Der Speyerer Dom ist Kathedrale, Pfarrkirche, Wallfahrtsort – und Weltkulturerbe.
Foto: Imago Images

Speyer/Berlin - In Berlin gibt es „Star Wars“-Gottesdienste, von Franken bis ins Münsterland richten Kirchen Whisky-Verkostungen aus – und im italienischen Umbrien werden Gläubige schon mal mit Prosecco belohnt, wenn sie in der sommerlichen Urlaubszeit zum Gottesdienst kommen. Auch an der Kirche geht der Trend zur Eventisierung nicht vorbei. Was bleibt auch angesichts des Mitgliederschwundes der christlichen Kirchen hierzulande übrig, als neue Wege zu gehen? Das denkt sich wohl auch Tobias Heil, Dom-Kaplan im rheinland-pfälzischen Speyer. Er lädt in dieser Woche erstmals zum Weihrauch-Tasting ein – und hat noch viele weitere Ideen.

Herr Heil, am heutigen Freitagabend veranstalten Sie im Dom zu Speyer ein Weihrauch-Tasting. Kann man da noch spontan dazukommen?

Leider nicht. Es sind nur zwölf Plätze zu vergeben, und die waren innerhalb kurzer Zeit ausgebucht. Aber im Mai ist schon der nächste Termin.

Was erwartet mich denn bei so einer Weihrauch-Probe?

Ich werde in der Sakristei, wo sonst die Gottesdienste vorbereitet werden, etwas über die Geschichte des Weihrauchs, die bis ins Altertum zurückreicht, die ökonomische Bedeutung, die rituelle Verwendung im christlichen Gottesdienst und die medizinische Wirkung des Harzes erzählen. Und begleitend stelle ich sechs verschiedene Sorten vor.

Es gibt verschiedene Sorten Weihrauch?

Sehr viele. Wenn man sich näher mit Weihrauch – also dem luftgetrockneten Gummiharz des Weihrauchbaumes – beschäftigt, ist es wie mit der Weinkunde. Man entdeckt, dass es verschiedene Sorten gibt, dass die Herkunft und der Boden viel ausmachen, dass es Verschnitte gibt.

Aber einen Wein kann man kosten, und nicht nur riechen …

Das kann man beim Weihrauch tatsächlich auch machen. Beim Tasting reiche ich die Sorten herum und lasse die Leute erst mal am puren Harz riechen, dass auch unangezündet schon sehr intensiv duften kann. Man kann den Weihrauch in die Hand nehmen und könnte einige Sorten auch essen. In Indien oder Ägypten macht man das zum Beispiel, um den Körper zu stärken und gegen Entzündungen vorzugehen. Wir legen ihn hier allerdings eher auf glühende Kohlen und spüren dem Geruch des Rauches nach: Löst es eher ein Kratzen aus oder riecht es angenehm? Ist das Aroma würzig oder eher süßlich?

Das klingt fast wie bei einem Sauna-Aufguss.

Tatsächlich kann Weihrauch genau diese Wirkungen entfalten – er kann beleben, für Stärkung sorgen. Manche Leute legen ihn sich auch zu Hause ins Stövchen. Das würde ich jetzt allerdings nicht machen, weil ich den Rauch nicht in der Wohnung haben möchte.

Aber können Sie eine Sorte besonders empfehlen?

Meine Lieblingssorte, eine der besten, die es auf dem Markt gibt, ist der Adenweihrauch. Er ist ganz rein und hell, über unseren Händler beziehen wir ihn aus dem Jemen. Er bildet große Tränen – so nennt man die Weihrauchklumpen – und riecht würzig-frisch und leicht süßlich. Das zieht einen nicht runter, wie es manche Sorten tun, sondern macht aufmerksam und wach. Guter Weihrauch kostet allerdings schnell 50 bis 100 Euro pro Kilo.

Zur Person

Tobias Heil, 33, stammt aus dem rheinland-pfälzischen Frankenthal und ist seit August 2017 Kaplan im Dom zu Speyer. Während seines Theologie-Studiums zog er zunächst ins Mainzer und dann ins Speyerer Priesterseminar. Mit 28 wurde er zum Priester geweiht und trat zunächst in Pirmasens eine Kaplanstelle an.

Als bischöflicher Zeremoniar sorgt Heil für einen reibungslosen Ablauf der Messen. Als Kaplan hält er Gottesdienste in den katholischen Kirchen der Stadt, spendet Sakramente, kümmert sich um die Jugendarbeit, betreut Messdiener und gibt Religionsunterricht an einer Grundschule.

Wieso machen Sie dieses Tasting? In der Hoffnung, dass die Leute berauscht sind und am Ende in die Kirche eintreten?

Da würde ich dann doch hoffen, dass so eine Entscheidung klar, bei vollem Verstand und Bewusstsein getroffen wird. Außerdem gibt es zwar die Annahme, dass Weihrauch den Cannabis-Wirkstoff THC enthält, das ist aber wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Nein, die Teilnehmer sollen nach einer guten Stunde etwas erfahren haben und gestärkt aus unserer Kirche gehen.

Man könnte auch von einer Eventisierung der Kirche sprechen. Erreicht man die Menschen auf anderem Wege nicht mehr?

Doch, natürlich, aber es wäre doch fahrlässig, wenn man nicht auch andere Wege ginge. Die Menschen lassen sich eher zu einmaligen Events bewegen als zu dauerhaftem Engagement. Und wenn das ein Türöffner sein kann zur Kirche und zu den Botschaften von Jesus Christus, dann kann ich doch diese Tür nicht ignorieren. Ich habe auch schon Whisky-Tastings gemacht. Und biblische Kochkurse angeboten – mit einfachen Nahrungsmitteln wie Nüssen, Feigen und Honig, die es schon zur Entstehungszeit der biblischen Erzählungen gab.

Wen erreichen Sie mit solchen Events?

Das ist ganz unterschiedlich: Frauen, Männer, Junge, Alte, Kirchgänger, Atheisten. Es gab auch schon Leute, die sich von der Kirche abgewandt hatten, aber etwa durch eine Whiskyverkostung wieder mal in unsere Kirche gekommen sind. Die Menschen schätzen es, dass sie mit solchen Veranstaltungen nicht bekehrt werden sollen, sondern dass sie einfach etwas Neues erfahren und lernen können. Und wir geben ihnen ein paar Grundwerte mit – und eine Sympathie für christliches Leben. Die Botschaft Jesu lässt sich nicht immer so leicht vermitteln – anhand praktischer Beispiele gelingt das besser.

Können Sie das am Beispiel des Whiskys erläutern?

Unser nächstes Tasting im März steht unter dem Motto „Himmel, Hölle, Fegefeuer“. Wir sprechen über die Dinge, die nach dem Leben kommen, den Tod, das Fegefeuer als Ort der Reinigung und Läuterung. Passend zum Fegefeuer werde ich zum Beispiel einen Whisky auswählen, der ordentlich wegbrennt, in Fassstärke mit über 56 Prozent.

Und am Ende sind alle betrunken?

Nein, wir werden natürlich nicht übertreiben und nur vier Sorten probieren. Die Kunst des richtigen Maßhaltens wollen wir nicht vergessen – gerade jetzt in der Fastenzeit.