Washington - Im Hintergrund hört man Gewehrschüsse. Auf einer Trage wird der bei einem Anschlag in der vorigen Woche schwer verletzte Kongressabgeordnete Steve Scalise vom Platz getragen. „Die verwirrte Linke applaudiert, wenn auf Republikaner geschossen wird“, empört sich der Kommentator: „Wann wird das enden? Sicherlich nicht, wenn Jon Ossoff am Dienstag gewinnt.“

Der geschmacklose TV-Spot einer Trump-nahen Unterstützergruppe markiert die jüngste Eskalation im Kampf um die Nachbesetzung eines Sitzes im US-Repräsentantenhaus. Gerade einmal 700.000 Menschen leben im sechsten Kongressbezirk des Bundesstaates Georgia. Doch der Urnengang  in der wohlhabenden Region nördlich von Atlanta an diesem Dienstag (20.6.) wird in ganz Amerika mit Spannung verfolgt. Von „einer der folgenreichsten Nachwahlen seit Jahrzehnten“, schreibt die New York Times. Und das hat viel mit Jon Ossoff zu tun.

Mit gerade einmal 30 Jahren ist der frühere Mitarbeiter eines Abgeordneten schon jetzt ein Shooting-Star der Demokraten. Immerhin hat es Ossoff geschafft, in dem seit 1979 von den Republikanern gehaltenen Bezirk mächtig aufzuholen. In Umfragen rangiert er inzwischen leicht vor seiner republikanischen Gegenkandidatin Karen Handel. Sollte der Außenseiter tatsächlich gewinnen, wäre das für Präsident Trump und seine Republikaner ein kleines Erdbeben.

Mit dem Zerrbild eines Radikalen, das rechte Gruppen in ihrem Fernseh-Spot zu zeichnen versuchen, hat Ossoff tatsächlich keinerlei Ähnlichkeit. Eher wirkt der Kandidat, der einen Abschluss der London School of Economics besitzt, ein wenig wie ein jugendlicher Schwiegersohn. Bewusst hat er sich nicht am linken Rand des politischen Spektrums, sondern in der Mitte positioniert. Er kämpft gleichermaßen gegen Trumps Gesundheitsreform, wie er die Verschwendung in öffentlichen Haushalten anprangert. Für kleine und mittlere Unternehmen fordert er Steuersenkungen. Mit dieser gemäßigten Botschaft will Ossoff enttäuschte Republikaner und Unentschiedene auf seine Seite ziehen.

Bislang scheint die Rechnung aufzugehen. Der Polit-Neuling hat nicht nur eine große Zahl an jungen Unterstützern auf die Straße gebracht, die in blauen T-Shirts von Tür zu Tür zogen. Er konnte mit rund 24 Millionen Dollar – oftmals von kleinen Spendern - auch eine Rekordsumme an finanziellen Mitteln mobilisieren. Ohne den Präsidenten frontal anzugehen, wirbt er um die Stimmen aller, die von Trump enttäuscht oder über ihn empört sind: „Viele Menschen haben das Vertrauen in die Politik verloren“, sagt er: „Wir haben die Chance, etwas davon wieder herzustellen.“

Ein Sieg von Ossoff wäre nicht nur ein moralischer Triumph des anderen Amerikas. Er hätte unmittelbare Auswirkungen auf Trumps Regierung. Viele republikanische Abgeordnete, die sich im nächsten Jahr der Wiederwahl stellen müssten, dürften aus Angst um ihren Job dann auf Distanz zu Trump gehen. Für ihn würde es noch schwieriger, Gesetze durch den Kongress zu bringen. Wohl auch deshalb galt einer der ersten Gedanken des Präsidenten am Montag der Wahl in Georgia: Auf Twitter warb er eindringlich für Ossoffs Gegenkandidatin.