Das letzte Lächeln: Ljudmila Dubinina, Georgi Kriwonischtschenko,  Nikolai Thibeaux-Brignolles und Rustem Slobodin (v.l.).
Foto: dyatlovpass.com

BerlinDer 1092 Meter hohe Berg Cholat Sjachl im nördlichen Ural ist ein verwunschener Berg. Jedenfalls aus Sicht der Mansen, einem in dieser Region verwurzelten finno-ugrischen Volk. Weil einer Legende zufolge dort in alten Zeiten neun Jäger getötet wurden, heißt der rund 1500 Kilometer östlich von Moskau gelegene Cholat Sjachl in der Sprache der Mansen „Berg des Todes“.

Eine Gruppe von neun russischen Skiwanderern hatte sich vor 61 Jahren von der alten Legende nicht abschrecken lassen. Am 28. Januar 1959 starteten sie von einer verlassenen Bergwerkssiedlung aus zu einer Tour durch die Wälder und Berge des nördlichen Ural. 350 Kilometer und der verwunschene Cholat Sjachl lagen vor der Gruppe, der sieben Männer und zwei Frauen im Alter von 20 bis 38 Jahren angehörten und die vom damals 23-jährigen Funkingenieurstudenten Igor Djatlow angeführt wurde. Doch die Expedition endete in einer Katastrophe – alle neun Skiwanderer kamen am 1. Februar 1959 ums Leben. Sie starben auf dem später nach dem Anführer der Gruppe benannten Djatlow-Pass, der hinaufführt zum Cholat Sjachl, dem „Berg des Todes“.

Bis heute sind die genauen Todesumstände und die Ursache der Tragödie ungeklärt. Dafür finden sich seit sechs Jahrzehnten alle möglichen Theorien dazu in Büchern und Filmen. Auch im Internet wird das rätselhafte Geschehen bis heute heftig debattiert: Sind die jungen Leute vor einer Lawine geflohen oder von Kriminellen gejagt und ermordet worden? Wurden sie Opfer des legendären Schneemenschen Yeti oder gar von Außerirdischen?

Hell leuchtende Kugeln am Himmel

Bei den Spekulationen spielen unter anderem die Aussagen von Angehörigen eine Rolle, wonach die Haut der Verstorbenen tief gebräunt ausgesehen habe und die Haare komplett grau gewesen seien. Angeheizt werden die Diskussionen zudem durch seltsame Himmelserscheinungen über dem Gebiet des Cholat Sjachl in jener Zeit. Danach waren an unterschiedlichen Tagen hell leuchtende Kugeln gesichtet worden, die sich minutenlang am Himmel bewegten. Auch eine der Fotografien, die man in den unversehrten Kameras der Skiwanderer fand, scheint einen mysteriösen Lichtschein am ansonsten dunklen Himmel zu zeigen – es ist das verwackelte allerletzte Bild einer Reihe ansonsten scharfer und professionell durchkomponierter Fotos des 23-jährigen Georgi Kriwonischtschenko, die von unbeschwerten jungen Leuten in malerisch verschneiter Landschaft zeugen.  Warum ist dieses eine Bild so verunglückt, und was soll es uns sagen?

Während es die einen als Beleg für die Ufo-Theorie werten, vermuten andere hinter den Lichtkugeln neu entwickelte Raketen, die damals von der sowjetischen Armee über dem dünn besiedelten Gebiet getestet wurden. Möglicherweise – so eine These – sei ein solcher Test misslungen und habe zum Tod der neun Wanderer geführt.

Die jüngste und in ihrer Beweisführung durchaus schlüssige Version stammt von einem unbekannten Autor, der sich das Pseudonym Alexej Rakitin gegeben hat. In seinem inzwischen auf Deutsch erschienenen Buch „Die Toten vom Djatlow-Pass“ beruft sich Rakitin unter anderem auf die Untersuchungsakten einer Expertenkommission, auf amerikanische Geheimdienstpapiere und Erkenntnisse des sowjetischen KGB. Anhand vieler von ihm präzise geschilderter Indizien entwirft der Autor ein Szenario, nach dem die neun Wanderer Opfer einer fehlgeschlagenen Geheimdienstoperation des KGB geworden seien. Ist damit – so wie Rakitin es im Untertitel seines Buches verspricht – tatsächlich eines der letzten Geheimnisse des Kalten Krieges gelöst?

Suchexpedition fand das aufgeschlitzte Zelt der Gruppe 

Von der Tragödie am „Berg des Todes“ hatte im Februar 1959 zunächst niemand etwas mitbekommen, war die Ankunft der aus fünf Studenten aus Jekaterinburg, zwei Bauleitern, einem Ingenieur und einem professionellen Wanderführer bestehende Gruppe in der Siedlung Wischai doch erst für den 14. Februar eingeplant. Als die Djatlow-Gruppe aber eine Woche überfällig war, entschlossen sich die Behörden zu einer Suchexpedition. Am 26. Februar stieß man auf eine erste Spur – auf einem Pass zum Cholat Sjachl fand ein Suchtrupp das Zelt der Gruppe, dessen Plane an mehreren Stellen von innen aufgeschlitzt war. Im Inneren lagen Kleidung und Ausrüstungsgegenstände, auch das Expeditionstagebuch. Der letzte Eintrag darin stammte vom 31. Januar, demnach waren alle neun Teilnehmer zu diesem Zeitpunkt gesund und bester Stimmung. Und doch muss sie irgendetwas aufgeschreckt und aus dem Zelt gejagt haben. Auf dem Tisch lag noch ein ausgepacktes Stück Speck, als sei gerade das Essen vorbereitet worden. Im Schnee vor dem Zelt steckten die Skier der Wanderer, die sich offenbar zu Fuß auf den Weg gemacht hatten. Aber wohin?

