WASHINGTON - Keine zwei Millionen Einwohner, aber schon 628 Heroin-Tote in diesem Jahr – und wenig Aussicht auf Verbesserung. Wenn US-Präsident Barack Obama am Mittwoch Washington verlässt, um sich über den Kampf gegen ein Rauschgift zu informieren, dann macht er eine Dienstreise ins Zentrum einer Plage. Die USA haben inzwischen wieder ein gewaltiges Heroin-Problem. Immer mehr Menschen, vor allem an der Ostküste des Landes, sind von der Droge abhängig. Doch nirgends ist es so schlimm wie in West Virginia. Dort sterben – statistisch gesehen – die meisten Menschen an Heroin.

Schon seit einigen Jahren schlagen die Gesundheitsbehörden in den USA Alarm: Der Heroinkonsum breitet sich aus. War die Droge bis in die 1980er-Jahre vor allem ein Problem der Armen und Unterprivilegierten in den damals heruntergekommenen Innenstädten, so ist das Heroin nun in die von der weißen Mittelschicht dominierten Vorstädte eingedrungen und hat sich auch auf dem Land ausgebreitet. Die Zahlen sind dramatisch. Zwischen 2007 und 2013, so belegen Zahlen der Gesundheitsbehörde CDC, verdreifachte sich die Zahl der Heroinabhängigen in den USA auf knapp 520.000 Menschen. Mehr als 8200 Menschen starben 2013 an der Droge. Das kommt einer Vervierfachung innerhalb eines Jahrzehnts gleich.

Ersatz für Schmerzmittel

Experten glauben, eine Kombination aus zwei Phänomenen sei für das Vordringen des Heroins verantwortlich. Weil Marihuana, das nach wie vor die meist genutzte Droge ist, mittlerweile in den USA selbst zur Genüge angebaut wird, setzen die mexikanischen Drogenkartelle nun verstärkt auf Heroin. So jedenfalls deutet die Anti-Drogen-Behörde DEA die Tatsache, dass ihre Fahnder immer mehr Heroin an der Grenze zu Mexiko finden.

Die andere Ursache ist hausgemacht. Die Mehrzahl der Heroinnutzer war zuvor von Schmerzmitteln abhängig. Diese waren bis vor ein paar Jahren in den USA viel leichter zu bekommen als etwa in Deutschland. Ärzte waren bei der Verschreibung der Medikamente vergleichsweise sorglos. Seit aber die Verschreibungsregeln verschärft wurden, sind viele Süchtige auf Heroin umgestiegen. Denn das Rauschgift ist deutlich billiger als Schmerzmittel, die auf dem Schwarzmarkt angeboten werden. Eine Pille kostet bis zu 50 US-Dollar. Ein Schuss Heroin ist für gerade einmal zehn Dollar oder sogar schon weniger zu haben. Zudem ist das Heroin heute viel reiner als vor Jahrzehnten und damit auch gefährlicher.

Zahlreiche Überdosen

Die Folgen: In einem Landkreis in Pennsylvania wurden im Sommer innerhalb von zwei Tagen 25 Heroinabhängige mit Verdacht auf Überdosis ins Krankenhaus eingeliefert. Drei Menschen starben. „Das ist absolut verrückt, krank ist das“, sagte ein Staatsanwalt, der früher als Rettungssanitäter arbeitete. Polizisten sehen sich nicht mehr in der Lage, der Epidemie Herr zu werden. „Ich bin seit 27 Jahren Polizist und seit 15 Jahren Drogenfahnder“, sagte etwa Rick Gluth aus einem Städtchen südlich von Pittsburgh jetzt der Washington Post: „Aber so schlimm wie heute war es noch nie.“ Die Crack-Epidemie, die in den 80er-Jahren in Amerikas Innenstädten wütete, sei im Vergleich zum Heroin geradezu einfach zu bekämpfen gewesen.

Heute sind viele Jugendliche und junge Erwachsene direkt von der Medikamentenabhängigkeit in die Heroinsucht gerutscht. Pünktlich zum Obama-Besuch in West Virginia, bei dem der Präsident mit Polizisten, Gesundheitsexperten und persönlich Betroffenen über das Comeback des Heroins diskutieren will, erzählte die Lokalzeitung Charleston Gazette-Mail noch einmal die tragische Geschichte von Ryan Brown. Der junge Mann wurde nach einem Unfall von Schmerzmitteln abhängig, griff dann zum billigeren Heroin und wurde viermal wegen einer Überdosis ins Krankenhaus gebracht. Er überlebte jedes Mal nur knapp, wurde aber nach jeder Notbehandlung wieder nach Hause geschickt. Ryan Browns Mutter sagte der Zeitung, ihr Sohn habe darauf gewartet, in ein Entzugsprogramm aufgenommen zu werden. Doch dazu kam es nicht. Die fünfte Überdosis überlebte Ryan nicht.

Süchtige schneller behandeln

Obama wird sich am Mittwoch in West Virginia viele solcher Geschichte anhören müssen. Seine Reaktion auf die Heroin-Epidemie ist bislang nur in Umrissen zu erkennen. Zunächst soll die Zusammenarbeit zwischen Strafverfolgungs- und Gesundheitsbehörden verbessert werden. Es sollen weniger Drogenabhängige ins Gefängnis gesteckt werden, dafür mehr Süchtige schneller medizinisch behandelt werden. 2,5 Millionen US-Dollar hat Obamas Regierung für Pilotprojekte in 15 Bundesstaaten entlang der Ostküste zu Verfügung gestellt. Das aber ist eine Summe, die nach Ansicht von Kritikern nicht annähernd ausreichen wird, um Amerikas neues Heroin-Problem zu lösen.