Vereinzelte Grüne haben sich zuletzt über ihre schlechte Presse mokiert. Sie lagen nicht ganz richtig damit. Andere Parteien hat es schon härter getroffen. Sie lagen aber auch nicht ganz falsch. Denn im Augenblick wird jede Bewegung der Ökopartei kritisch beobachtet, manchmal auch aus enttäuschter Liebe der Beobachter.

Gut möglich, dass die Kündigung des Pariser Klimaschutzabkommens durch die USA die Krise schlagartig beendet. Ja, Donald Trumps Akt könnte für die Grünen das sein, was für sie im Frühjahr 2011 die Reaktorkatastrophe von Fukushima war – eine große Chance.

Grüne demonstrieren vor US-Botschaft

Keineswegs zufällig standen die grünen Führungsleute am Morgen danach vor der amerikanischen Botschaft, um demonstrierend ein Zeichen zu setzen. Natürlich weisen sie den Verdacht, von dem Fiasko profitieren zu wollen, weit von sich. Dennoch könnte es eine Themen-Rochade im Wahlkampf bringen.

In Wahlkämpfen sind ja nicht zuletzt die Themen ausschlaggebend – also die Frage, wer seine Themen gegen die anderen durchbringt. Dabei konnten wir sehen, dass das Thema innere Sicherheit, das als Unions-Bastion gilt, derzeit dominiert – und zwar so stark, dass die SPD mit einem eigenen Sicherheitspapier gegenhalten musste.

Wenngleich in den westlichen Gesellschaften ein fataler Gewöhnungseffekt einsetzt und Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen erst in der vorigen Woche vor Abstumpfung warnte: Die Dringlichkeit dürfte nach dem jüngsten Terroranschlag von London noch wachsen.

Linke und Grüne für mehr Polizisten

Gut möglich, dass wir, da der so genannte Islamische Staat in Syrien und im Irak mit dem Rücken an der Wand steht, in Europa einen Sommer der Gewalt erleben. Auch Grüne und Linke sagen mittlerweile, dass mehr Polizisten nötig seien. Sie wissen, dass sie damit nichts gewinnen können, aber zumindest nicht weiter verlieren werden. Man nennt das im Jargon der Strategen auch: „eine Flanke schließen“.

Das vom SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz im frühen Frühjahr gesetzte Thema soziale Gerechtigkeit ist auf halber Strecke quasi verhungert, weil Schulz seinem Vorschlag einer längeren Auszahlung des Arbeitslosengeldes II nichts folgen ließ und wohl auch, weil es der Mehrheit der Deutschen zu gut geht – und die, denen es nicht so gut geht, zu wenig Einfluss haben.

Überhaupt muss, wer heute etwa Steuererhöhungen fordert, erklären, warum die eigentlich nötig sein sollen. Schließlich schwimmt der Staat im Geld. Natürlich gibt es soziale Probleme – die hohen Mieten oder die Not Allerziehender. Doch es macht nicht den Eindruck, als würden sie den Wahlkampf prägen.

Kein richtiger Streit zwischen Parteien zur Türkei und USA

Später haben es Linke, Grüne und Sozialdemokraten mit der Außenpolitik probiert. Plötzlich wollten alle sehr schnell den Abzug der deutschen Soldaten vom türkischen Stützpunkt Incirlik. Auch sprach die SPD vom nötigen Widerstand gegen Trump. Kanzlerin Angela Merkel erwiderte, die Zeiten, in denen man sich ganz und gar auf die USA habe verlassen können, seien vorüber. Sie schloss eine Flanke.

Ein richtiger Streit scheint sich da aber nicht zu entzünden. Alle sind nämlich, was die wachsende Distanz zur Türkei und zu den USA angeht, im Prinzip einer Meinung. Alle verantwortungsbewussten Politik wissen ebenso, dass man mit den Erdogans und Trumps dieser Welt nach der Bundestagswahl weiter wird leben müssen.

Trump Klimaschutz-Kündigung könnte initiales Ereignis sein

Das grüne Hauptthema hatte bis jetzt keine Konjunktur: Umweltschutz und Klimawandel. Immerhin ist der Atomausstieg beschlossene Sache. Und an der globalen Erwärmung zweifelt außer der AfD und versprengten Unionsleuten niemand. Vor allem fehlte ein initiales Ereignis wie Fukushima eines war.

Trumps Kündigung könnte so ein initiales Ereignis sein. Nun droht die Gefahr, dass andere folgen und sich die Situation verschlimmert. Es könnte wieder Raum geben für den katastrophalen Umstand, dass die leergefischten Weltmeere immer wärmer werden, dass Insekten und Vögel massenhaft sterben, dass Hochwasser hier und Dürren dort Fluchtbewegungen aus Entwicklungsländern auslösen, die Industrieländer unter Druck setzen.

Grüne haben bei Umweltschutz „Alleinstellungsmerkmal“

Ob die Grünen auf dem Feld radikal genug sind, bezweifeln manche. Zwar wollen sie bis zur Bundestagswahl 2012 die 20 schmutzigsten Kohlekraftwerke abschalten. Ein Datum, ab wann keine Verbrennungsmotoren mehr zugelassen werden sollen, fehlt im jüngsten Zehn-Punkte-Plan indes. Ambivalent war die Einladung von Daimler-Chef Dieter Zetsche zum Parteitag von Münster.

Einerseits hieß es, man könne doch stolz sein, den Takt der Debatte zu bestimmen; andererseits verläuft zwischen Dialogbereitschaft und Anpassung ein schmaler Grat. Zudem waren es ja Automobilkonzerne, die Bürger und Staaten bei den Abgaswerten bis zuletzt systematisch täuschten.

Gleichwohl haben die Grünen beim Thema Umweltschutz in der deutschen Parteienlandschaft nach wie vor ein – wie Marketing-Fachleute sagen – „Alleinstellungsmerkmal“. Der Ökologie kann das nicht schaden. Und dem Wahlkampf kann es bloß nutzen, wenn statt über die falschen über die richtigen Themen gestritten wird.