„Mädchen, weine und klage nicht, wenn es trocken ist, spritze das Feld“, steht auf dem Felsen im ausgetrockneten Flussbett der Elbe. Wer aber nun glaubt, dass sich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner mit Hammer und Meißel hier verewigt hat, um die wegen der Dürreperiode auf Entschädigungszahlungen drängenden Bauern in die Schranken zu weisen, der irrt gewaltig. Der Spruch ist 80 Jahre alt und wurde 1938 von dem Pumpenfabrikanten Frantisek Sigmund angebracht. Er steht auf einem sogenannten Hungerstein in der Elbe bei Decín, dem früheren Tetschen.

Wer an großen Flüssen wie der Elbe und dem Rhein unterwegs ist, findet häufig an den ufernahen Häusern Markierungen, die den Wasserstand bei historischen Hochwasserkatastrophen anzeigen. In diesem Sommer aber, dessen lange Hitze- und Trockenperiode den Wasserstand vieler Flüsse extrem zurückgehen ließ, treten andere stumme Zeitzeugen zutage – die Hungersteine. Dabei handelt es sich um natürliche Gesteine, die im Flussbett liegen und nur bei ganz niedrigen Wasserständen freiliegen. Sie sind mit Jahreszahlen und Inschriften versehen, die an Hitzeperioden in den vergangenen Jahrhunderten erinnern. Die meisten Hungersteine finden sich in der Elbe. Von Rhein, Weser und Mosel sind nur eine Handvoll solcher Markierungen bekannt.

„Wer einst mich sah, der hat geweint. Wer jetzt mich sieht, wird weinen."

Eine der in abgewandelter Form immer wieder zu entdeckenden Inschriften auf solchen Steinen lautet: „Wenn du mich siehst, dann weine“. Diese Inschriften bedeuten, dass solche Jahre mit extremer Trockenheit in den zurückliegenden Jahrhunderten Hunger und großes Leid über die Bevölkerung brachten. Die Ernten waren so schlecht, dass sie die Bauern nicht ernähren konnten. Binnenschiffer vermochten auf den ausgetrockneten Flüssen wichtige Frachten wie Lebensmittel, Holz und Baustoffe nicht mehr zu transportieren, was ganze Industriezweige in Schwierigkeiten brachte. Und auch die von Wasser angetriebenen Mühlen drehten sich nicht mehr.

Auch auf dem Hungerstein in der Elbe bei Decín, bei dem es sich um den bislang ältesten bekannten seiner Art handelt, findet sich dieser Spruch. Er wurde vermutlich im 19. Jahrhundert in den Felsen geschlagen. Dazu sind mehrere Jahreszahlen eingeschlagen, die an zurückliegende Dürrezeiten erinnern: Die Inschriften von 1417 und 1473 sind dabei kaum mehr zu erkennen, dafür aber die Jahreszahlen 1616, 1746, 1790, 1800, 1842 und 1868. Zehn Kilometer weiter südlich, im heutigen Tchlovice nad Labem (Tichlowitz), liegt ein Hungerstein mit den Jahresangaben 1842, 1874, 1892 und 1904. Auf ihm ist in deutscher Sprache zu lesen: „Wer einst mich sah, der hat geweint. Wer jetzt mich sieht, wird weinen.“

Das sächsische Umweltlandesamt hat in Zusammenarbeit mit Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden insgesamt 17 Hungersteinen in der Elbe kartographiert, die man in diesem heißen Sommer das erste Mal seit vielen Jahren wieder besichtigen kann. Dazu gehören etwa die Steine bei Oberposta und Königstein, auf denen Jahreszahlen von 1681 bis 1914 zu erkennen sind. Am Fuße der westlichen Sphinx an der Freitreppe von Schloss Pillnitz zeigt ein undatierter Hungerstein eine Niedrigwassermarke, die knapp neun Meter unter dem Höchststand des Elbehochwassers aus dem Katastrophensommer 2002 liegt.

Über den Hungerstein bei Meißen, der die Jahreszahl 1654 trägt, gibt es einen zeithistorischen Bericht aus dem Dürrejahr 1746. Diesen zitiert Johann Friedrich Ursinus in seiner 1790 verfassten „Collektania zur Geschichte der Stadt und des Landes Meißen“. Darin heißt es: „Bey Meißen unweit des Einflusses der Triebisch in die Elbe, kamen verschiedene mit Jahreszahlen bemerkte Steine zum Vorschein, sonderlich einer mit 1654, in welchem Jahre auch wegen sehr heißer Witterung fast alle Gewässer vertrocknet…“. Der nördlichste Hungerstein liegt laut der sächsischen Liste bei Schönebeck in Sachsen-Anhalt. Er trägt die Daten „29.08.1904“ und „11.08.21“.