Journalist und Buchautor Juan Moreno
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BerlinDie Suche kennt fast jeder: Wie drücke ich mich aus? Welches Wort wäre übertrieben, ungenau, abgenutzt, dumm, falsche Assoziationen weckend? Sprache zeigt, wer man ist und was man von dem hält, mit dem man spricht. Ich lasse das Internet mal weg. Denn wenn ich mich nicht täusche, dann spielen sich auch im wirklichen Leben die wuchtigen Worte nach vorn, die mit Beigeschmack. Und machen gute Sachen schlecht.

Ich lese in einer Reportage, dass die Bevölkerung immer mehr Müll wegschmeißt – auf Bürgersteige, in Wälder, auf Bahndämme, in Wasserschutzgebiete. Auch Gifte, Schlacken, tierische Eingeweide werden illegal entsorgt. Deutsche Städte beauftragen kommunale Entsorger, weil das eigene Personal nicht reicht. Die Arbeiter heißen „Mülldetektive“ oder „Waste Watchers“. Sie sollen die Verursacher finden und anzeigen. Sonst muss der Staat zahlen – in Berlin sind das jährlich etwa vier Millionen Euro.

In dieser Reportage werden die Mülldetektive mit Verachtung bedacht: Schon die Unterzeile nennt sie „Spitzel“. Man fühle sich „in Stasi-Zeiten zurückversetzt“, wenn die Entsorger in einem Bauwagen beobachten, wer was in Container schüttet. Sie machen einen „Spitzeljob“. Es gibt eine App, „damit die braven Bürger Schuldige bequem per Smartphone anschwärzen können“. Das schreibt ein Kollege in seiner ansonsten sehr informativen Recherche. Wem gilt seine Verachtung?

Ist Edward Snowden ein Spitzel?

„Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“ Als Kinder sangen wir: „Petze, Petze ging in Laden. Wollt für’n Sechser Käse haben. Sechser-Käse gab es nicht. Petze, Petze ärgert sich.“ Niemand will bespitzelt und gemeldet werden. Aber eine Nachfrage sollte folgen: Nutzt sich jemand damit selbst oder anderen?

Sind Whistleblower Spitzel? Wir verdanken ihnen Informationen, die wir ohne sie unmöglich haben könnten. Zum Beispiel über das Ausspähpotenzial der NSA, des Auslandgeheimdienstes der USA. 2013 saß Edward Snowden nach seiner Flucht im Transitbereich des Moskauer Flughafens fest. Er verschickte Mails und bat 21 Länder um Asyl: „Rundmails“ – nannte das Bundesinnenminister Friedrich, er stand dabei auf einem Podium und grinste. Später sagte er: „Whistleblower versuchten natürlich, eine Gewissensentscheidung zu suggerieren.“

Moreno spinnt. Moreno diffamiert. So hieß es für ein paar Wochen in der Redaktion des Magazins Spiegel. Juan Moreno und Claas Relotius hatten eine Reportage geschrieben. Relotius ist ein 40-fach preisgekrönter Journalist, eine Lichtgestalt, Moreno, weniger berühmt, entdeckt Fehler in dessen Teil der Reportage. Zuerst will er selber nicht glauben, was nicht zu übersehen ist. Er sammelt Beweise, die ihm keiner abnimmt.

Die Suche nach der Wahrheit bringt den Suchenden an seine Grenzen, gefährdet seine Existenz, macht ihn fast irre. Er hat danach ein kluges, bedachtes Buch geschrieben: „Tausend Zeilen Lügen. Das System Relotius und der deutsche Journalismus.“ Das Buch ist auch die Geschichte einer Selbstprüfung, an der „feinen Linie zwischen Mut und Dämlichkeit“.

Relotius musste seinen fortwährenden Betrug gestehen. Die Medien feierten nun Juan Moreno. Auch die „Bunte“ schreibt von einer Heldentat. Aber die Überschrift ist so: „Wann muss man seinen Kollegen verpfeifen?“