US-Präsident Donald Trump.
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BerlinUS-Präsident Donald Trump hat den Demokraten bei seinem Wahlkampfauftritt am Wochenende unterstellt, sie wollten nach einem Sieg am 3. November das Erbe der USA zerstören und ein Unterdrückungssystem errichten. So maßlos abwegig diese Behauptung ist, sie trifft die Tragweite der Entscheidung, die 330 Millionen Amerikaner dann treffen werden. Denn anders als bei so gut wie allen Präsidentschaftswahlen der Vergangenheit geht es nicht nur um die Frage, wer künftig das Land regieren wird. Es geht um nicht weniger als um das Überleben einer der ältesten Demokratien der Welt.

Trumps Auftreten und die Ereignisse in den Wochen nach dem Mord an dem Schwarzen George Floyd haben gezeigt, wie weit er bei der Zerstörung von Anstand und Moral, von Regeln und Institutionen im politischen Leben der USA vorangekommen ist. Das ist das eigentlich Beunruhigende: die Erkenntnis, dass ein einzelner Mann, eine einzige ungebildete, geistig beschränkte, egoistische und rachsüchtige Person ein seit über 200 Jahren bei allen Fehlern stabil arbeitendes System wie die amerikanische Demokratie an den Rand des Zusammenbruchs führen kann.

So sieht es aus, aber man muss auch die Vorgeschichte sehen. Sie zeigt, dass die USA seit Jahrzehnten eine kränkelnde Gesellschaft waren, die bereits viel von ihrer einstigen Attraktivität, ihrer Vitalität und Zukunftsfähigkeit verloren hatte. Erste Zeichen des Niedergangs der demokratischen Kultur, der schwindenden Achtung vor dem politischen Gegner und der Schwäche des Wahlsystems sind schon Ende der 90er-Jahre aufgetreten, als die Republikaner eine maßlose Hasskampagne wegen einer sexuellen Verfehlung gegen Präsident Bill Clinton entfachten. Schon sein Nachfolger George W. Bush konnte nur aufgrund des fragwürdigen Wahlmännersystems ins Amt kommen, obwohl er landesweit eine halbe Million Stimmen weniger als sein Gegenkandidat von den Demokraten erhalten hatte. Trump hatte dann sogar drei Millionen Stimmen weniger als Hillary Clinton und wurde doch Präsident. Wie demokratisch ist so ein Wahlsystem?

Die US-Amerikaner haben mit den Anschlägen vom 9. September 2001 und der Finanzkrise 2008 zwei Einschnitte erlebt, die viel tiefere Spuren in ihrem Bewusstsein und ihrem Alltag hinterließen als vielfach wahrgenommen. Auf 9/11 folgte eine Militarisierung der USA nach innen, die man heute an der paramilitärischen Ausrichtung der Polizei erkennen kann. Und 2008 zerstob für Millionen endgültig das Versprechen, dass die amerikanische Gesellschaft noch immer Wohlstand für jeden bereithalte. All das geschah vor dem Hintergrund eines brodelnden, immer einmal aufbrechenden, aber nie ernsthaft thematisierten Rassismus.

Die Wahl Barack Obamas wirkte dann wie eine Atempause in dieser Abwärtsspirale. Doch der Mann, dessen große Botschaft „hope“, Hoffnung, war, konnte dieses Versprechen nicht einlösen. Die Wirtschaftskrise und die Mehrheit der Republikaner im Kongress blockierten überfällige Reformen wie die des Gesundheits- und des Wahlsystems, die Spaltung des Landes nahm noch zu. Barack Obama wurde auch ein Opfer seines Anspruchs, Präsident aller Amerikaner zu sein und nicht etwa besonders die Interessen der Schwarzen zu vertreten. Er konnte gerade wegen seiner Herkunft nicht so entschieden gegen den Rassismus vorgehen, wie viele Afroamerikaner es sich erhofft hatten. Sie blieben enttäuscht zurück.

Dieses zerrissene, aufgewühlte, unzufriedene Land war die ideale Basis für einen Spalter und Hetzer wie Donald Trump. Immerhin: Jeder kann nun sehen, welchen Schaden er schon angerichtet hat. Und in welches Unheil er das Land führen würde, würde er noch einmal gewählt. Die Proteste gegen die rassistische Polizeigewalt haben gezeigt, welche Energie in dieser Gegenbewegung zu Trump und seinem Gesellschaftsverständnis steckt, wie viele junge Leute sich dort erstmals engagieren. Vielleicht waren die leeren Ränge in der Wahlkampfarena von Tulsa am Sonnabend ein Vorzeichen für das Ende der Episode Donald Trump. Das wäre die beste Nachricht für die Demokratie in den USA seit langem.