Berlin - Wenn in der Vergangenheit darüber geschimpft wurde, wie familien- und kinderfeindlich Deutschland ist, dann habe ich meist widersprochen. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich mein Blick geändert. Ich würde jetzt nicht mehr widersprechen. Wie Kinder und ihre Bedürfnisse übergangen werden, das hat in der vergangenen Woche die Kanzlerrunde mit den Ministerpräsidenten gezeigt. 

Als Angela Merkel am Donnerstag in die Bundespressekonferenz kam, betonte sie, dass die Öffnung von Schulen „oberste Priorität“ hat. Schulen auf, Schulen zu, zwischen diesen Polen bewegt sich die Diskussion. Müsste es nicht darum gehen, wie man Schulbesuche sicher macht?

Aus der Sitzung war zuvor kolportiert worden, dass Merkel über die Frage, was die Pandemie mit den Kindern macht, mit erstaunlicher Kühle hinweggegangen ist. Die Kinder müssten da irgendwie durch, soll sie gesagt haben. Es passt zu weit verbreiteten Haltung, dass Kinder Privatsache seien. Du wolltest die Gören, jetzt sieh zu, wie du damit fertig wirst.

Wie das aussieht, wenn Kinder in Deutschland „oberste Priorität“ haben, beschreibt Bernd Siggelkow, der Leiter des Berliner Jugendhilfswerk Arche, in der Süddeutschen Zeitung. Seine Mitarbeiter betreuen rund 4500 Kinder aus bildungsfernen Familien. Viele seien vom Homeschooling überfordert, es fehle an allem, an Laptops, obwohl die im August versprochen worden seien, an Lehrern, an Unterstützung. In ein, zwei Jahren werde man Drittklässler erleben, die weder lesen noch schreiben können, fürchtet er.

Ich schickte meiner Freundin in Hamburg, einer Familienhelferin, das Interview. „Genauso ist es“, schrieb sie zurück. Sie berichtet, wie in den Familien Gewalt- und Suchtprobleme auftreten, die es vor der Pandemie nicht gab. Sie kümmert sich eigentlich um Mütter und Babys, neuerdings hilft sie den älteren Geschwistern bei den Hausaufgaben, obwohl dafür keine Zeit vorgesehen ist. 

Eine Maßnahme, die in diesen Tagen genannt wird, um zu beweisen, wie sehr sich die Regierung für Kinder und Eltern einsetzt, ist die Erhöhung der Kinderkrankentage von zehn auf zwanzig Tagen pro Kind und Elternteil. In vielen Medien wurde die Idee, die Eltern-Entschädigung über das Kinderkrankengeld zu regeln, gefeiert. Und es klingt auch auf den ersten Blick gut: Anders als die Entschädigungen nach dem Infektionsschutzgesetz, die 67 Prozent des Gehaltes ersetzen sollen, soll das Kinderkrankengeld bis zu 90 Prozent des Nettoeinkommens ausmachen. Das stimmt so aber nicht, wie Teresa Bücker im SZ-Magazin aufdröselte. Das Kinderkrankengeld ist aufgrund der Beitragsbemessungsgrenze der Krankenkassen gedeckelt und beträgt pro Tag maximal 112,88 Euro. Das heißt, bei einem höheren Einkommen würde man deutlich weniger verdienen als zuvor und deutlich weniger als Kollegen ohne Kinder, die weiterarbeiten wie bisher. Außerdem gilt es nicht für alle Eltern.

Die Entscheidung, was man macht, wird auf die Eltern abgewälzt: Riskiert man Ärger mit dem Arbeitgeber und den Kollegen oder nimmt man das Risiko in Kauf, dass das Kind sich und andere anstecken kann? „Das Kinderkrankengeld ist ein vergiftetes Geschenk“, schreibt Bücker. Kein Wunder, dass das Angebot bisher nicht mit allzu großer Begeisterung angenommen wird.