Berlin - Man solle ihn Mr. Brexit nennen, hat der nun zum US-Präsidenten gewählte Donald Trump in seinen Kundgebungen gern gerufen. Er meinte damit, dass er wie die Befürworter des britischen EU-Ausstiegs eine Mehrheit gegen das politische Establishment zum Sieg führen werde. Kopfschütteln war oft noch eine milde Reaktion auf diese von vielen als Anmaßung empfundene Ankündigung.

Doch nun ist es genau so gekommen. Wie am Morgen nach dem Brexit reiben sich viele die Augen und staunen – über all die falschen Prognosen, die Hillary Clinton einen knappen, aber doch sicheren Sieg vorhersagten.

Und über die Waghalsigkeit einer Mehrheit der US-Wähler, die lieber einen politisch völlig unerfahrenen, rassistischen, frauenfeindlichen Außenseiter wählten als eine Frau, die seit 50 Jahren in dem Bewusstsein Politik macht, den Amerikanern dienen zu wollen. Wie konnte es dazu kommen, und warum wurde die Welt so davon überrascht?

Trump hat die Nichtwähler mobilisiert

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 80 Prozent der weißen US-Wähler ohne Hochschulabschluss haben für Trump gestimmt, zeigen Analysen. Da diese Gruppe immer noch 40 Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist ihr Einfluss mächtig – wenn sie wählen geht. Und Trump ist es gelungen, viel mehr von ihnen wieder zur Stimmabgabe zu bewegen als die vorherigen republikanischen Präsidentschaftsbewerber.

Clinton erreichte die Minderheiten nicht

Auf der anderen Seite hat Hillary Clinton es nicht geschafft, ihre besonderen Zielgruppen, vor allem Afro-Amerikaner und Latinos, so zu mobilisieren, wie es Barack Obama bei den letzten beiden Wahlen gelungen ist – und wie es für einen Sieg der Demokratin zwingend nötig gewesen wäre. Zugleich gehört ein großer Teil der weißen Trump-Wähler zur einstigen Klientel der Demokratischen Partei – Gewerkschaftsmitglieder etwa, die ihre Jobs als Folge der Globalisierung und Digitalisierung verloren haben oder in Gefahr sehen.

Trump gab sich als Kümmerer

Die Republikanische Partei hat sich nach ihrer letzten Niederlage vor vier Jahren mit der Frage beschäftigt, wie sie aus dem Tief der Wählergunst herauskommen kann. Eine Antwort war: Sich der ethnischen Vielfalt der USA widmen. Diesen Rat hat Trump vollkommen ignoriert, um sich des zweiten umso intensiver zu widmen: Auf die Menschen zugehen; ihnen versprechen, dass er sich um ihre Anliegen kümmert – anders als die etablierten Politiker, die darin seit Jahren versagen. Das hat er auf so unkonventionelle und überzeugende Weise getan, dass er damit diesen für sehr unwahrscheinlich gehaltenen Erfolg erzielt hat.

Die Elite entfernt sich vom Volk

Die Differenz zwischen politischer Prognose und politischer Wirklichkeit, die sich in dem Ergebnis auch zeigt, deutet auf eine schwerwiegende kulturelle Spaltung in den USA hin – aber auch in anderen westlichen Ländern: Viele Politiker, Meinungsforscher, Journalisten gehören zu einer sich selbst quasi als Elite der Gebildeten und Informierten betrachtenden Schicht, die kaum Zugang mehr zu Wählern wie denen von Trump haben. Die Umfrage-Institute werden deshalb offenbar sogar belogen – als Geste der Ablehnung oder aus Angst, sozial Anstößiges zu offenbaren. Dazu gehört gerade in den USA das Ideal, dass ein unerfahrener Außenseiter nicht als naiver Quereinsteiger gilt, sondern als Mann aus dem Volk, das er ja vertreten soll.

Die Öffentlichkeit ist zersplittert

In den USA spielt angesichts der Größe des Landes immer schon der Unterschied zwischen den fortschrittlichen Metropolen an den Küsten und den konservativen Staaten in der Mitte eine große Rolle. Aber immerhin schauten früher alle Bürger die gleichen TV-Sender, informierten sich aus den gleichen Nachrichtensendungen, lasen die gleichen Zeitungen. Bei aller Unterschiedlichkeit kommunizierte die Gesellschaft doch auf einem Kanal. Dies ist im Zuge der Digitalisierung verloren gegangen.

Das Internet bietet zahllose Möglichkeiten der Information und Desinformation, es gibt keine gemeinsame Informations- und Diskussionsbasis mehr. Das zerstört die Möglichkeit einer Gesellschaft, sich selbst zu verständigen. Verbunden mit sozialer Abstiegsangst können so Wut und Hass auf die Eliten ungehindert wachsen, die sich nun in diesem Wahlergebnis Bahn brach. Dass sich mit Trump ein Milliardär zu ihrem Rächer macht, der selbst der New Yorker Elite entstammt, ist von besonderer Ironie. Immerhin ist er seit diesem Dienstag nicht mehr ihr selbst ernannter – sondern ihr gewählter Rächer.