Der gebürtige Frankfurter Martin Schoeller ist einer der erfolgreichsten Fotografen im Glamour-Geschäft. Von Barack Obama bis Lady Gaga hat er die A-Listen-Prominenz der USA fotografiert. In der vergangenen Woche sorgte das Titelblatt von Time Magazine, das er fotografiert hatte, weltweit für Diskussion. Es zeigte einen drei Jahre alten Jungen, der von seiner Mutter gestillt wird.

Sind Sie erstaunt, dass das Titelfoto für so viel Furore sorgt?

Ja, das hätte ich nie erwartet. Man hat mir bei Time gesagt, es sei der am meist diskutierte Titel in der Geschichte des Magazins. Ich weiß zwar nicht, wie man das messen will, weil es vor 50 Jahren kein Internet gab. Aber es ist ein Riesenerfolg, auch für die Printmedien insgesamt. Es ist doch schön, dass wir noch Debatten anstoßen können.

War es Ihre Absicht, mit dem Foto zu provozieren?

Nein, ich bin in diese Geschichte mehr oder weniger hineingestolpert. Ich war gerade zufällig bei Time, als darüber geredet wurde. Ich wurde gefragt, ob ich das machen möchte. Zuerst dachte ich, das wird schwierig, weil man sicher keine nackte Brust zeigen darf. Als ich dann erfuhr, dass das ausdrücklich gewünscht wird, fand ich die Aufgabe sehr interessant.

Das Foto wirkt in jeder Hinsicht verstörend. Ein stehender, voll bekleideter, drei Jahre alter Junge, der an der Brust einer sehr hübschen Mutter saugt. Warum haben Sie dieses Arrangement gewählt?

Ich dachte, die beste Art zu zeigen, wie groß der Junge ist, wäre es, ihn stehen zu lassen. Also habe ich einen Stuhl von meinem Sohn mitgebracht, der auch drei Jahre alt ist, und habe ihn draufgestellt.

Der Junge trägt Armeehosen, das macht den Kontrast zum Brustsaugen noch krasser.

Das war nicht meine Idee, die hatte er schon an. Sein Vater ist Polizist, deshalb trägt er wohl so etwas. Als ich die Hosen gesehen habe, habe ich allerdings gedacht: Das ist perfekt. Ich wollte ihn so alt wie möglich aussehen lassen.

Haben Sie die Mutter ausgesucht oder war sie vorgegeben?

Die Geschichte im Heft dreht sich um den Pädagogen Dr. Sears, der die Philosophie vertritt, Eltern sollten ihrem Instinkt folgen und die Kinder so lange wie möglich körperlich eng an sich binden. „Attachment Parenting“ heißt das in den USA. Die Redakteure hatten mir vier Anhängerinnen dieser Philosophie ausgesucht und ich habe sie alle fotografiert. Das, was schließlich gedruckt wurde, war allerdings mein Lieblingsbild.

Warum gefiel Ihnen diese Frau am besten?

Sie war kleiner als die anderen und sehr zierlich, insofern konnte man im Bild drastisch darstellen, wie groß das Kind schon ist. Natürlich hat es auch eine Rolle gespielt, dass sie sehr attraktiv ist.

Sie haben für dieses Foto klassische Mutter-Kind-Bilder studiert, bis hin zu Madonnen-Bildern aus der Renaissance. Wie hat Sie das beeinflusst?

Ich wusste danach, was ich nicht will. Man sieht in diesen Bildern oft das Kind nicht, es ist in Tücher gehüllt. Da geht es immer darum, die innige Verbindung darzustellen. Ich wollte in die andere Richtung gehen. Mir gefällt mein Foto, weil beide passiv und teilnahmslos sind, zugleich aber stolz und trotzig wirken. Das Bild sollte aussagen, hier sind wir, das machen wir und wir lassen uns das von niemandem verbieten.

Wie haben die Mutter und das Kind denn auf Sie gewirkt?

Die Frau war sehr intelligent, sympathisch, vernünftig und konnte sich gut ausdrücken. Sie war keine esoterische Spinnerin, sondern steht einfach voll hinter dieser Philosophie des „Attachment Parenting“. Für den Jungen war die Situation total normal, er war es gewohnt, so gefüttert zu werden. Er hat keinerlei Scham empfunden. Eigentlich wollte er gar nicht mehr aufhören. Zum Glück. Ich hatte schon befürchtet, dass er nach zwei Minuten fertig ist. So hatten wir beinahe eine Stunde zum Arbeiten.

Fiel Ihnen am Verhalten des Jungen etwas Besonderes auf?

Gar nicht. Ich hatte sogar meinen Jungen bei dem Shooting dabei und die beiden haben zusammen gespielt.

Wie reagierte Ihr Sohn darauf, dass der andere Junge gestillt wird?

Er hat gesagt: „Guck mal Papa, der Junge isst seine Mami auf.“ Ich habe ihm das dann erklärt und da hat er sich dunkel erinnert, dass er das auch mal gemacht hat.

Wie lange hat Ihre Frau gestillt?

Knapp acht Monate lang.

Hatten Sie vorher schon von „Attachment Parenting“ gehört?

Nein, noch nie.

Und was halten Sie davon?

Ich denke, das müssen die Eltern für sich entscheiden. Ich glaube allerdings, der Unterton bei Sears ist ein wenig der, dass die Frauen heute keine guten Mütter mehr sind, weil sie sich nicht richtig um die Kinder kümmern. Ich denke, man muss sein Leben leben, wie es nun einmal ist. Wenn eine Mutter Geld verdienen muss, dann kann man ihr keinen Vorwurf machen, dass sie nicht von morgens bis abends mit ihrem Kind zusammen ist. Ich denke, es schadet den Kindern bestimmt nicht, mit drei Jahren gestillt zu werden, aber ich glaube auch nicht, dass es unbedingt sein muss. Insofern kann ich nicht ganz verstehen, dass sich da so viele Leute darüber aufregen.

Woher kam denn Ihrer Meinung nach diese Aufregung?

Die Amerikaner haben anscheinend noch immer ein Problem damit, eine nackte Brust zu zeigen. Darum dreht sich ein großer Teil dieser Aufregung. Auf dem Titelblatt von Time gab es bis zu diesem Datum noch nie eine Frauenbrust.

Ist die Kritik denn nicht auch berechtigt? Hat Time das Thema nicht sexualisiert, um das Heft zu verkaufen?

Sicherlich wurde dieses Bild auch ausgesucht, weil es eine sehr attraktive Frau zeigt. Natürlich will man auch als Fotograf, dass ein Titelbild so provokativ wie möglich ist. Das macht ja oft gute Fotos aus, dass sie aufrütteln oder schockieren.


Das Gespräch führte Sebastian Moll.