OffenTüren: jeder ist willkommen.
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JoachimsthalEigentlich wollten wir in den Herbstferien an die Ostsee fahren. Die Vermieter klangen bis zum Schluss optimistisch, mecklenburgisch optimistisch. Wir sollen doch erstmal abwarten, es werde schon nicht so schlimm. Beherbungsverbot, naja. Erst mal sehen, was das Kabinett sagt. Ich bin in der DDR aufgewachsen. Eingesperrt in ein kleines und sehr enges Land, hatte die Ostsee für mich etwas von einer Badewanne, in der man mit Entchen spielt und von den Ozeanen träumt. Als die Mauer dann fiel, wollte ich nur noch an Küsten fahren, die ich nicht kannte. Die Ostsee nun wiederzusehen, war unter den Umständen okay. Corona macht die Welt wieder klein. Deshalb auch war es wie eine Erinnerung an das Eingesperrtsein in der DDR, als die Absage kam. Rügen wurde zum exotischen, unerreichbaren Ort. Wer hätte das gedacht.

Deshalb rief ich meine Freundin Bea Spreng in Brandenburg an, ob ich sie nicht besuchen könne. Brandenburgs Beherbergungsverbot kippte, und Bea hat ein altes Haus mit vielen Zimmern. Bis vor einigen Monaten war sie Pastorin in Joachimsthal. Als ich sie vor 23 Jahren kennenlernte, steckte sie in einer schlimmen Krise. Hatte sie doch Mitte der 90er-Jahre die Unverschämtheit besessen, auf den massiven Rechtsextremismus hinzuweisen, der in Joachimsthal das Klima beherrschte. Bea Spreng war aus dem Westen hierhergezogen, ihr Mann leitete ein musikalisches Projekt mit Kids unterschiedlicher Herkunft in Berlin-Kreuzberg.

Die beiden hatten beschlossen, Kreuzberger Kids einzuladen, um in der Kirche mit Kindern aus Joachimsthal Musik zu machen. Da kam es zum ersten Überfall von Nazis. Die Kinder – einige im Bus, andere in der Kirche - wurden aus dem Hinterhalt angegriffen. Bea Spreng und die anderen Betreuer gingen dazwischen und versuchten, die schlimmsten Schläge abzuwehren. Eine dramatische und traumatisierende Situation. Gleich am nächsten Tag war die Pfarrerin beim Bürgermeister. Man müsse unbedingt etwas tun gegen Rassismus, gegen die organisierten Nazis. Der Bürgermeister reagierte: Von Stund an galt die neue Pfarrerin als Nestbeschmutzerin. Als Feindin. Die aus dem Westen, die mit den „Ausländerkindern“, die mit den Medien spricht und uns schlechtmacht.

Es folgte Jahre der Intrigen gegen sie, man wollte sie in Geschäften nicht bedienen, das Pfarrhaus wurde mehrfach überfallen, ihre Arbeit behindert. Damals lernte ich sie kennen. Sie war nahe dran, aufzugeben. Ich habe sie dabei unterstützen dürfen, eine Gegenoffensive zu starten. Auch Joachimsthal bekam ein Musikprojekt. Kinder aus der Region, einschließlich geflüchteter, gründeten nun mit Musikern selbst Bands. Und sie fuhren nach Kreuzberg. Sie traten überall in Deutschland auf. Sie hatten diesen gemeinsamen, dritten Ort, die Musik, um einander zu verstehen. BAFF, Bands auf festen Füßen. Wunderbare, ganz feste Füße für viele Generationen von Jugendlichen. Bea Spreng hat durchgehalten, sie und die Kinder waren am Ende stärker als der Hass. Sie haben Joachimsthal verändert.

Jetzt sind wir in dem alten Haus, das allen offensteht. Auf dem Küchentisch liegt die Urkunde für den Brandenburger Friedenspreis, den sie für ihr Engagement bekam. Der Preis komme gerade recht, sagt sie. Denn die Arbeit geht weiter. Sie ist Christin, da gibt es kein Beherbergungsverbot.