TokioAki Yamada hat klare Pläne. Nachdem sie ein paar Jahre lang im Personalwesen gearbeitet hat, heiratete sie vor einem guten Jahr ihren jetzigen Mann. „Bald werde ich das Berufsleben verlassen“, sagt sie, „weil ich schwanger werden will, und mit der Geburt ist die Karriere dann vorbei.“ Das sei immer so. Deshalb denkt die 27-Jährige aus Yokohama jetzt besonders an ihren Körper, die Rolle einer werdenden Mutter sei schließlich eine ganz neue. Die schlanke Frau werde auf eine gesunde Ernährung achten, denn: „Ich will versuchen, nicht so sehr zuzunehmen.“

Dickere Beine und Arme oder Falten am Bauch und unterm Kinn gelte es zu vermeiden. „Man legt in der Schwangerschaft zwar ein bisschen zu, aber später will ich ja meinen alten Körper zurück.“ Alles andere sei nicht nur nicht gesund, sondern auch nicht schön. „Ich will so hübsch bleiben, wie es geht.“ Und bei Schönheit gehe es eben auch bei einer Frau wie Aki Yamada, die bei 1,52 Metern Körpergröße nur 42 Kilo wiegt, nicht zuletzt ums Gewicht.

In Japan ist so eine Einstellung nicht untypisch. Im Gegenteil, Studien und das Alltagsleben zeigen, dass sie die Norm ist. Während es heutzutage in den meisten Ländern als ein Zeichen von Schönheit, Charakterfestigkeit und Erfolg gilt, wenn man nicht übergewichtig ist, geht dieser Druck im ostasiatischen Land noch weiter. Gerade für Frauen gilt das Ideal: möglichst dünn zu sein ist erstrebenswert, und wer diesen Zustand über alle möglichen Lebensereignisse hinweg hält, strahlt als Vorbild für andere.

Dies ist auch bei werdenden Müttern der Fall. Eine Studie, die 2018 im Forschungsmagazin Scientific Reports veröffentlicht wurde, kam zum Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Frauen in Japan während der Schwangerschaft weniger als die von der Regierung empfohlenen zwölf Kilo zunehmen wollen. Die meisten der Befragten glauben, geringe Gewichtszunahmen seien förderlich für eine sichere Geburt und daher auch für die Gesundheit des Kindes. 

Doch das japanische Schlankheitsideal reduziert sich keineswegs auf Lebensereignisse, durch die ein Körper natürlicherweise an Masse zulegt. Vor sechs Jahren sorgte ein Männermagazin für großes Aufsehen, als es auf einer ganzen Seite die Eigenschaften der vermeintlich perfekten Frau minutiös auflistete. Unter anderem stand da bei einer Größe von 160 Zentimetern ein Gewicht von 48 Kilo. Auf Twitter wurde daraufhin zwar heiß diskutiert, ob das nicht zu viel verlangt sei. Dabei wirkten die Angaben nicht bloß wie wilde Fantasien von ein paar Redakteuren. Von ähnlichen Idealmaßen ist in Japan durchaus immer wieder zu hören.

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Namie Amuro verkörperte in den 90ern das Schönheitsideal, für viele Kinder und Jugendliche ist sie noch immer ein Role Model.

Ähnlich werden nämlich auch Kinder mit strengen Vorgaben konfrontiert. Mehrere Magazine erstellen vor allem für Mädchen verschiedener Altersklassen Listen mit für makellos erklärten Körperabmessungen auf. Da kann es unter anderem um die Dicke des Unterarms, der Oberschenkel, den Hals oder die Wade gehen. Laut dem Magazin Nicola etwa, das sich an Leser im Pubertätsalter richtet, hätte der perfekte Körper einer 12- bis 14-Jährigen eine Größe von 1,55 Metern und ein Gewicht von 34 Kilo. Der entsprechende Hüftumfang liegt demnach bei 57 Zentimetern, der Oberarm bei 18.

