Als die britische Premierministerin vergangene Woche vor die Presse trat, um zu verkünden, dass die Queen ihr gerade die Erlaubnis erteilt hätte, eine Regierung zu formen, tat sie das vor der Kulisse, die  für die Regierung Großbritanniens steht wie das Oval Office für die USA: der Downing Street No. 10.

Mays kobaltblaues Kostüm hob sich leuchtend vom blank polierten Schwarz im Hintergrund ab, dazu der himbeerfarbene Lippenstift, die stahlgraue Frisur – ein Ensemble wie aus einer Modestrecke. Die Tür zur Nummer 10 passt  perfekt zum britischen Understatement: Von außen wirkt sie elegant, gleichzeitig harmlos in ihrer Puppenstubenanmutung.

Downing Street No. 10, 11 und 12

Dabei  liegen dahinter rund einhundert Räume –  längst bilden die Hausnummern 10, 11 und 12 und ein weiteres Gebäude nach hinten raus einen riesigen Komplex. Seit die Nummer 10 Ende des 17. Jahrhunderts eilig auf moorigem Grund erbaut wurde, gingen zahllose Staatenlenker durch diese Tür, dahinter wurde ein Weltreich errichtet und wieder abgewickelt, der Erste und der Zweite Weltkrieg geführt, der britische Sozialstaat aufgebaut. 

Theresa May  wird von hier aus nun den Brexit organisieren. Und hinter der Tür zur Downing Street No. 10 wird ein weiteres Mal Weltgeschichte geschrieben.

Zuhause der Premiers
Erst seit 1902 wird erwartet, dass die Premierminister nicht nur in der Downing Street No. 10 arbeiten, sondern dort auch mit ihren Familien leben. Das endete erst mit Tony Blair, der für seine sechs Kinder mehr Platz brauchte und in eine größere Wohnung in der Hausnummer 11 umzog. Das hat sich mittlerweile durchgesetzt.

Gut bewacht
Früher sorgten zwei Polizisten am Eingang der Downing Street No. 10 für Sicherheit: Einer stand vor der Tür, einer saß dahinter auf einem großen, schwarzen Stuhl, der unter seinem Sitz eine Schublade hatte, die dem Nachtwächter, befüllt mit heißen Kohlen, den Allerwertesten wärmte. Besucher konnten einfach mal so vorbeischauen. Das änderte sich unter Margaret Thatcher, die mit den Drohungen der IRA leben musste. Heute ist die Nummer 10 eines der bestbewachten Gebäude Großbritanniens. Eine Kamera ist rund um die Uhr auf den Eingang gerichtet. Besucher müssen sich in einer Sicherheitsschleuse durchleuchten lassen und vorbei
an bewaffneten Sicherheitsmännern. Laut der britischen Tageszeitung The Daily Telegraph wird in der Downing Street No. 10 trotzdem viel geklaut: Allein in Tony Blairs Amtszeit verschwanden 37 Computer, vier Mobiltelefone, zwei Kameras, ein Mini-Disc-Spieler, ein Videorekorder, vier Drucker, zwei Projektoren und ein Fahrrad.

Schiefe Null
Die Hausnummer  der Downing Street No. 10  ist ein typografisches Rätsel. Irgendwas stimmt da nicht im Verhältnis zwischen 1 und 0. Die Briten spotten liebevoll über die „Wonky Zero“, die schiefe Null. Die offizielle Erklärung: George Downing musste so lange auf eine Baugenehmigung warten, dass er die Häuser an der nach ihm benannten Straße schließlich recht hastig  erbauen ließ. Die Null soll dann zur Seite gerutscht sein, als sie an der Tür angebracht wurde. Ganz schlüssig ist diese Erklärung nicht, war doch die Nummer zehn  bis 1779 eine Nummer 5. Und im kalligraphischen römischen Alphabet des 1. Jahrhunderts n. Chr. ist die Null tatsächlich  ein zur Seite geneigtes „O“, was bedeuten würde, das alles so seine Richtigkeit hat.

Toter Briefkasten
Es wäre natürlich herrlich altmodisch, würde Theresa May jeden Morgen eine Zeitung durch den Briefschlitz geschoben bekommen, auch wenn der nicht  den Namen seiner aktuellen Bewohnerin trägt, sondern die Aufschrift: „First Lord of the Treasury“, die alte Bezeichnung für das Amt des Premierministers.  Das hatte 1732 Sir Robert Walpole inne. König Georg II.  wollte ihm das Haus damals schenken, nachdem der letzte dort lebende Privatmann, ein gewisser Mr. Chicken – viel mehr als sein lustiger Name ist leider nicht über ihn bekannt –, ausgezogen war. Walpole schlug das Geschenk aus und überredete den König, das Haus allen zukünftigen Premierministern zu widmen. Der alte Titel ist bis heute in das Messing eingraviert, der Briefschlitz selbst ist aber eine Attrappe. Genau wie die Klingel. Nur der Türklopfer ist echt.