Es ist die wohl eindrücklichste Szene aus der vor fast 30 Jahren entstandenen Dokumentation „Keine Gewalt“, die an diesem Montagabend im Weißenseer Kino Toni am Antonplatz gezeigt wird: Mehr als 40 Volkspolizisten in Uniform stehen nebeneinander in einem Saal des Roten Rathauses.

Jeder von ihnen hält ein Pappschild vor sich. Darauf steht der Buchstabe P und eine Zahl. Ein Dutzend junger Männer und Frauen in Zivil laufen langsam an ihnen vorbei, schauen jedem ins Gesicht. Während der ganzen Zeit fällt kein Wort. Ein stummes Defilee der Anklage.

Proteste in Prenzlauer Berg

Die Zivilisten sind einige der Opfer der gewalttätigen Übergriffe vom 7. und 8. Oktober 1989 in Ost-Berlin. Sie stehen an diesem Januartag des Jahres 1990 das erste Mal den uniformierten Tätern gegenüber. Die Misshandelten identifizieren ihre Peiniger. Anschließend – auch das zeigt der Film – sitzen sie sich an Tischen gegenüber und sprechen darüber, wie es dazu kommen konnte, dass Tausende friedliche Demonstranten an jenen beiden Oktobertagen rund um die Schönhauser Allee festgenommen und auf Polizeirevieren zusammengeschlagen und erniedrigt wurden.

Absurderweise bringt ein hoher SED-Funktionär in dem Film auf den Punkt, was alle Betroffenen damals dachten: „Ich konnte es mir nicht vorstellen, dass ein sozialistisches Sicherheitsorgan mit solchen Methoden arbeitet. Das Prinzip kenne ich nicht aus einer sozialistischen Polizei, das kenne ich aus anderen Welten“, sagt Wolfgang Herger, der als Sicherheitschef im SED-Zentralkomitee einer der Hauptverantwortlichen war für die Übergriffe.

Stundenlang eingekesselt

An den Abenden des 7. und 8. Oktober 1989, als die SED-Führung den 40. (und letzten) Jahrestag der DDR-Gründung feierte, hatten sich Tausende Ostberliner an der Gethsemane-Kirche nahe der Schönhauser Allee zu friedlichen Protesten gegen das Regime versammelt. Mit Kerzen in den Händen und Sprechchören forderten sie ihre Verfassungsrechte auf Meinungsfreiheit und freie Wahlen ein.

Hundertschaften der Bereitschaftspolizei und zivil gekleidete Stasi-Kräfte kesselten die Demonstranten erst stundenlang ein und begannen dann mit der gewaltsamen Räumung der Straßen. Sie prügelten mit Schlagstöcken auf die Menschen ein und jagten Flüchtenden durch Nebenstraßen nach.

Insgesamt wurden an beiden Tagen mehr als 1000 Männer und Frauen verhaftet. Eine große Zahl von ihnen wurde anschließend in den Polizeirevieren misshandelt und erniedrigt. Eine spätere Untersuchung ergab, dass mindestens 211 Demonstranten zum Teil schwer verletzt worden waren. Von den Sicherheitskräften kam niemand zu Schaden.

Wie ein Lauffeuer

Berichte über die von den SED-Medien lange totgeschwiegenen Ereignisse verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in der Stadt. Die Berliner Bevölkerung erzwang schließlich den Einsatz einer Untersuchungskommission, die vom 9. November 1989 an im Roten Rathaus tagte. Ihr gehörten insgesamt 26 Männer und Frauen an – neben Vertretern des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung auch Arbeiter, Ärzte, Rechtsanwälte, Wissenschaftler, Kirchenleute und Oppositionelle sowie mehrere namhafte Künstler.

Zu ihnen gehörten die Schriftsteller Christa Wolf, Christoph Hein, Daniela Dahn und Jürgen Rennert, der Maler und Grafiker Manfred Butzmann, der Filmemacher Lew Hohmann und die Schauspielerin Jutta Wachowiak.

Jämmerliches Herausreden

Bis ins Frühjahr 1990 hinein befragte die Kommission Verantwortliche der Oktober-Ereignisse, darunter ehemals hochrangige Parteifunktionäre und Stasi-Offiziere. Unter den Befragten waren Stasi-Chef Erich Mielke, Polizeipräsident Friedhelm Rausch, Innenminister Friedrich Dickel und Mielke-Stellvertreter Wolfgang Schwanitz, Oberbürgermeister Erhard Krack, Honecker-Nachfolger Egon Krenz und Berlins SED-Chef Günter Schabowski.

Die Dokumentation „Keine Gewalt“ zeigt Ausschnitte dieser Befragungen, in denen sich die Funktionäre in jämmerlicher Weise aus ihrer Verantwortung herauszuwinden suchen. Gegengeschnitten werden die auch heute noch erschütternden Aussagen der Demonstranten über ihre Erlebnisse an den beiden Oktobertagen.

Die damals 21-jährige Wiebke Steinmetz etwa, die 1989 als Schneiderin an einem Theater arbeitete, war nach ihrer Festnahme in eine Kaserne der Bereitschaftspolizei am Blankenburger Pflasterweg gebracht worden. Dort wurde sie körperlich bedroht, beschimpft und obszön beleidigt

Denkwürdige Filmpremiere

„Ich hatte Angst, dass ich nie wieder rauskomme. Dass ich dort wochenlang gezüchtigt werde, ‚zu Verstand gebracht‘ werde“, sagt sie in dem Film. Der damals 32-jährige Ingenieur und Liedermacher Jörn Brumme, ebenfalls am Pflasterweg interniert, sagt, er habe den Eindruck gehabt, „dass in dem ganzen Land eine Militärdiktatur ausgebrochen ist“.

Die Aufführung des Films „Keine Gewalt“ beginnt an diesem Montag um 18 Uhr im Kino Toni. Es ist eine denkwürdige Filmpremiere, denn die knapp einstündige Dokumentation der Filmemacher Lew Hohmann und Achim Tschirner über die Ereignisse vom Oktober 1989 und die Untersuchungskommission wurde noch nie in Berlin gezeigt. Im Anschluss an die Vorführung spricht Lew Hohmann mit dem Schriftsteller Christoph Hein, der damals der Untersuchungskommission angehört hatte.