Lieber Herr Joachim,

Wie Sie denke ich auch schon länger darüber nach, wieso es dieses Jahr so öde ist. Jetzt hat mir Martin Kesici nach seiner Dschungelprüfung den entscheidenden Satz geschenkt: „Sieben Sterne“, hat er zufrieden gesagt, „das ist es doch!“. Und ich habe innerlich zurück gerufen: „Nein, Martin! Das ist es eben nicht!!“.

Dschungelcamp – das ist entweder der Griff nach elf Sternen, was heißen würde: Volles Risiko, voller Einsatz. Oder die totale Verweigerung: gar keine Sterne wie Sarah „Das war die schwerste Dschungelprüfung überhaupt“ Knappik. Diese hier gehen aber gar kein Risiko ein. Sieben Sterne heißt ja auch: Das Abendessen wird kein erzählenswertes Ereignis, aber wir werden uns auch nicht vor Hunger anfallen.

Bisher erzählte Dschungelcamp seine Geschichten nach dem klassischen Muster der Filmdramaturgie: Die B-Promis ziehen in den Dschungel mit einem „falschen“ materiellen Ziel (Geld verdienen), dort werden sie vor unerwartete Herausforderungen gestellt (Regen, Hunger, Nikotinentzug). Sie durchleben eine heftige Krise, entscheiden sich erst falsch (= Ichbezogen), dann aber doch richtig (solidarisch). Im Film hat der Held am Ende seines Abenteuers seine ursprünglichen materiellen Ziele aufgegeben und durch hehre Bedürfnisse ersetzt. Er ist ein anderer, besserer Mensch geworden. Das ist es doch, was wir in diesen vierzehn Tagen sehen wollen. Nicht, dass Martin schon ein bisschen schlanker geworden ist.

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Aber die Truppe hier will ja nur abnehmen. Die RTL-Autoren können auch deshalb keine dramatische Geschichte „zusammenschnipseln“, weil sich in diesem Camp niemand auf seine Heldenreise begibt. Alle verhalten sich vielmehr wie statische Serienfiguren, die eben am Ende des Films nicht andere geworden sein können. Schließlich braucht man sie am Anfang des nächsten Films wieder genauso wie vorher.

Sie fragen nach Belegen für meine Theorie? Heute zum Beispiel wollte schon wieder einer erst raus aus dem Camp, ging dann aber doch nicht. So wird Vincent Raven also morgen wieder genau dort sitzen, wo er sich heute nach seinem Ausraster zum Schlussbild schnell wieder hingesetzt hat. Das ist das Gesetz der Serie! Erinnern Sie sich noch an den ersten Abend? Da haben alle einen Aufstand geprobt, weil niemand die Nachtwache übernehmen wollte. Und dann? Haben sie am Ende der Show doch brav Nachtwache geschoben.

Hier agieren keine Helden, die eine Herausforderung suchen. Diese hier wollen möglichst lange ihre Gage kassieren, deshalb achten sie peinlichst darauf, dass kein Konflikt derart eskaliert, dass man daraus womöglich eine unwiderrufliche Entscheidung ableiten müsste. Sicher, Ramona nervt etwas mit ihrem Putzfimmel, Micaela mit ihrer Nudistennummer. Aber bisher hat das noch keinen Konflikt heraufbeschworen, der zur moralischen oder nervlichen Prüfung für die Gruppe hätte werden können.

Auch Rocco und Kim verhalten sich als Liebespaar wie in einer Daily Soap: gleichbleibend pubertär. Deswegen ist heute auch mal wieder überhauptreingarnichts passiert. Ihr Drei-Wort-Satz-Freund Ailton hat nicht einmal einen zitierfähigen Satz gesagt. Das ist wirklich „unfuckingfassbar“ öde, um mal ersatzweise den Wortschatz von „The Voice of Germany“ zu bemühen. Ab morgen dürfen wir endlich rausvoten. Aber wen bloß? Haben Sie schon eine Idee?

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