Eine Deutschland-Flagge.
Foto: dpa/Daniel Karmann

TOCHTER: Was liest du da?

MUTTER: Einen Artikel darüber, was es bedeutet, wenn Deutschland die Ratspräsidentschaft in der EU übernimmt.

Ich finde das gut. Ich finde es gut, wenn Deutschland mehr Einfluss in Europa gewinnt.

Warum?

Es geht nicht um Patriotismus. Aber ich finde, wenn Deutschland mehr Macht in Europa hat, dann bekommt man auch als deutscher Bürger mehr Einfluss. Meine Wahlentscheidung in Deutschland hat dann ja automatisch mehr Auswirkung.

Na, durch die Ratspräsidentschaft ändert sich aber doch nichts an der Zahl der Mandate.

Es geht um indirekten Einfluss. Ich bin relativ zufrieden mit der deutschen Politik.

Ah, verstehe. Wenn sich diese Politik in Europa stärker durchsetzt, gefällt dir Europa auch besser.

Ja, genau. Ein wichtiger Faktor ist zum Beispiel, dass mehr deutscher Einfluss auch heißt, dass Länder wie Ungarn oder Polen weniger Einfluss haben und die EU konservativer machen können. Durch Deutschland wird also die EU liberaler.

Okay, das ist es, was dich eigentlich interessiert, dass die EU liberaler und nicht populistischer wird.

Ich finde zwar einiges verbesserungsbedürftig an der deutschen Politik. Aber im Grunde ist es schon die richtige Richtung. Dementsprechend finde ich es auch gut, wenn Deutschland mehr Einfluss gewinnt.

Den Wunsch nach einem liberalen Kurs kann ich nachvollziehen. Was ist mit anderen Dingen? Deutscher Einfluss heißt auch größere Orientierung nach wirtschaftlichen Kriterien, weil wirtschaftliches Denken in Deutschland einen größeren Stellenwert besitzt als in vielen anderen Ländern.

Ich empfinde Deutschland als ziemlich sozial. Aber klar, wenn man marktfähig bleiben will in Konkurrenz zu China und den USA, kann man nicht nur aufs Soziale gucken. Finde ich zwar schade, ist aber so. Das Soziale allein macht einen nicht wettbewerbsfähig. Aber deshalb ist Deutschland ja so einflussreich, weil es auf Wettbewerb achtet und die Wirtschaft davon profitiert. Man kann aber den Kurs trotzdem ausgestalten, zum Beispiel ökologisch.

Interessant, dass du so ein positives Bild von Deutschland hast.

Na, ich finde es eigentlich nicht positiv und denke, man sollte mehr auf Soziales gehen. Aber ich finde es verständlich. Wir würden nicht so gut dastehen, wenn wir nicht so stark nach wirtschaftlichen Kriterien entscheiden würden.

Mir ist es oft zu viel Wettbewerb. Ich hätte gern noch mehr Grundversorgung, damit die Unterschiede zwischen Leuten, die gut dastehen, und solchen, die extreme Probleme haben, nicht immer größer werden.

Ich sehe noch ein anderes Problem: Wenn ein Land wie Deutschland mehr Macht gewinnt, ist es ausschlaggebend für die ganze Entwicklung Europas. Wenn sich also Deutschland in eine schlechte Richtung entwickeln würde, wäre es schlecht für alle. Das finde ich fragwürdig. Außerdem fühlen sich Staaten, die weniger Macht haben, ausgegrenzt oder nicht gehört und dann treten sie aus. Eine Vormachtstellung ist also das Gegenteil von einem gemeinsamen Europa.