Dorfportrait: Niemandsland

Koblentz - Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wenn Michi nicht so schüchtern gewesen wäre, damals, als zum ersten Mal ein richtiger Politiker ins vorpommersche Koblentz kam. Landwirtschaftsminister Till Backhaus war das, der sich die abstrakten Bilder der Frau Schellin zeigen ließ, einer aus Osnabrück zugezogenen Künstlerin. Michis Mutter war auch dabei, Ingelore Grygula, die Bürgermeisterin. Einer habe sie gefragt, was sie auf dem Bild sehe, erzählt sie. „Einen Sturzkampfbomber“, antwortete Ingelore Grygula. „Na da war was los.“

Aber Michi traute sich nicht, er stand mit seinen Kumpeln zehn Meter entfernt von Frau Schellins Haus an der Dorfstraße. Sie waren neugierig, wollten ein bisschen reden mit dem Besuch, kriegten es aber nicht hin. Und Backhaus, ein jovialer Mann, der eigentlich gerne mit Leuten spricht, hat die verlegen rumstehende Dorfjugend übersehen.

Alles staut sich

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn der Minister und Michi sich damals unterhalten hätten. Wenn der Minister ein wenig Interesse gezeigt hätte, wenn die Dorfjugend ihren Frust losgeworden wäre.

Vielleicht hätte Michi am 4. September bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern dann nicht die NPD gewählt, so wie 31 andere in dem Ort auch. 32 NPD-Stimmen von 97 gültigen Voten bei 238 Einwohnern. Macht 33 Prozent, macht bundesweit Schlagzeilen wie „NPD-Hochburg“. Macht Ärger.

Dabei ist Koblentz eigentlich gar keine Neonazi-Hochburg. Es ist viel trauriger. Koblentz ist politisches Niemandsland. Vakuum. Es gibt keinen Laden, keine Post, kein Rathaus, keine Kirche, keinen Kindergarten, keine Schule, kein Jugendhaus, keinen Sportverein. Nur den Feuerwehrschuppen, das Kriegerdenkmal, den Briefkasten, alte Häuser, halbfertige Häuser, ein paar renovierte. Große Gärten, mächtige Kastanien, Obstbäume. Es gibt Enten, Hühner und ein Storchennest.

Ingelore Grygula, 58 Jahre alt, Gärtnerin, parteilos, ist seit 19 Jahren Bürgermeisterin. Wie sie Bürgermeisterin wurde? „Na eben so. Es hieß: Mach mal!“ Graue Haare, Cargohose, freundlicher, lauter, energischer Typ. Sie steht neben der kleinen Brücke im Ortsteil Breitenstein. Sie regt sich auf, schimpft ohne Punkt und Komma. Für teuer Geld gebaut. „Und nun fahren die Trecker von der Agrargenossenschaft alles breit.“ Und den Weg zur Brücke fahren sie auch kaputt, die riesigen Traktoren mit den Hängern voller Maishäcksel, jeder Dutzende Tonnen schwer.

Und die zugeschütteten Gräben, niemand kümmert sich. Alles staut sich, die Randow, die Uecker, nichts fließt richtig. Und nun schwimmt auch noch ein Biber herum. Den haben bestimmt die Grünen ausgesetzt. „Wenn ich den sehe, den fahr’ ich platt.“

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