Sabine Rennefanz.
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinSeit Tagen wird über die Vergiftung von Alexej Nawalny geredet. Besonders die Linke fiel mit eigenen Theorien über den versuchten Giftmord auf. Vielleicht sei der russische Oppositionelle ja in der Charité vergiftet worden, mutmaßten mehrere Abgeordnete der Partei, vielleicht stecken westliche Geheimdienste dahinter. So ähnlich äußerte sich auch der außenpolitische Sprecher, Gregor Gysi. Er verdächtigte Gegner des Gaspipeline Nord Stream 2 der Tat. Wenn man über die Nähe der Linken und generell vieler Ostdeutscher zu Putins Russland liest, wird das in den westdeutschen Zeitungen meist mit der DDR-Vergangenheit begründet. Die DDR und die Sowjetunion waren ja offiziell Bruderstaaten. Und Familie hält zusammen. So klingt das dann. Aber stimmt das wirklich? Oder gehen die West-Journalisten damit der Propaganda von damals auf den Leim?

Ich erinnere mich daran, dass man zu DDR-Zeiten keine besondere Nähe zu den Russen empfunden hat, es war eher ein von oben verordnetes, oft seltsam lebloses Verhältnis. Ich erinnere mich, wie ich mit zwölf oder dreizehn in der Schule mit gleichaltrigen sowjetischen Kindern an einem Tisch saß und wir sollten reden. Aber niemand sagte was. Das war Unsicherheit, vielleicht fehlende praktische Sprachkenntnisse. Auch nach sieben Jahren intensivem Russisch-Unterricht und Ablegen der Sprachkundigen-Prüfung 2a wurde ich 1995 in St. Petersburg ausgelacht, als ich in einem Laden nach Brot fragte. Weil meine Aussprache so komisch klang. Ich erinnere mich, dass die Russen, die in der Nähe unseres Dorfes stationiert waren, immer als Erste verdächtigt wurden, wenn etwas aus den Häusern im Dorf wegkam.

Wie eng war denn das Verhältnis zwischen Ostdeutschen und Russen wirklich? Ich rufe Claudia Weber an. Sie stammt aus Guben, hat in der Wendezeit in Moskau studiert und ist heute Geschichtsprofessorin an der Viadrina in Frankfurt/Oder. Sie sagt, die Freundschaft mag verordnet gewesen sein, aber sie hat trotzdem was bewirkt: „Das Leben mit den Besatzern hat Spuren hinterlassen.“ Das stimmt auch wieder: Wir hatten Brieffreundschaften, lernten Lieder auf Russisch, meine Eltern gingen ins Russenmagasin zum Einkaufen, die Nachbarn ärgerten sich über die Russen, aber sie tranken auch abends mit ihnen in der Kneipe. Das sind Erinnerungen, die prägen bis heute. Zum Beispiel, was man liest, wohin man in den Urlaub fährt.

Das erklärt aber noch nicht, warum man heute mit einem Regime sympathisieren soll, das Journalisten und Oppositionelle ermordet und vergiftet. 

Für viele symbolisiert Russland auch eine Projektion der eigenen Entwertungserfahrungen, die erst nach 1989 entstanden sind. Wir, die Underdogs. Claudia Weber sagt: „Sowohl Russland als auch Ostdeutschland sind als Verlierer des Kalten Krieges betrachtet worden, das bindet beide einander“, erläutert sie. Russland sollte Anfang der Neunziger wie der Westen werden, doch die ersten Erfahrungen, die die Menschen mit dem Kapitalismus und Demokratie machten, waren gesellschaftlicher Zusammenbruch, Chaos, existenzielle Nöte. In Russland sei Demokratie heute bei vielen nahezu ein Schimpfwort, sagt die Historikerin Weber. Auch in Ostdeutschland haben viele ein eher nüchternes Verhältnis dazu. Sie hat aber auch festgestellt, dass nicht nur die Ostdeutschen vom Kalten Krieg geprägt sind. „Auch die Westdeutschen haben Stereotype über das angeblich so unzivilisierte Osteuropa“, sagt sie.

Im Kalten Krieg hatten die westlichen Mächte übrigens kein Problem damit, Erdöl aus der Sowjetunion zu beziehen, sogar nach 1968, nachdem die Sowjetunion den Prager Frühling niedergeschlagen hat. Aber das waren auch andere Zeiten. Drushba!