Washington - Washington, am Tag vor Donald Trump. Die Innenstadt ist blitzblank geputzt, Fahnen schmücken die historischen Gebäude zwischen Weißem Haus und Kapitol. John Cradler poliert sein riesiges Sousafon.

Mit der US-Version einer Tuba wird er am Freitag zu Ehren des neuen Präsidenten aufspielen - als einer von 99 Musikern der US-Marine-Band und einer von 4000 Teilnehmern einer prachtvollen Parade, die der frisch vereidigte Präsident vor dem Weißen Haus von einer mit Panzerglas geschützten Tribüne aus abnehmen wird.

Tristesse, Frust - und wenig Hoffnung

Die Innenstadt der Kapitale, die einst den Beinamen „Hauptstadt der freien Welt“ erhielt, ist herausgeputzt wie vor einer Krönungsmesse. Doch die Bilder, die Fernsehkameras in alle Welt übertragen, geben bloß einen Ausschnitt der Wirklichkeit wieder.

Nur einen Steinwurf vom Kapitol entfernt, im Südosten der in vier Quadranten geteilten Stadt, herrscht keine Jubelstimmung. Im Schwarzenviertel Anacostia herrscht am Ende der ersten Präsidentschaft eines Afroamerikaners und zu Beginn der unberechenbar erscheinenden Ära Trump Tristesse, Frust - und wenig Hoffnung.

Die Häuser auf der Martin-Luther-King-Avenue sind schmucklos, die Läden heruntergekommen. Abgerissene Stromleitungen hängen von den morschen Holzmasten.

1860 Gewaltdelikte

In „Martin's Café“ streitet sich der Inhaber lautstark mit einem der Gäste. Die Zeiten, in denen für die Leute hier Bürgerrechtler wie Martin Luther King Jr. oder Malcolm X Visionen darlegten, sind vorbei.

„Ballot or Bullet“, stellte Malcolm X einst in den Raum - „Wahlurne oder Pistolenkugel“. Letztere scheint sich durchzusetzen. In Anacostia gingen 2016 nicht allzu viele Leute wählen, dafür wurden mehr als 1860 Gewaltdelikte gezählt - fünf Mal so viele wie im Durchschnitt der restlichen Vereinigten Staaten.