Washington - Sie sind oft mehr als hundert Kilometer gefahren. Draußen haben sie sich mit überteuerten Fan-T-shirts und roten „Make America great again“-Kappen eingedeckt und stundenlang in der Schlange gestanden. In der Halle ist es eiskalt. Ohrenbetäubend dröhnt „Eye of the Tiger“ aus den Boxen. Doch die 8000 bis 10.000 Menschen, die derzeit jeden Abend irgendwo in den USA in eine Sportarena strömen, wirken wie in Ekstase. Wenn ihr Idol endlich im Scheinwerferlicht auftaucht und über das von derben männlichen Hardcore-Fans umlagerte Podium tigert, ist der Jubel kaum zu bremsen.

Donald Trump mag an der amerikanischen Ost- und der Westküste verhasst sein: Bei seiner Basis ist der 72-Jährige nach zwei Jahren im Amt weiter populär. So hat der Präsident die Kongresswahlen am kommenden Dienstag zu einer Vertrauensfrage hochgejazzt und das Tuch des Staatsmanns endgültig mit dem Kampfanzug vertauscht. Bis zum Wahlabend wird er bei elf Kundgebungen in acht Bundesstaaten auftreten. Alleine am Montag will Trump nacheinander den Wählern in Ohio, Indiana und Missouri einheizen.

Publikum skandiert

Der Ablauf der gut einstündigen Auftritte ist immer gleich. Erst lobt Trump seine Erfolge, dann geißelt er die Medien, die angeblich darüber nicht berichten. Anschließend bittet er die lokalen Kandidaten auf die Bühne, die ihn in höchsten Tönen preisen dürfen. Dann schießt er seine zentralen Botschaften ab, und das Publikum skandiert wie auf Knopfdruck: „CNN sucks“ („CNN ist zum Kotzen“), „Build the wall!“ („Baut die Mauer“) oder den Evergreen „Lock her up!“ („Sperr sie ein!“).

Es wäre eine Übertreibung, Trumps Rede intellektuell dürftig zu nennen. Es gibt keine Fakten und oft nicht einmal komplette Sätze. Assoziativ reiht der Präsident Übertreibungen, Verzerrungen und Lügen aneinander. Seine Anhänger sind „die größte Bewegung in der Geschichte des Landes“, die Medien „die Feinde des Volkes“ und die Demokraten „die Partei des Verbrechens“. Doch niemand vermisst hier Argumente. Trumps Kundgebungen sind eine Mischung aus politischem Heavy-Metal-Konzert, skandalumwitterter Reality-TV-Show und obskurem Sektentreffen. In der Halle feiert sich das vermeintlich wahre, weiße Amerika - und lässt die Sau raus.

Trump wird offen rassistisch

In den Tagen vor den Kongresswahlen wird der radikale Ton offen rassistisch. Auf der Suche nach einem Thema, das seine Anhänger regelrecht elektrisiert, hat sich Trump zum hemmungslosen Kulturkampf um die Einwanderungspolitik entschieden. Den äußeren Anlass liefert ein Flüchtlingsmarsch aus Mittelamerika, wie es ihn jedes Jahr gibt. Zwar sind die Migranten noch zwei Wochen von der US-Grenze entfernt, und ihre Zahl ist auf etwa 4000 gesunken.

Doch Trump deutet die Karawane zur feindlichen Invasion um. Bei ihm fliehen die Menschen nicht vor Kriminalität und Armut, sondern wollen Rauschgift und Gewalt ins Land bringen. Und dahinter stecken die Demokraten: „Sie wollen Florida in Venezuela verwandeln und die Grenzen für Drogendealer und Bandenkriminelle öffnen“, wettert Trump.

Je grotesker der Wahlkämpfer die vermeintliche Gefahr überzeichnet, desto eindrucksvoller kann der Präsident Entschlossenheit demonstrieren: Erst schickte Trump 5200 Soldaten an die Grenze. Bald sollen es 10.000 bis 15.000 werden. Nun greift er frontal das in der Verfassung garantierte Staatsbürgerschaftsrecht an, demzufolge in den USA geborene Kinder automatisch Amerikaner sind. Diese „verrückte Politik“ werde er per Verordnung ändern, kündigt Trump an. Dass dies nach dem Urteil fachkundiger Juristen gar nicht geht, stört weder ihn noch seine Anhänger.

Nach Lösungen wird nicht gefragt

Nicht Lösungen sind gefragt, sondern Stimmungen und einfachste Botschaften. „No crime, no chaos, no caravan“ („Keine Kriminalität, kein Chaos und keine Karawane”), hämmert Trump seinen Zuhörern ein. Die Welt ist böse und gefährlich. Aber er steht auf ihrer Seite. „Wir werden niemals, niemals aufgeben. Wir werden immer kämpfen – bis wir siegen“, ruft der Hassprediger seiner verschworenen Gemeinschaft in Fort Myers zu. Man könnte glatt vergessen, dass er Präsident von Amerika ist.