Eine erste Antwort auf die Frage ergab sich am 27. Februar. Etwa anderthalb Kilometer vom Zelt entfernt, unter einer Zeder am Steilufer eines Baches, wurden zwei Leichen gefunden. Wenige Stunden später entdeckte ein Suchtrupp am Berghang zwei weitere Tote – es waren der Expeditionsleiter Igor Djatlow und eine der beiden Frauen, die 22-jährige Sinaida Kolmogorowa. Die Leichen wiesen Abschürfungen und Blutergüsse auf, keine trug Schuhe, zwei waren nur mit Unterhosen bekleidet. Erst eine Woche später, am 5. März, wurde unter einer 15 Zentimeter dicken Schneeschicht das fünfte Opfer gefunden, der 23-jährige Rustem Slobodin. Seine Leiche wies starke Kopfverletzungen auf – offenbar war der Mann mehrmals geschlagen worden, bevor er das Bewusstsein verlor und erfror.

Anfang Mai schließlich gruben die Suchtrupps die restlichen vier Leichen aus dem Schnee aus. Sie fanden sie in einer Schlucht, keine 100 Meter von der Zeder entfernt, wo die ersten beiden Toten gefunden worden waren. Die drei Männer und eine Frau wiesen die rätselhaftesten Verletzungen auf: Der 20-jährigen Ljudmila Dubinina,  die man in knieender Position fand, waren mehrere Rippen gebrochen sowie das Gesicht zerschlagen worden; auch fehlten ihr die Augäpfel und die Zunge. Ähnliche Verletzungen – bis auf die entfernte Zunge – wies auch der 38-jährige Semjon Solotarew auf, der von den Studenten hinzugezogene Wanderfüher, ein ortskundiger Profi, der die Tour zuvor etliche Male unversehrt absolviert hatte. Die anderen beiden Toten hatten hatten schwere Schädelverletzungen durch einen stumpfen Gegenstand erlitten.

Der KGB bremste die Ermittlungen 

Mindestens ebenso mysteriös war, dass einige der am Djatlow-Pass sichergestellten Kleidungsstücke radioaktiv verseucht waren. Sie gehörten  Georgi Kriwonischtschenko, dem Mann, der auch das mysteriöse Lichtkugel-Foto machte, und der als Ingenieur in der geheimen „Atomstadt“ Tscheljabinsk-40 arbeitete, in der unter anderem waffenfähiges Plutonium gewonnen wurde. Dieser Umstand erklärt wohl auch, warum sich der KGB seinerzeit einschaltete und die Ermittlungen um die Toten vom Djatlow-Pass bremste. Auch wurde Kriwonischtschenko als Einziger aus der Gruppe in einem verlöteten Zinksarg begraben, und zwar auf einem zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossenen Friedhof in Swerdlowsk. Anders als bei den anderen Toten wurde zudem ein Öffnen des Sargs zum Abschiednehmen durch die Familie ausdrücklich untersagt. Warum? Welches Geheimnis sollte das Opfer mit ins Grab nehmen?

Buchautor Rakitin vermutet, dass der tote Ingenieur aus der „Atomstadt“ vom KGB als Doppelagent geführt wurde. Er sollte demnach den Amerikanern die vermeintliche Probe eines U-Boot-Anstrichs auf Basis des radioaktiven Strontium-90 unterjubeln, den die Sowjets in Wahrheit gar nicht verwendeten. Man versprach sich davon, dass der Gegner Forschungs- und Entwicklungskapazitäten in eine nutzlose Operation stecken werde.

Laut Rakitin habe der Ingenieur dazu vor Beginn der Wanderung vom KGB drei Kleidungsstücke erhalten, die mit Isotopenspuren des angeblichen Strontium-Anstrichs kontaminiert waren. Während der Skiwanderung durch den Ural sollte dann ein als Wanderergruppe getarntes CIA-Kommando „zufällig“ den Weg der Djatlow-Gruppe kreuzen und bei dieser Gelegenheit die Kleidungsstücke in Empfang nehmen. Außer dem Ingenieur waren nur noch zwei weitere Angehörige der Gruppe als KGB-Agenten in die Operation eingeweiht: der Wanderführer Solotarew und der 24-jährige Alexander Kolewatow, die die Aktion absichern und dokumentieren sollten.

Gescheiterte Übergabeaktion am Berg Cholat Sjachl

Doch die Übergabeaktion am Berg Cholat Sjachl, so vermutet es Rakitin, sei gescheitert. Möglicherweise hatten die CIA-Agenten Verdacht geschöpft. Sie zwangen die russischen Skiwanderer zunächst mit vorgehaltener Waffe dazu, in Schlafkleidung in die eiskalte Nacht davonzulaufen – die Temperaturen betrugen um minus 30 Grad. Weil die Angreifer sichergehen wollten, dass keiner der jungen Leute überlebt, seien sie ihnen nach einiger Zeit gefolgt und hätten die durch die Kälte geschwächten Wanderer bis zur Bewusstlosigkeit zusammengeschlagen und sogar gefoltert – die schrecklichen Verletzungen der beiden zuletzt gefundenen Opfer weisen darauf hin.

Ist damit das Rätsel um die Toten vom Djatlow-Pass geklärt? Die Staatsanwaltschaft der Ural-Region Swerdlowsk hat im vergangenen Jahr überraschend neue Ermittlungen in dem ungelösten Fall angekündigt. Allerdings würden nur natürliche Szenarien wie eine Lawine oder ein Wirbelsturm als Ursache der Tragödie geprüft, heißt es. Für viele Beobachter steht damit fest, dass die Behörden die wahren Hintergründe der rätselhaften Vorgänge am Cholat Sjachl weiter vertuschen wollen.