Berlin - Wenn die olympische Ruderin Nadja Drygalla jemals selbst rechtsextreme Überzeugungen gehegt haben sollte, hat sie das gut versteckt. Von ihr ist keine fremdenfeindliche Äußerung überliefert, keine Nazi-Parole, kein Auftritt mit T-Shirt oder Gestik der Neonazi-Szene. Das liegt nicht daran, dass man nicht genau hingeschaut hat: In den vergangenen Tagen haben Journalisten in der Causa Drygalla jeden Stein umgedreht.

Trotzdem wurde die Ruderin aus dem deutschen Olympia-Team in London verbannt; trotzdem sind viele wohlmeinende Mitbürger der Überzeugung, das sei richtig so gewesen. Denn Drygalla hat eine Beziehung zu einem Mann, der jahrelang der Neonazi-Szene angehört hat. Die Sportlerin, so lautet das Argument, hätte diese Beziehung beenden müssen, um sich sichtbar vom rechtsextremen Gedankengut ihres Freundes zu distanzieren.

Ein anderer Maßstab als bei der Polizei

Und dann? In welcher Form sollte Drygalla nachweisen müssen, dass sie sich von Michael Fischer getrennt hat, um wieder bei Sportwettkämpfen antreten zu dürfen? Wer wollte das überprüfen? Welche Beweise müsste Fischer vorlegen, damit wir ihm den Ausstieg aus der rechtsextremen Szene glauben? Wann wären wir endlich zufrieden? Vielleicht sollten wir bei den nächsten Olympischen Spielen vorsorglich alle Athleten ausschließen, die Neonazis, Altkommunisten, Mörder, Taschendiebe oder Schwarzfahrer in ihrem Bekanntenkreis haben.

Bei der Aufnahme in den Polizeidienst mag Gesinnungsschnüffelei gerechtfertigt sein. Als Polizistin in Mecklenburg-Vorpommern hätte Drygalla in Interessenskonflikte geraten können, wenn es um Einsätze oder Ermittlungen gegen die rechtsextreme Szene gegangen wäre. Das Innenministerium in Schwerin hat sie daher aus gutem Grund abgelehnt.

Bei Olympia dagegen gibt es keinen Grund dafür. Dort sollte nichts zählen außer der Leistung und der Geisteshaltung des Sportlers selbst.