Kaum verwunderlich, dass in dem ostasiatischen Land zuletzt die sogenannte Cinderella-Diät so berühmt und beliebt wurde. Dabei orientiert sich das Idealgewicht am Körper der durch ihre Wespentaille auffälligen Protagonistin des gleichnamigen Disneyfilms. Um das eigene Cinderella-Gewicht zu ermitteln, quadriert man seine Körpergröße in Metern und multipliziert sie mit der Zahl 18. Bei 1,65 Metern wären das dann 49 Kilo, was laut Body Mass Index für eine 30-jährige Frau schon leichtes Untergewicht bedeutet. Wer drüber liegt, dem wird schlicht eine Kalorienreduktion empfohlen.

Ob es um Geschlechterrollen, das Berufsleben oder das Aussehen geht – in Japan schätzt man tendenziell das, was als ideal und daher normal vorgegeben ist. So spricht man vom Land selbst auch gern als „homogener Gesellschaft“, in der sich alle ähnlich seien. Gern wird das Sprichwort rezitiert: „Ein Nagel, der aus der Wand sticht, wird wieder hineingeschlagen.“ Uniformität ist Trumpf.

Zur Qual wird diese Art von Kollektivismus, wenn die vorgegebenen Ideale kaum erreichbar sind. Die Idee, dass junge Frauen noch ein bisschen dünner sein sollten, etablierte sich in Japan spätestens in den 1990er-Jahren. Damals begann die Karriere der sehr schlanken Sängerin Namie Amuro, die bis heute als Queen des J-Pop gilt. „Wir wollten alle so sein wie sie“, sagt Chika Tsuda, eine 37-jährige Lehrerin aus Osaka. „Und das Seltsame ist, dass die Kinder und Jugendlichen von heute das immer noch wollen.“

Chika Tsuda erzählt, wie sie als Teenager Diäten machte, damit sie aussähe wie Namie Amuro. „Bei meiner Schwangerschaft vor neun Jahren kam meine Mutter wieder auf mich zu und achtete darauf, dass ich ordentlich zunahm.“ Im Trend lag die Lehrerin damit nicht unbedingt: Dünne Frauen mit einem dicken ballförmigen Bauch werden lobend „mama talent“ genannt – was so viel wie „Starmutter“ bedeutet.

Doch gegen das Hungern nach Norm regt sich auch Widerstand. In Japan ist es vor allem die kleine Minderheit übergewichtiger Personen, die nur drei Prozent erwachsener Frauen ausmacht, sich aber vermehrt deutlich gegen die Schlankheitsnormen stellt. So wie Modeunternehmerin und Comedian Naomi Watanabe, die 110 Kilo wiegt und sich auf Instagram gern mit Süßigkeiten ablichten lässt, während sie ihren Körper dabei zur Schau stellt. Als „Sprachrohr der Plus-Size-Frauen“ versteht sich Watanabe. Nicht zuletzt wegen ihrer großzügigen Modelinie erklärte die japanische Ausgabe des Magazins Vogue Watanabe im Jahr 2016 zur Frau des Jahres.

Und zuletzt zog auch die Popmusik nach, die ja erst maßgeblich für die schwierigen Schlankheitsvorstellungen im Land gesorgt hat. Mit der Girlgroup „Big Angel“ startet nun eine Gruppe in ihr drittes Bandjahr, die aus fünf übergewichtigen jungen Frauen besteht. Die Anführerin, Michiko Gotochi, erklärte vor kurzem in einem Interview: „Ich wollte ein schlankes Model sein und musste dafür nur hungern. Nach einem halben Jahr in einer Agentur wurde mir gesagt, dass ich jetzt gehen könne. Danach begann das Frustfressen.“ Heute wiegt sie statt den einst 54 Kilo etwas mehr als das Doppelte. „Ich hätte nie gedacht, dass wir als Big Angels Fans haben. Aber wir sind richtig beliebt.“