so 120 Euro Unterstützung. „Das Geld wird einmal im Monat auf eine elektronische Chipkarte geladen, die wie eine Bankkarte funktioniert“, erläutert Martin Keßler. „Mit der Karte können sie in sechs Supermärkten, mit denen wir Verträge haben, Grundnahrungsmittel und andere Artikel des täglichen Bedarfs erwerben.“

Er berichtet, dass solche E-Cards seit einigen Jahren ein unübersehbarer Trend in der Nothilfe sind. Die Flüchtlinge werden nicht mehr mit vorgepackten Hilfspaketen beliefert, die zu teuer und oft kulturell „falsch“ sind, sie können nach ihren Bedürfnissen einkaufen, und die Wirtschaft des Gastlandes wird gestärkt, da die Einkäufe in lokalen Märkten stattfinden. „Das stärkt die Würde und Handlungsfähigkeit der Menschen“, sagt Keßler. „Hilfsgüter machen die Betroffenen zu passiven Empfängern und entmündigen sie. Sie wollen aber ihr Schicksal so schnell wie möglich wieder selbst in die Hand nehmen.“

Fünf-Kilo-Pakete Zucker, 18-Liter-Kanister Sonnenblumenöl, Gewaltige Packungen Reis und Mehl, Waschmittel, Babywindeln. Das haben die Leute in ihre Einkaufswagen gelegt, die sich an der Kasse des „Tez-Gel“-Supermarkts in Diyarbakir drängeln. Nur Zigaretten und Alkohol werden nicht ausgegeben.

Inzwischen haben sich die Diakonie und ihr türkischer Partner für das Projekt auch um Gelder des Fonds beworben, den die Europäische Union im Rahmen des Flüchtlingsabkommens vom März aufgelegt hat. Dieser Deal mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist der derzeit wichtigste Baustein in der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel. Noch ist allerdings ungewiss, ob das Geld für Syrer und Iraker tatsächlich Anreize oder auch Zwänge schafft, in der Türkei zu bleiben.

„Die Hilfsorganisationen dürfen auch nicht zu viel Geld ausgeben, weil das zu Neid und schlechter Stimmung bei den Einheimischen führen kann“, sagt Martin Keßler. „Und wenn drei Milliarden Euro verteilt werden müssen, ist natürlich die Gefahr der Korruption ein Riesenthema. Deshalb gibt es hohe Qualitätsstandards, die wir und unsere lokalen Partner einhalten und erfüllen müssen.“ Das Projekt der Diakonie werde genau kontrolliert, zuständig ist der lokale Partner „Support to Life“, eine der wenigen Nichtregierungsorganisationen in der Türkei, die den scharfen Kriterien der Brüsseler ECHO-Verwaltung genügen.

In Diyarbakir arbeitet die Diakonie unter anderem mit Vefik Salamis zusammen, Eigentümer von zwei Supermärkten. Der 38-jährige kurdische Unternehmer mit randloser Brille und offenem Hemdkragen lässt süßen Tee in seinem geräumigen Büro in der Neustadt von Diyarbakir servieren. Etwa drei Prozent seines Umsatzes macht in seinen Geschäften der Einkauf mit den Karten aus. „Aber uns geht es hier auch nicht in erster Linie ums Geld, sondern darum, den Syrern zu helfen. Als Menschen wünschen wir uns, dass es keine Kriege gibt“, erklärt er mit einem Enthusiasmus, den man bei einem Geschäftsmann so nicht unbedingt erwartet. Im März ist einer seiner Supermärkte während der Gefechte der Sicherheitskräfte mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK abgebrannt. Er ließ ihn wieder aufbauen.

Zwei von drei sind weitergezogen

Wollten die Europäer die Fortsetzung des Flüchtlingstrecks in ihre Länder verhindern, sollten sie dazu beitragen, Bildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze für sie in der Türkei zu schaffen, sagt Sema Karaosmanoglu, die resolute Präsidentin von „Support to Life“. „Wenn man sich fragt, was bekommen die Syrer in Europa, was sie in der Türkei nicht bekommen – dann ist es der offizielle UN-Flüchtlingsstatus, mit allen damit verbundenen Rechten.“ Solange sie diesen Status nicht erhielten, würden die Flüchtlinge weiterziehen, trotz der vielen Milliarden Euro.

Bisher werden die Syrer in der Türkei als „Gäste“ bezeichnet und erhalten lediglich eine „vorübergehende Schutzregelung“, aber kein Asyl. Von 30 000 Syrern, die seit 2012 in Diyarbakir offiziell als Flüchtlinge registriert wurden, seien zwei Drittel in die Westtürkei oder schon weiter nach Europa gegangen. „Die Leute haben erkannt, dass es keinen Weg zurück nach Syrien gibt“, sagt Karaosmanoglu. „Aber in der Türkei sehen sie keine Möglichkeit, sich zu integrieren, keine Zukunft für sich und ihre Kinder.“

Nour Kamet, die Syrerin mit den vier kleinen Söhnen, hat nie daran gedacht, nach Europa zu fahren, seit ihre Familie im Frühjahr 2014 aus Aleppo vor den Bomben des Assad-Regimes in die Türkei flüchtete. Drei ihrer Cousins wurden getötet. Ihre Verwandten sind jetzt über mehrere Länder verstreut, der Vater ist gestorben, die Mutter lebt im Libanon. „Ich liebe Syrien und möchte unbedingt zurück“, sagt sie. In der Türkei fühlt sie sich isoliert, weil sie weder Türkisch noch Kurdisch spricht. Doch bis es vielleicht wieder möglich wird zurückzukehren, wird sie Unterstützung brauchen, und zwar mehr als bisher. Sonst könnte sie am Ende doch noch überlegen, ob es einen Weg nach Europa gibt für sie, ihren Mann und die vier Kinder.