Washington - Wären die USA ein Land mit einem herkömmlichen Wahlsystem, dann wäre Hillary Clinton demnächst offiziell Präsidentin. Aber die USA sind anders. Es gibt das Electoral College, das der Filmemacher Michael Moore eine „obskure, schwachsinnige Idee aus dem 18. Jahrhundert“ nennt. Dieses Gremium aus sogenannten Wahlmännern und Wahlfrauen wird am Montag Donald Trump zum 45. Präsidenten des Landes machen – es sei denn mehr als drei Dutzend Männer und Frauen weigerten sich, ihre Stimme für Trump abzugeben. Ist der Populist also doch noch zu stoppen?

„Winner takes all“

Anders als etwa in Frankreich wird der Präsident in den USA nicht direkt vom Volk gewählt. Jeder US-Bundesstaat hat seiner Einwohnerzahl entsprechend eine bestimmte Zahl von Stimmen in dem 538-köpfigen Electoral College. Das große Kalifornien etwa hat 55 Stimmen, das kleine Delaware nur drei. Weil in den meisten Bundesstaaten das Mehrheitswahlrecht gilt, heißt das: Gewinnt ein Kandidat die Wahl auch nur mit einer Stimme Vorsprung, bekommt er automatisch alle Wahlmännerstimmen zugesprochen - „Winner takes all“.

Am 8. November ist Trump das Unerwartete gelungen. Er hat Staaten wie Pennsylvania, Wisconsin und Michigan gewonnen, die bis zu diesem Zeitpunkt als Hochburgen der Demokraten galten. So kam, was kaum jemand für möglich gehalten hätte. Trump erreichte mit 306 Wahlmännerstimmen die Mehrheit im Electoral College, Clinton dagegen kam nur auf 232 Stimmen, gewann aber die Mehrheit der landesweit abgegebenen Stimmen. Die Ex-Außenministerin liegt mit 2,8 Millionen Stimmen vor Trump. Der Bauunternehmer aus New York ist also kein Präsident des Volkes, sondern ein Präsident des Wahlsystems. Er liegt deutlich über der Grenze von 270 Stimmen, die er im Electoral College braucht, um Präsident zu werden.

Wahlmänner könnten für Clinton stimmen

Doch geht es nach einer Handvoll Rebellen im Electoral College, dann ist die Amtsübernahme durch den Populisten noch zu verhindern. Denn in etwa der Hälfte der 50 Bundesstaaten sind die Wahlmänner und -frauen nicht gesetzlich verpflichtet, sich an das Wahlergebnis vom 8. November zu halten. Sie könnten theoretisch für Clinton oder einen Drittkandidaten stimmen und Trumps Marsch auf das Weiße Haus erschweren oder gar stoppen. Käme Clinton bei der Abstimmung am Montag auf 270 Stimmen, wäre sie Präsidentin. Käme Trump nicht auf die Zahl 270, hätte aber am Ende mehr Stimmen als Clinton, dann müsste das US-Repräsentantenhaus entscheiden. Dort stellen die Republikaner die Mehrheit, sie dürften in diesem Fall für Trump stimmen und ihn auf diesem Umweg zum Präsidenten machen.

Zur Begründung für ihre Verweigerungshaltung könnten die Rebellen anführen, dass sie Alexander Hamilton folgten, einem der Gründungsväter der USA. Der hat Ende des 18. Jahrhunderts in einem Text geschrieben, dass das Electoral College deswegen eingeführt worden sei, um unqualifizierte Präsidenten zu verhindern oder solche, die unter dem Einfluss „fremder Mächte“ stehen.

Beides könnte auf Trump zutreffen. Seine Qualifikation für das höchste Amt im Staate ist ebenso umstritten wie die Frage, ob nicht die vermeintlichen russischen Hackerangriffe auf die US-Demokraten während des Wahlkampfs als Einfluss fremder Mächte ausgelegt werden können. Hollywood-Schauspieler haben das jetzt in einem Video thematisiert und den Druck auf die republikanischen Wahlmänner und -frauen noch erhöht. Martin Sheen etwa, der den US-Präsidenten in der beliebten TV-Serie „West Wing“ gespielt hat, fleht die Wahlmänner geradezu an, dass sie die Pflicht hätten, die Amtsübergabe an einen Demagogen zu verhindern.

Unwahrscheinliche Revolution

Das wird allerdings mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht geschehen. Mehr als drei Dutzend Wahlmänner und -frauen müssten sich der Tradition verweigern, wonach der Wille der Wähler in den einzelnen Bundesstaaten zählt, nicht aber Hamiltons Grundsätze. Zudem hat eine Umfrage der Nachrichtenagentur AP unter mehr als 300 Wahlmännern ergeben, dass die Revolution wahrscheinlich nicht stattfinden wird. Nur einer der republikanischen Wahlmänner sagte offen, er wolle nicht für Trump stimmen.

Das Ergebnis der Abstimmung vom Montag wird übrigens erst am 6. Januar offiziell veröffentlicht. Das Anti-Trump-Lager kann also immerhin noch über Weihnachten und Neujahr davon träumen, dass nach dem unerwarteten Wahlsieg Trumps das Electoral College etwas Unerhörtes vollbringt.